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Von Kriegern, Bauern und Schafen

Ricklingen Von Kriegern, Bauern und Schafen

Bezirksbürgermeister Markurth begibt sich mit Besuchergruppen auf Spurensuche zwischen Legende und Geschichte im alten Ricklingen.

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Am Edelhof: Mit Genuss erzählt Andreas Markurth (rechts) die Legende vom Tilly-Birnbaum.

Quelle: Schwarzenberger

Ricklingen. Da ist er also, der Köttelgang. Mitten im alten Dorf, gleich neben dem einstigen Kohlenhof Vahrs, liegt der schmale Weg. Er verbindet die Stammestraße mit der Beekestraße und entlockt älteren Ricklingern in der Runde ein wissendes Nicken. Was es mit diesem Namen auf sich hat, will Andreas Markurth noch klären. Mit dem Ricklinger SPD-Ortsverein und gut 30 Bürgern ist der Bezirksbürgermeister an diesem Tag unterwegs - als Stadtführer durch die historischen Ecken Ricklingens.

Als Sekundant für diesen Rundgang ist Alfred Hagemann dabei, der Ricklinger Ortschronist, der Bücher mit historischen Fotos und vielen Anekdoten über den Stadtteil veröffentlicht hat. Das Reden aber übernimmt Markurth, bewaffnet mit einem dicken Ordner voll Hagemannscher Notizen. In dem unter anderem steht, dass das Dorf Ricklingen im 12. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt wurde. Oder dass der Ort um 1585 aus knapp 40 Familien bestand; die meisten von ihnen einfache Katenbesitzer - oder Köthner -, ein Viertel lebte auf Vollmeierhöfen. Diese Familien hatten deutlich mehr Land. Und dann gab es da schon den Edelhof. Ein Rittergut, das eng mit dem Adelsgeschlecht von Alten verbunden ist. Diese Familie war schon ein paar Jahrzehnte in Ricklingen, als sie 1340 eine Kapelle errichten ließ. Das Gut erlebte bis in die Gegenwart mehrere Umbauten, aber die Kapelle ist noch immer da. Der Ricklinger Zweig der Familie von Alten ist auch noch da; nur heißt er seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs v. der Osten, das „von“ wird nicht ausgeschrieben.

1946 schwappte ein mächtiges Hochwasser, gespeist aus Beeke und Leine, rund um das Rittergut und floss durch die Ricklinger Straßen und Gassen. Niemand konnte sich damals an eine schlimmere Flut in Hannover erinnern; kurz darauf bekam Ricklingen seinen Deich. Mit Wasserstandsmarken in irrwitzig anmutender Höhe, die am großen Deichtor an die Jahrhundertflut und ähnliche Ereignisse erinnern. Auch dort geht Markurth mit seiner Gruppe vorbei. Am Edelhof aber weiß er von blutigen Legenden zu berichten. Eine geht so: 1625 weilte der katholische Feldherr Tilly in Hannover und schlug auch in Ricklingen sein Lager auf. Selbstredend nahm er im Rittergut Quartier. Ein Soldat Tillys geriet in Streit, mit wem auch immer, und wurde unter einem Birnenbaum erschlagen. „Sein Blut floss in die Erde und weiter in die Baumwurzeln“, deklamiert Markurth. Seither, so die Legende weiter, wachsen am Tilly-Baum Birnen mit rotem Fruchtfleisch. Hagemann, ein ganz auf Fakten bedachter Chronist, verschränkt die Arme. „Das hat er nicht von mir“, ruft er. Fakt ist, dass Landsknechte während des Dreißigjährigen Krieges auf dem alten Edelhof waren. Drei Jahrhunderte später, nach dem Ende eines weiteren schlimmen Krieges, richteten sich britische Besatzungssoldaten im Gut ein.

Der Wandel kam auch zivil. Zu sehen auch an der Entwicklung des Schwimmvereins Aegir. Der holte die Menschen vor nahezu 100 Jahren erst in ein Freibad an die Beeke, später zu einem Möwebad getauften Badeteich - beides hinterließ kaum Spuren. Inzwischen betreibt Aegir ein modernes Freibad neben den Kiesteichen.

Und gewachsen ist dieses Ricklingen; Markurth zitiert ein paar Zahlen. Rund 400 Einwohner um 1700, schon 3000 um 1900. „Heute sind es knapp 13 000.“ Für alle diese Bewohner kamen Gasthäuser und verschwanden wieder: Es gab die Dampfwäscherei Zum Storchennest, die in den 1970er-Jahren zugunsten des Studentenwohnheims Am Papehof abgerissen wurde. Gleich nebenan gab es den alten Kolonialwarenladen der Familie Borchers. Abriss 1980. Heute stehen Garagen dort.

Weniger Dorf, mehr Stadt - solche Umwälzungen ändern das Antlitz eines Ortes. Zu sehen an der Beekestraße 103, dem einstigen Gronohof. Die Familie baute den Hof um 1897. Davon zeugen heute nur noch mit Moos bewachsene Torpfeiler an der Straße. Dahinter ragen Terrassenhäuser aus dem Jahr 1971 in die Höhe. Auch andere Höfe verschwanden. Oder wurden, mit einigen Um- und Neubauten, in die Gegenwart integriert, wie der Großkopfsche Hof. Zu dessen Hofleben gehörte noch vor wenigen Jahrzehnten eine große Schafherde. In Ricklingen war es ein gewohnter Anblick, dass mehrere Hundert Tiere zwischen Hof und Weiden mitten durch die Ricklinger Gassen getrieben wurden. Und durch den Köttelgang, den der Volksmund nach den Hinterlassenschaften der Herde benannte.

Von Marcel Schwarzenberger

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