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Wie hip ist die Südstadt?

Kneipenszene wandelt sich Wie hip ist die Südstadt?

Ausgehen in der Südstadt, geht das noch? Nachdem bekannt wurde, dass nach dem Spiegel und dem Kalabusch am Jahresende auch das Pindopp schließt, stellen sich viele diese Frage. Stadt-Anzeiger-Reporter Mario Moers hat das Nachtleben in der Südstadt am Wochenende unter die Lupe genommen.

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Schwören auf das Wohnzimmer am Aegi: Katharina (v. l.), Tobias, Florian und Marie.

Quelle: Mario Moers

Südstadt. „Das Pindopp können wir uns schenken, weil die sowieso zumachen“, findet Angelika. Meine Begleiterin bastelt bereits an einem Schlachtplan, als wir uns um 21 Uhr zwischen den Säulen des NordLB-Gebäudes treffen. „Am Tor in die Südstadt“, hatte sie mir in einer SMS geschrieben: Der Startpunkt für unsere Kneipensafari. Als zugezogener Mittdreißiger bin ich auf die Unterstützung der geborenen Hannoveranerin angewiesen. Nur Zeitzeugen älteren Semesters können schließlich beurteilen, wie sich das Kneipensterben auf die Ausgehkultur auswirkt. Dass der vermeintliche Niedergang eigentlich ein Generationswechsel ist, wird gleich bei der ersten Station deutlich.

Ein Zug durch die Südstadt: Kneipen und Bars des Stadtteils an einem Sonnabendabend – ein Streifzug.

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Das Wohnzimmer in der Maschstraße ist ein moderner Pub, im Design einer Londoner Eckkneipe. „Früher war hier das Üme Ecke, einer der Traditionsläden“, klärt mich meine Begleitung auf. Der Anblick einer nach Bankern aussehenden Hemden-Fraktion vor dem Laden lässt uns kurz zögern, ob wir vielleicht doch lieber in dem vollen Außenbereich der Ständigen Vertretung gegenüber einkehren sollten. Ein attraktives Bierportfolio auf der Werbetafel zieht uns schließlich doch an den stilvollen Holztresen.

Craftbeer statt althergebrachtem Pils

Hinter einer ganzen Reihe Zapfhähne mit den Logos exotischer Biersorten steht die gut gelaunte Barkeeperin Ina. Kundig berät sie uns bei der Bestellung aus etwa 50 verschiedenen Bieren. Ganz im internationalen Trend liegend, setzt das Wohnzimmer auf Craft-Beer. Hinter dem Trendbegriff verbergen sich Biere, die häufig von kleinen Brauereien in besonderen Brauverfahren hergestellt werden. Die handgemachten Biere laden auch in Hannover in immer mehr Bars zum Experimentieren ein.

Das verlässliche Pils scheint niemanden mehr aus dem privaten Wohnzimmer zu locken. Das ist der Hauptgrund für das Kneipensterben, das nicht nur der Südstadtgastronomie zusetzt. Beim ersten Schluck meines exotischen Biers muss ich an eine Zeile aus einem Westernhagen Lied denken. „Ich trinke nur Bier wegen meinem Magen“, sang der 1981 in seiner Ode an die Achtzigerjahre-Bierkneipe. „Hier in der Kneipe fühl’ ich mich frei“, heißt das Lied. Im selben Jahr wurde das Pindopp eröffnet.

Das eigenwillige Fruchtbier, das ich im Wohnzimmer zügig serviert bekomme, wird Westernhagen nicht gemeint haben. Auch die Schimanski-Atmosphäre des Liedes passt nicht zu dem Pub im Bankenviertel. Ich finde das Bier trotzdem lecker. Buletten gibt es übrigens immer noch. Zur „Frika“ wird edles Brot von Broterbe Gaues serviert. Meine Begleiterin hält es auch im Glas solide und bestellt ein Staropramen. „Ich bin da Puristin“, sagt sie. Im viktorianisch eingerichteten Wohnzimmer könnte etwas mehr los sein, finden wir beide.

Nächster Stopp: Spandau

Vom Nachbartisch rüber schlägt uns eine Gruppe jüngerer Besucher das "Toll-Manns" in der Simrockstraße vor. „Das ist die erste und einzige richtige Bar, die es in der Südstadt gibt“, schwärmt Florian. Seine vier Begleiter stimmen ihm zu. Die Klassiker, Pindopp und Konsorten, seien für Leute in ihrem Alter uninteressant. Dass dort nun aber ein Café Extrablatt einzieht, stört sie doch. „Etwas Persönlicheres, Inhabergeführtes wäre besser“, glaubt der 32-Jährige.

Als wir das Wohnzimmer um 22 Uhr verlassen, ist es draußen vor der Ständigen Vertretung noch immer voll. Einige versprengte Fußballfans scheinen hier gestrandet zu sein. An anderen Tischen wird sich gepflegt unterhalten. Die großformatigen Plakate von Nachkriegs-Polit-Größen an den Wänden erinnern mich an den geschlossenen Spiegel. Für einen Sonnabend verspricht uns der Klassiker am Aegi zu wenig neue Eindrücke.

Wir kreuzen also die Hildesheimer Straße. Dabei kommen wir an Krüs Sportsbar vorbei. Bierseliges Gelächter schallt über die Straße. Manchmal gibt es hier Livemusik, lese ich später auf der Facebook-Seite des Ladens. Unser nächster Halt ist das Spandau in der Lutherstraße. Um halb elf ist es dort so voll, dass wir zuerst keinen Sitzplatz finden. Wir sind überrascht, wie gemischt das Publikum in dem modern in Weiß gehaltenem Laden ist. Die größte Gruppe sieht aus wie die Belegschaft einer Werbeagentur. An anderen Tischen sitzen gutbürgerliche Senioren beim Wein. Daneben vielleicht eine Clique Musikstudenten.

Toll-Manns ist nur ein Übergangsname

Seit dem Frühjahr gibt es den Ableger der Nordstadt-Institution Spandau in der Südstadt. „Wir waren selber etwas überrascht, wie gut das hier ankommt“, freut sich Betriebsleiter Michael Geschke über den vollen Laden. Manchmal kämen noch Gäste, die den alten Griechen suchen, den es an der Stelle einmal gab. Heute Abend scheinen alle Besucher hochzufrieden mit dem neuen Angebot. Statt Gyros stehen nun „Patatas mit Knoblauch“ (5,80 Euro) und „Champignon Risotto mit Schweinemedaillons“ (11,90 Euro) auf der Abendkarte.

„Es ist schön, dass sich in der Südstadt was tut“, findet Stadtteilbewohner Thomas. Mit Freunden ist er das erste Mal hier. Vermutlich wird er wiederkommen. In der Südstadt gibt es ja sonst nicht soviel, konstatiert er. Auch seine Bekannten vom Nachbartisch müssen überlegen, welche Läden sie uns noch empfehlen können. „Für Cocktails vielleicht das Pangea“, verweist uns Inga auf ein Lokal am Bertha-von-Suttner-Platz.

Nach ein paar Schlenkern durch menschenleere Straßen erreichen wir gegen 23 Uhr die Kunst- und Weinbar Toll-Manns in der Simrockstraße. Wir sind angenehm erstaunt, dass wir vor dem jüngsten Neuzugang in der Südstädter Gastroszene auch zu später Stunde noch im belebten Außenbereich Platz nehmen können. Seit etwa drei Monaten gibt es den Laden, der als Geheimtipp gehandelt wird. Toll-Manns heißt er aber nur vorübergehnd. „Der Name wechselt mit jeder neuen Ausstellung, die wir machen“, klärt uns Inhaber Iwan Issajew auf. Der ehemalige Rapper empfiehlt mir außerdem einen „Oppenheimer Sackträger“-Riesling. Meine Begleiterin freut sich, dass er ihr ein Mashsee-Trainingslager bringt, das derzeit bekannteste Craft-Beer. Es wurde in der Südstadt erfunden. „Ab dem Ende des Monats heißt der Laden Jenny’s Bar“, erzählt uns Issajew. Dann stellt nämlich eine Künstlerin namens Jenny Steinke ihre Bilder in der Kunstbar aus.

Schick oder langweilig und überaltert?

Angetan von der Neuentdeckung sehen wir uns etwas im ideenreichfunktionalistisch eingerichteten Laden um. Leider ist es, anders als draußen, an den selbst gebauten Tischen aus Europaletten recht leer. Aus den Boxen schallt angesagte House-Musik in motivierender, aber nicht störender Lautstärke.

„Ich würde die Läden hier als schick beschreiben“, findet die 26-jährige Mandy. Ihr Begleiter aus Linden hält „langweilig und überaltert“ für die geeigneten Adjektive, um die Südstadt-Szene zu charakterisieren.

In der Kunst- und Weinbar ist das Publikum allerdings durchweg jünger - studentisch oder darüber. Meiner Begleiterin fällt auf, dass auch nach 24 Uhr noch neue Gäste in den Laden hineinschnuppern. Gut ein Dutzend sitzen dort, als wir eine halbe Stunde später aufbrechen. Wir kommen vorbei am La Sall, wo eine Bedienung gerade die Lichter ausmacht. Dann an der geschlossenen Tapas-Bar am Altenbekener Damm, wo früher der Spiegel war. Wir beenden unsere Kneipentour zwangsweise vor dem Pindopp. Zwei Personen sitzen dort noch an der Bar. Es sind vermutlich die Angestellten, die endlich Feierabend machen wollen.

Gerstenkorn ersetzt 
das Kalabusch

Im leeren Kalabusch herrscht wieder Betrieb. Die verlassenen Räume an der Ecke Sallstraße und Stolzestraße werden derzeit vom Team des Restaurants Gerstenkorn hergerichtet. Das Lokal von Michaeil Isaakidis musste seine alte Heimat in der Großen Düwelstraße 48 verlassen, weil dieses Haus für eine Luxuswohnanlage abgerissen werden soll. Dort war das Gerstenkorn seit 1991 ansässig und konnte mit Kegelbahn, Fußballübertragungen und griechischer Küche bei seinen Gästen punkten. Die Neueröffnung in der Sallstraße ist für Ende dieses Monats geplant.

cli

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