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West Auf den Spuren der Lindener Dinosaurier
Hannover Aus den Stadtteilen West Auf den Spuren der Lindener Dinosaurier
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11:40 26.07.2012
Von Rüdiger Meise
Im Archiv des Landesmuseums lagern Zähne und Wirbel von Urzeit-Krokodilen. Quelle: Meise
Linden-Mitte

Wir schreiben das Jahr 139000000 vor Christi. Durch den dichten, bis zu 30 Meter hohen Dschungel von Gingkobäumen, Riesenbärlappen und Koniferen hastet ein Iguanodon. Der drei Meter hohe und rund acht Meter lange Saurier ist am Ende seiner Kräfte und hält inne - dort, wo heute der Jazz-Club auf dem Lindener Berg steht. Einen Moment lang ist es still, dann bricht sein Verfolger durch das Dickicht: Ein Allosaurus - ein furchterregender Raubsaurier, zwölf Meter lang, fast zwei Tonnen schwer. Ein Vorgänger des Tyrannosaurus Rex.

Das Iguanodon flieht erneut, aber es ist zu spät: Dort, wo heute das Lindener Stadion liegt, schlägt der Allosaurus seine Zähne in den Nacken des Pflanzenfressers, kurz darauf bricht dessen Wirbelsäule. Und noch etwas bricht: Ein Zahn des Raubsauriers bleibt von dem Kampf zurück.

Wir schreiben das Jahr 1872. Ein paar Erdzeitalter, einen fatalen Meteoriteneinschlag, ein paar Eiszeiten und zahlreiche Gemetzel später hält Carl Struckmann seinen Einspänner in einem der Steinbrüche am Lindener Berg an. Es ist ein lauer Abend, der hannoversche Landwirtschaftsassessor kommt von einer Dienstreise, und die Arbeiter im Steinbruch haben längst Feierabend.

Mit einem Hämmerchen, das er immer in seiner Ledertasche hat, beginnt der akribische Hobby-Forscher an der Kalksteinwand zu klopfen, aus der er schon so viele versteinerte Muscheln und Schnecken geborgen hat. Doch das, was sein Hämmerchen plötzlich freilegt, ist etwas anderes. Ein Zahn, der aussieht wie von einem Riesen-Krokodil. Es dauert eine Weile, bis Struckmann begreift, dass der Zahn etwas zu tun haben könnte mit den spektakulären Funden vogelartiger Riesenwesen, die der englische Anatom Richard Owen 1842 „Dinosaurier“ nannte.

Wir schreiben das Jahr 2012. Ein paar technologische Revolutionen, zwei große Kriege und eine europäische Einigung später steht Annette Richter, Leiterin der Geowissenschaftlichen Sammlung des Landesmuseums, im Archiv des Museums in Linden-Mitte. Eine Klimaanlage und ein Entfeuchter halten den Keller des ehemaligen Fabrikgebäudes an der Fössestraße warm und staubtrocken.

Die Geologin zieht eine von Hunderten von Schubladen der mannshohen Naturkunde-Archivschränke auf. Unzählige Fossilien, registriert und mit Nummern versehen, kommen zum Vorschein. Richter nimmt das Fossil einer Riesen-Schnecke aus einer Schublade und sagt: „Ohne Struckmann wäre diese Sammlung gar nicht denkbar.“ Fast 10000 Fossilien hat der Hobby-Paläontologe Ende des 19. Jahrhunderts gesammelt und archiviert, „eine unglaubliche Zahl“, sagt Richter - und lächelt verschmitzt: „Sowas geht wohl nur im öffentlichen Dienst“.

Vor 140 Millionen Jahren lebten Dinosaurier am Lindener Berg. Im Archiv des Landesmuseum lagern fast 10000 Fossilien der Urzeit-Riesen.

Der Lindener Berg ist eine der herausragenden Fundstellen prähistorischer Zeugnisse in Niedersachsen. Überreste von Raubsauriern wurden hier entdeckt, von Meereskrokodilen und von großen Langhals-Pflanzenfressern. „Wir hatten hier alles, was Rang und Namen hat - so wie heute auch“, sagt Richter lachend. Dass Saurier in den Rehburger Bergen bei Münchehagen ihre Spuren hinterlassen haben, ist weithin bekannt. Die Bedeutung des Lindener Berges kennen bislang nur wenige.

In einer Holzkiste mit der Aufschrift „Best of Oberjura / Lindener Berg“ liegen ein paar besonders spektakuläre Stücke: Zähne von riesigen Ur-Krokodilen, Flossenstacheln von Ur-Haien und Mahlzähne von Fischen, die seit 140 Millionen Jahren ausgestorben sind. Genau dieser Zeitraum ist es, der den Lindener Berg für Geologen so spannend macht. Bevor sich dort für wenige Millionen Jahre ein Urzeit-Dschungel bildete, lag Linden an der Uferzone eines Meeres. Es gab Riffe, Inseln, seichte Abschnitte und warmes Klima - etwa vergleichbar mit der heutigen Nordküsten Australiens. Die Überreste zahlloser Urtiere lagerten sich am Grund ab und wurden von kalkhaltigem Boden überdeckt und konserviert - der Kalk stammt aus den Knochen und Panzern der Tiere und von Korallen.

Rund zwanzig Meter mächtig sind die mit Fossilien durchsetzten Sedimentschichten, die Annette Richter heute „Lindener-Berg-Kalkstein“ nennt. Einige Millionen Jahre später hoben Verschiebungen im - viel älteren - Salzvorkommen darunter den Kalkstein empor, der Lindener Berg entstand. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Berg als Steinbruch genutzt, in den 1920er Jahren wurde in einen Steinbruch hinein das Lindener Stadion gebaut.

Richter spricht von den Überresten der Urzeit mit einem Enthusiasmus, wie ihn nur Leute entwickeln, die sich sehr, sehr mit ihrem Beruf identifizieren. „Jedes Kind hat doch mit fünf Jahren eine Dino-Phase“, sagt sie. „Bei mir hat die nur nie aufgehört.“ Die Flanken ihres roten VW zieren große, schwarze Dinosaurierskelette. Mit der Entdeckung von Saurier-Spuren in den Rehburger Bergen ist sie bekannt geworden - und hat mit ihrer originellen Art bei Stern-TV sowohl Günther Jauch als auch die Fernsehzuschauer gut unterhalten.

Heute bietet der Lindener Berg den Geologen keine Chance mehr für Grabungen. Beim Gedanken daran schaut Annette Richter verschwörerisch: „Es gäbe allerdings viel zu entdecken, wenn man das Stadion sprengen würde“, sagt sie - und fügt schmunzelnd hinzu: „Leider will das keiner - außer uns Geologen.“

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