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West „Wer fleißig ist, hat Möglichkeiten“
Hannover Aus den Stadtteilen West „Wer fleißig ist, hat Möglichkeiten“
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10:13 05.12.2014
Hasan Kozal, Besitzer des Leinaukiosk auf der Limmerstrasse. Quelle: Hagemann
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Linden-Nord

17:00 Hasan Kozal steht seit drei Stunden in seinem Kiosk an der Limmerstraße. Er ist unauffällig gekleidet und trägt kurzgeschorene, graue Haare. Sein Laden ist schlicht eingerichtet, kaum Dekoration, keine Musik. Das Angebot steht im Vordergrund. Im „Leinau-Kiosk“ wird Kozal – wie jeden Tag – auch heute mindestens bis Mitternacht bleiben, an den Wochenenden arbeitet er sogar bis 2 Uhr in der Nacht. Fast jede Minute kommt ein neuer Kunde. Die meisten schauen an diesem Montag vorbei, um sich ein oder zwei Feierabend-Biere zu gönnen. „Um diese Uhrzeit ist immer sehr viel los. Und natürlich am Wochenende“, sagt Kozal, während er die Getränke mit seiner kleinen Kasse abrechnet.

17:06 Der Kellner vom Eisladen nebenan lässt zwei leere Gläser fallen. Vom Geräusch aufgeschreckt, schnappt sich Kozal sofort Kehrschaufel und Mülleimer und eilt zu Hilfe. Auch wenn der Kellner seine Hilfe mehrmals dankend ablehnt, lässt sich Hasan, der von allen stets beim Vornamen genannt wird, nicht vom Auffegen der Scherben abhalten. Es scheint, als könne er keine Minute ruhig stehen, der „Leinau-Kiosk“ hat sowieso ständig Kundschaft. Und wenn doch mal niemand in Reichweite ist, gönnt sich der 57-Jährige keine Pausen, sondern räumt Flaschen weg, reinigt seine Ladenflächen, oder leert den Aschenbecher – irgendetwas findet sich immer. „Ich bin sehr gerne hier. Es macht mir Spaß, immer etwas zu tun zu haben und etwas zu schaffen.“
17:15 Eine Frau vom Blumenladen gegenüber schaut kurz vorbei. Erst ein bisschen Small Talk, dann hält sie drei Finger hoch. Sofort dreht sich Kozal um und greift zielsicher nach drei Zigarettenschachteln. In seinem gut sortierten Laden kennt er sich sowieso blind aus. Es gibt kaum etwas, was er nicht anbietet: Neben Getränken, Tabakwaren und Süßigkeiten findet man Shampoo und Zahnbürsten, Kaffeefilter und Milch, sogar Kohle und Anzünder für Spontan-Griller hält er bereit. Neben Getränken und Tabak sind vor allem Süßigkeiten beliebt. Die bunten Tüten stellt er mit sichtlichem Vergnügen selbst zusammen: mal ein paar klebrige blaue Schlümpfe, dann wieder Lakritzrollen, Cola-Bonbons oder eine Vielzahl an verschiedenen Gummibärchen. Kleine Tüten kosten 1, große 2 Euro. Den Schulkindern gibt Kozal manchmal ein paar Süßigkeiten extra auf den Weg.

17:40 Hasan Kozal sagt, für ihn vergeht die Arbeitszeit im Laden immer wie im Flug. Bei all dem Trubel, der manchmal im „Leinau-Kiosk“ herrscht – Stress lässt er sich nicht anmerken. Das liegt auch daran, dass er sein ganz eigenes, fast schon etwas gemütliches Lauftempo gefunden hat. Deshalb bilden sich auch ständig wartende Grüppchen. Doch das scheint niemanden zu stören, jeder bleibt geduldig, auch weil „Onkel Hasan“, wie er von vielen Kunden liebevoll beim Betreten des Ladens begrüßt wird, immer für ein Gespräch bereit ist.
Vor ungefähr zehn Jahren ist Kozal aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Nach einem zweijährigen Deutschkurs fand er sich in Teilzeitjobs wieder. Erfüllt hat ihn das nicht: „Alles, was ich wollte, war ein festes Einkommen, mit dem ich meine Familie ernähren kann.“ Er ging ein Risiko ein, als er vor sieben Jahren einen Gemüseladen auf der Limmerstraße eröffnete. „Ich habe mir extra einen Kredit genommen, doch der Laden lief nicht so gut“, sagt er rückblickend. Als er sein Geschäft kaum noch finanzieren konnte, griff ihm schließlich sein Schwager unter die Arme. Eigenhändig renovierten sie den Laden und machten einen Kiosk daraus. Der Kredit sei inzwischen abbezahlt. Nun „kann ich den ein oder anderen Euro für das Studium meiner beiden Kinder zurücklegen“, sagt er voller Stolz.

17:50 „Ich bin nur fleißig“, sagt Hasan Kozal mit einem breiten, zufriedenen Lächeln, „und wenn man fleißig ist, hat man Möglichkeiten.“ Manchmal verlässt er seine Kasse, geht hinten ins Lager, um die Regale und Kühlschränke wieder aufzufüllen. Manchmal kommt er wegen seines gemütlichen Tempos nicht mit dem Aufstocken hinterher, dann müssen seine Kunden eben mal warten. Er vertraut darauf, dass sie nichts stehlen, während er im Lager und mit den Regalen beschäftigt ist.

18:00 Als eine Frau mit einem großen schwarzen Hund den Kiosk betritt, kramt Hasan einen Hundekuchen hervor und tätschelt den Hund. Dabei hängt vor der Ladentür neben zahlreichen Veranstaltungsflyern von lokalen Clubs auch ein Schild mit der Aufschrift „Hunde müssen leider draußen bleiben“. Aber Hunde können ja nicht lesen. Die Stunde in seinem Laden ging schnell vorbei. In zwölf Stunden, wenn die Limmerstraße wieder langsam erwacht, öffnet Kozals Frau den „Leinau-Kiosk“. Sie steht immer von 6 bis 14 Uhr hinter der Ladentheke. Für die restliche Zeit ist Hasan Kozal zuständig. Jetzt hat er noch sechs Stunden Arbeit vor sich.

18:05 In ein paar Minuten verschließt er die Tür seines Ladens, dann verkauft er zur Sicherheit nur noch von seinem Straßenfenster aus. Weil er die Objekte der Begierde dann immer selbst zur Verkaufstheke bringt, dauert alles noch länger. Das wissen die meisten Leute auch, wenn sie sich in die Warteschlange vorm Kiosk einreihen.

Von Erik Klügling

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