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Vahrenwald "Wer Teller wäscht, lernt kein Deutsch"
Hannover Aus den Stadtteilen Vahrenwald "Wer Teller wäscht, lernt kein Deutsch"
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00:15 18.10.2016
Alicia Garcia frisiert eine andere Teilnehmerin im Spiel - und im Hintergrund inszenieren Agatha Sekiewicz (r.) und Haja Sesay (l.) eine Schönheitsoperation. Ihre Patientin ist Ekatereni K. Quelle: Moers
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Hannover

Sie sind jung, alleinerziehend, arbeitslos und sprechen schlecht Deutsch. Kurz gesagt, die Chancen der 19 Teilnehmerinnen des Jobcenter-Theaterprojekts „Lebensart“, in einem neuen Beruf Fuß zu fassen, tendierten noch vor sechs Monaten gegen null. Und dennoch wird voraussichtlich über die Hälfte in absehbarer Zeit eine neue Arbeitsstelle antreten. Für viele bedeutet die Teilnahme an dem Projekt des Jobcenters Vahrenwald deshalb nicht weniger als den Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben.

Maka Gegechkori-Kunze war gerade aus Georgien nach Hannover gezogen und schwanger, als ihr Mann sie kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes verließ. Heute, fünf Jahre später, steht die 37-jährige alleinerziehende Mutter in einem Proberaum des Freizeitheims vor der improvisierten Kulisse einer Mode-Boutique. Gerade spielt sie mit einer Mutter aus Gambia eine Stilberatung durch. Andere Teilnehmerinnen inszenieren daneben eine Schönheits-Operation, einen Massage-Salon und ein Frisör-Studio. „Schönheit ist ein Thema, das die Frauen viel beschäftigt. Deshalb haben sie es zum Thema ihres Stücks gemacht“, erklärt Tomke Friemel. Die Theaterpädagogin koordiniert das integrierte Wiedereinstiegsprojekt.

Mit dem Jobcenter-Theaterprojekt "Lebensart" rüsten sich alleinerziehende Migrantinnen auf der Bühne des Freizeitheims Vahrenwald für die Jobsuche. Ihre Chancen auf einen neuen Job stehen gut.

19 Frauen aus 19 Nationen

Aus 19 verschiedenen Nationen kommen die 19 Frauen, die bei dem neunmonatigen Integrationsprojekt „Lebensart“ mitmachen. „Wir wollten vor allem Frauen mit Fluchterfahrung erreichen“, erklärt Ute Petelkau, Ansprechpartnerin für Alleinerziehende im Jobcenter Vahrenwald.

„Mein Ex-Mann wollte, dass ich arbeiten gehe, putze und im Restaurant kellnere. Aber wenn du den ganzen Tag Teller wäschst, ist da keine Zeit mehr zum Deutschlernen,“ schildert Maka Gegechkori ihre Ausgangssituation. Die studierte Journalistin hat in Georgien acht Jahre lang für das Fernsehen gearbeitet. In Hannover war das mit zwei Kindern und schlechtem Deutsch unvorstellbar. „Ich habe viele Ideen und Projekte, aber es ist schwer“, erzählt die lebenslustige Frau mit der großen Brille und dem knallroten Lippenstift. In der georgischen Gemeinde hat sie Anschluss gefunden. Ihr Traum ist es, sich mit einer Agentur für georgische Folklore selbstständig zu machen.

Es ist bereits die zweite Auflage des integrierten Theaterprojekts. Den Erfolg, den die Kombination aus Jobcoaching, Theaterworkshop, Sprachförderung und intensiver Einzelbetreuung beim ersten Mal gebracht hat, überraschte sogar die Organisatoren selbst. „Die Integrationsquote ist beinahe doppelt so hoch wie bei anderen Projekten“, berichtet Teamleiter Joachim Plappert stolz. Rund 60 Prozent der Teilnehmerinnen des ersten „Lebensart“-Projekts sind heute in Lohn und Brot.

"Hier lernen sie andere Frauen kennen"

Die gemeinsame Reise in einem kleinen Schlauchboot über das Meer oder ähnliche traumatische Erfahrungen erweisen sich als Kitt, der die Frauen während der Theaterproben einander näherbringt. Einige haben sich bereits angefreundet. Privat leben sie oft isoliert und ohne Netzwerk. „Hier lernen sie andere Frauen kennen, kommen raus“, erzählt Petelkau.

Als am Ende der heutigen Probe eine Teilnehmerin verabschiedet wird, fließen Tränen. Lineo Seamatha Wittenberg hat bereits eine Stelle in der Botschaft von Lesotho in Berlin gefunden. Bald zieht sie um. In den Augen der anderen sieht man die Freude darüber, dass es eine von ihnen geschafft hat.

Aus einer kleinen Bluetooth-Box läuft im Hintergrund ein Lied von Beyoncé. „Dieses Mal nehme ich mir die Krone, ohne zu stürzen“, heißt es darin kämpferisch. „Single Ladies“ wie die schwarze Soul-Sängerin sind für viele der Teilnehmerinnen der Inbegriff weiblicher Selbstbestimmung, erklärt Tomke Friemel. Durch die Beschäftigung mit dem Rollenbild der Frau möchte die Theaterpädagogin die Teilnehmerinnen zu einer Reflexion über die eigene Rolle und Position anregen. Indem sie spielerisch typische Frauenberufe durchexerzieren, beschäftigen sich die Frauen mit ihren eigenen Vorstellungen von Beruf und vom Frausein. „Was bedeutet Frausein in Georgien und was will ich in Deutschland erreichen?“, fragt Maka Gegechkori sich selbst.

Theorie wird zur Praxis

Sechs Monate haben die Frauen jeweils zwei Tage pro Woche Theater gespielt und Deutsch gelernt. Dazu haben sie Job-Coachings besucht. Die Theaterpremiere am Mittwochabend ist gleichzeitig der Beginn der nächsten Phase. Nun können die Frauen ihre erworbenen Fähigkeiten in einem Berufspraktikum anwenden. Um eine spätere Übernahme wahrscheinlicher zu machen, kooperiert das Jobcenter dabei bevorzugt mit Unternehmen, die anschließend freie Stellen zu besetzen haben.

Das Theaterstück „Schönheiten - von Müttern und Single Ladies“ wird am Mittwoch, 19. Oktober, im Freizeitheim Vahrenwald aufgeführt. Beginn ist um 19 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Karten können kostenlos unter friemel@defakto.org reserviert werden.

Von Mario Moers

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