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Wo die Ricklinger den Atomkrieg überleben sollten

Ricklingen Wo die Ricklinger den Atomkrieg überleben sollten

Der Bunker an der Wallensteinstraße wurde in den vierziger Jahren erbaut und in den sechziger Jahren für den Ernstfall gerüstet. Seit zwei Jahren kümmern sich die Mitglieder des Verein "Vorbei" um das Gebäude – und haben ein sehr authentisches Museum geschaffen.

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Der Bunker in der Torstenssonstraße 1 in Ricklingen wurde zwischen 1942-1944 gebaut und von 1965-1968 auf den Atomkrieg vorbereitet. Jetzt ist er ein Museum.

Quelle: Moers

Oberricklingen. Zweieinhalb Meter Stahlbeton trennen das Innere des Bunkers Wallensteinstraße in Oberricklingen von der Außenwelt. Wer hier im Kriegsfall Schutz suchte, sollte vor allem sicher sein - vor Bomben, chemischen Waffen, biologischen Kampfstoffen und Strahlung. Heute ist der Bunker nicht mehr als Schutzraum vorgesehen, Hannovers größte Zeitkapsel ist normalerweise verschlossen. Doch der Betonkoloss in der Torstenssonstraße kann als „Museumsbunker“ besichtigt werden: Für Führungen öffnet ihn Lars Knauer, der Vorsitzende des Denkmalschutzvereins Vorbei e.V.

Im Inneren des Betonbaus ist es mit acht bis zehn Grad recht kühl, die Luft riecht muffig. In den Lagerräumen finden sich kistenweise „Mola Damenbinden“, „Flausch-samtweiche Stahlwolle“ und unzählige Dosen Nivea Creme. Vom Plastiknuckel für Babyflaschen bis zu den makaber als „Plastikbeutel in Körpergröße“ verzeichneten Leichensäcken ist noch vieles vorhanden, was damals eingelagert wurde. Lediglich gefährliche Chemikalien, Treibstoffe und andere Substanzen wurden nach der Stilllegung beseitigt. „Wir wollen die Anlage möglichst im Originalzustand erhalten. Den damaligen Zivilschutz kann man gar nicht besser dokumentieren“, findet Knauer.

Der Bunker an der Wallensteinstraße wurde in den vierziger Jahren erbaut und in den sechziger Jahren für den Ernstfall gerüstet. Seit zwei Jahren kümmern sich die Mitglieder des Verein "Vorbei" um das Gebäude – und haben ein sehr authentisches Museum geschaffen.

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Während des Kalten Krieges schien die Gefahr eines kriegerischen Angriffs auf Deutschland noch real. Sollte es tatsächlich zu einem Atomschlag kommen, musste es schnell gehen. Nach Berechnungen des Amts für Zivilschutz hätten die Ricklinger nur zwei, höchstens drei Minuten Zeit gehabt, um sich in Sicherheit zu bringen. Wer überleben wollte, musste unter den ersten 2400 Menschen sein, die den Bunker erreichten - für mehr war kein Platz.

Knauer führt weiter durch das ungewöhnliche Bauwerk. Im Büro des Bunkerwarts im ersten Stock zieht er die „Bedienungsanleitung Bunker Wallensteinstraße“ aus dem Aktenschrank und erklärt an einem grauen Schreibtisch (Typ Amtsstube aus den fünfziger Jahren), wie der Ernstfall hätte ablaufen sollen. „In den Unterlagen wird nicht vom Kriegsfall gesprochen, sondern es wird meist nur auf den Tag X verwiesen“, erklärt Knauer. Um der Bevölkerung dann Schutz bieten zu können, wurden in den sechziger Jahren im gesamten Bundesgebiet alte Weltkriegsbunker atomsicher umgerüstet. In Hannover waren die Bunker am Herrenhäuser Markt und der 1942 bis 1944 erbaute Bunker Wallensteinstraße Teil des Instandhaltungsprogramms, das aus Kostengründen jedoch später wieder eingestellt wurde.

Zwischen 1965 und 1968 wurden die Belüftungsöffnungen des Ricklinger Bunkers zubetoniert, stattdessen wurde eine aufwendige Luftfilteranlage eingebaut. Auch Brunnen wurden ausgehoben und zwei riesige Dieselmotoren inklusive eines 65 000 Liter fassenden Treibstofftanks installiert. 14 Tage lang sollte der Bunker den 2400 Menschen nach dem Tag X Schutz bieten - hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt und völlig autark. Der Bunker sei baulich „relativ atomsicher“, vermutete 1969 ein Vertreter des städtischen Zivilschutzamts. An der Funktionalität im Ernstfall bestanden aber Zweifel. In einem Zeitungsartikel von 1980 bemerkte der damalige Leiter des Zivilschutzamts, Hans-Werner Zietz, lakonisch: „Ehe unsere Leute alle 39 Bunker aufgeschlossen und in Betrieb genommen haben, dürfte wohl alles vorbei sein.“

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde der Bunker Wallensteinstraße dann stillgelegt - er versank für Jahrzehnte im Dornröschenschlaf. Vor gut zwei Jahren nun entdeckte der Verein Vorbei e.V. das museale Potenzial der Anlage, die sich noch weitgehend im Originalzustand befindet. Die Mitglieder warten und reparieren seitdem die technische Ausstattung, erforschen die Geschichte des Gebäudes und bieten Führungen an. Noch ist der „Museumsbunker“ ein Geheimtipp unter den alternativen Stadtführungen. Ein Besuch der Anlage ist ebenso bedrückend wie faszinierend. „Letzte Woche hat sich der Kameramann eines Fernsehteams bei mir ironisch für den deprimierenden Vormittag bedankt, den er hier drin hatte“, berichtet Knauer mit einem Schmunzeln.

Bereits im Eingangsbereich kann man sich beim Anblick der massiven orangenen „Dosierschleusen“ vorstellen, wie beklemmend die Atmosphäre hier drinnen im Ernstfall gewesen wäre. In den Fußboden der sechs Eingangsschleusen ist ein automatisches Zählwerk eingelassen: Es zählt hoch bis 2400 - und verriegelt dann hydraulisch die sechs Eingänge. Wenige Meter dahinter folgt eine weitere Druckschleuse. Sie stellt sicher, dass im Bunker ständig Überdruck herrscht. Schließlich soll nichts eindringen, vor allem keine kontaminierte Luft. Hinter den Schleusen befindet sich ein kleiner Vorraum mit einer Dekontaminationsdusche.

Die beiden oberen Stockwerke sind beinahe vollständig mit Liege- und Sitzräumen ausgestattet. Im Erdgeschoss gibt es einige spartanisch ausgestattete Sanitätsräume mitsamt angestaubten medizinischen Gerätschaften und Medikamentenschränken. Zudem befinden sich dort Technik- und Lagerräume. Dazu gehört zum Beispiel der Maschinenraum mit zwei wuchtigen 350-PS-Dieselmotoren, die den Betonkoloss mit Energie versorgen sollten. Auch die beiden Belüftungsanlagen sind dort zu finden: Eine regelt die „Friedensbelüftung“, die andere die „Schutzbelüftung“. Wenn Knauer die Anlage startet, ertönt ein lautes Brummen, der Boden beginnt zu vibrieren.

Eine Funkanlage oder sonstige Kommunikationsverbindungen nach außen gibt es nicht. Vermutlich gingen die Planer davon aus, dass in der Stadt ohnehin niemand mehr auf die Funksprüche hätte reagieren können.

Weitere Informationen zum Bunker und zu Führungen gibt es auf der Internetseite des Vereins: www.vorbei-ev.de.

Von Mario Moers

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