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Vahrenwald "Großstadt muss man sein"
Hannover Aus den Stadtteilen Vahrenwald "Großstadt muss man sein"
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00:15 17.07.2016
Damals noch ganz dörflich: So sah die Podbi um 1933 aus. Links hinter dem Zaun befindet sich das Wohnhaus für die Familie des Plantageinspektors Robert Stoffert, rechts liegen die Gebäude der „Liststadt“ mit den Künstlerateliers. Quelle: Archiv
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Hannover

Vahrenwald-List. Es war ein Novembertag im Jahr 1890, als die Herren Kollenrodt, Büttner, Bohnhorst und Markgraf zur Tat schritten. Sie waren die Vorsteher der Dörfer List, Vahrenwald, Hainholz und Herrenhausen. Mit ihrer Unterschrift unter eine Rahmenvereinbarung mit dem Magistrat der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Hannover gaben sie die Selbständigkeit ihrer Gemeinden auf - aus denen im Juli 1891 vier hannoversche Stadtteile wurden. Jetzt jährt sich die Eingemeindung zum 125. Mal, die für alle Seiten von Vorteil war. „Vahrenwald und List wären ohne sie Satellitenstädte geblieben“, sagt Bezirksbürgermeisterin Irma Walkling-Stehmann.

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Entstand nach der Eingemeindung: Lister Turm.

Es gibt viel zu feiern in diesem Jahr: Vahrenwald begeht seinen 750. Geburtstag, die Stadt Hannover ihr 775. Jubiläum. Die Erinnerung an die große Eingemeindung der vier Dörfer fiel da bislang unter den Tisch. Aber die Bedeutung des Jahres 1891 ist kaum zu unterschätzen. Es war nicht so, dass die Bürger der Leinestadt und der Umlandgemeinden den Anschluss regelrecht bejubelten. Er war eine Notwendigkeit geworden, aus wirtschaftlichen und politischen Gründen. Es ging um Geld, Prestige und Chancen für die Umlandkommunen.

Hannover wollte Großstadt werden

Immerhin steckte das Deutsche Reich mitten in der Gründerzeit, das Bürgertum erblühte. Man hatte den Krieg gegen Frankreich gewonnen und nach dem Sieg 1871 das Kaiserreich ausgerufen. Hannover allerdings hatte einiges eingebüßt, war doch das Königreich ein paar Jahre zuvor von den Preußen besetzt und die Leinestadt zur Provinzhauptstadt erklärt worden. Das nagte am Selbstbewusstsein. Nicht viel anders als heute auch feilte Hannover also an seinem Ruf. Der neueste Schrei damals: Großstadt müsse man sein!

Und tatsächlich wuchs die Kommune stetig, 1880 war sie die zehntgrößte Stadt Deutschlands. Was das hieß, darüber war man sich damals aber nicht einig. Der Hannoversche Courier schrieb, Hannover sei „im Begriff, eine der hervorragendsten Großstädte des Reichs zu werden“. Der spätere Oberbürgermeister Arthur Menge kritisierte Hannover 1883 dagegen als eine „schlecht und recht dahinlebende, mehr zum Stillstand als zum Fortschritt neigende Provinzstadt“.

Industrialisierung gedieh schneller als Infrastruktur

Es gab Mängel, erhebliche sogar. Sie lagen unter anderem darin begründet, dass die Industrialisierung schneller gedieh als die Infrastruktur. Zahlreiche Betriebe entstanden vor den Toren Hannovers. In der List waren das zum Beispiel die Chemiefabrik de Haën oder die Holzbiegerei der Gebrüder Forcke, die später berühmt wurde, weil sie dem Kunstradfahrer und Flugpionier in spe Karl Jatho ein zweisitziges Hochrad baute. In Vahrenwald entstanden Industriestandorte wie die 1871 an der Vahrenwalder Straße gegründete Conti. Was fehlte, waren öffentliche Verkehrsverbindungen, Wohnviertel, Elektrifizierung und Kanalisation. „Der Verlust der Selbständigkeit fiel Vahrenwald nicht allzu schwer“, schrieb der Chronist Wolfgang Leonhardt in einem seiner Bücher über die nördlichen Stadtteile. Der Eingemeindungsvertrag mit Hannover sah dann auch dort wie in den anderen Kommunen unter anderem Investitionen in die Beleuchtung und den Ausbau der Kanalisation vor.

Hannover machte enorme Sprünge

Überhaupt setzte in den Folgejahren eine rasante Entwicklung ein. Neue Unternehmen, Wohnviertel und repräsentative Bauten wie das 1898 eröffnete Ausflugslokal Lister Turm entstanden. Hannover gewann viel: potenzielles Bauland, das sich von den Bauern erwerben ließ, und Verwaltungs- sowie Steuerhoheit über blühende Firmen. „Die Gewerbesteuern flossen ja dann nach Hannover“, sagt der Leinhäuser Hobbyhistoriker Hans-Heinrich Kirchhoff, der sich mit dem Jahr 1891 beschäftigt hat und sich mehr Aufmerksamkeit für den Jahrestag wünscht. Und es kamen zahlende Bürger. Das volle Bürger- und Wahlrecht bekam seinerzeit nur, wer in Hannover Grundbesitz hatte. Bis zu 180 Mark musste ein Neubürger für die Stadtkasse berappen, um alle Rechte zu genießen.

Hannover machte durch mehrere Eingemeindungswellen von 1824 bis 1974 enorme Sprünge. Das Großstadtflair wuchs von Mal zu Mal. Mit den Einwohnern von Vahrenwald, List, Hainholz und Herrenhausen kamen auf einen Schlag über 11 000 Menschen zur Leinestadt hinzu. Stadtdirektor Ferdinand Haltenhoff, federführend bei den Verhandlungen zur Eingemeindung, ließ sich im Hannoverschen Courier im Juli 1891 voller Stolz so zitieren: „1859 hatte die Stadt nur eine Einwohnerzahl von 58.000, nach dem Anschluss der vier Vordörfer sind es jetzt 175.000.“

Stadtteilgeschichte und Jubiläum

Der Bezirksrat Vahrenwald-List entscheidet noch darüber, ob der 125. Jahrestag der Eingemeindung der beiden Stadtteile mit einer Ausstellung gewürdigt wird. Das Material dafür hat Lokalhistoriker Wolfgang Leonhardt bereits parat. Er bereite zudem eine Schau über den Lister Turm vor, sagt Leonhardt. Die Eröffnung des Baus jährt sich 2018 zum 125. Mal. Wer schon jetzt neugierig ist: Leonhardts Geschichtskreis List veranstaltet an jedem ersten Donnerstag im Monat ab 15 Uhr einen Fotovortrag im Freizeitheim Lister Turm, Walderseestraße 100.
In Vahrenwald gehen derweil die Feierlichkeiten zum 750. Geburtstag weiter. Unter anderem mit diesen Veranstaltungen: Straßenfest der Vahrenwalder Kirche (20. August, 14 Uhr, Vahrenwalder Straße 109), Sommerfest „An der schönen blauen Donau“ im AWO-Seniorenzentrum (24. August, 15 Uhr, Schleswiger Straße 31), Kinderolympiade beim TuS Vahrenwald (27. August, 14 Uhr, Sahlkamp 4c), großes Bürgerfest im Vahrenwalder Park
 (17. September).

Von Marcel Schwarzenberger

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