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Erinnerung an die Benther Berg-Terrassen

Westliche Stadtteile Erinnerung an die Benther Berg-Terrassen

Vor 150 Jahren begann die Geschichte des einst beliebtesten Ausflugslokals im Westen – heute sind nur noch Ruinen übrig. Nach 110-jährigem Bestehen brannte das Ausflugslokal im Jahr 1975 ab.

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Die Heimatforscher Wilhelm Kulke, Horst Bohne und Manfred Wassmann (v. r.) sind der Geschichte der Berg-Terrassen auf der Spur. Im Wald sind noch Überreste zu sehen.

Quelle: Anne Grüneberg

Linden-Mitte. Am Fuße des Benther Bergs, am kleinen Dorf Benthe, führt ein alter Natursteinweg hinauf zu den ehemaligen Benther Berg-Terrassen. Der Weg soll schon im 18. Jahrhundert angelegt worden sein, als Johannes Georg Ernst Rehbock einen Getränkestand im Wald eröffnete, aus dem später das berühmte Ausflugslokal wurde. Besonders aus den westlichen Stadtteilen von Hannover pilgerten an den Wochenenden Heerscharen zu der Waldgastwirtschaft, um hier nachmittags gesellig Kaffee zu trinken oder abends zur Musik von Kapellen zu tanzen. Heutzutage erinnern, neben dem historischen Weg, nur noch ein paar Ruinen im Wald an die ausgelassene Zeit von damals. Denn nach 110-jährigem Bestehen brannte das Ausflugslokal im Jahr 1975 ab.

Viele Menschen sind seitdem bemüht, die Geschichte der Benther Berg-Terrassen aufzuarbeiten und sie so für nachfolgende Generationen zu erhalten. Einer von ihnen ist der Heimatforscher Horst Bohne. Er war schon als Kind mit seiner Familie in dem Ausflugslokal zu Gast. „Wir lebten damals in Linden und sind die ganze Strecke bis nach Benthe zu Fuß marschiert“, erzählt der heute 84-Jährige. Zwar gab es auch vor dem zweiten Weltkrieg schon die Straßenbahnhaltestelle „Sieben Trappen“ von der aus es nur eineinhalb Kilometer zu Fuß waren. „Aber dafür hatten wir ja damals kein Geld“, sagt Bohne. Und so wurde das Kaffeetrinken der Familie Bohne zu einem Tagesausflug. Von Linden bis nach Benthe sind es mehr als zehn Kilometer.

Als Horst Bohne das Ausflugslokal kennenlernte, hieß es noch Erichs Ruh - so hatte es der Grundbesitzer namens Erich von Lenthe in dem Pachtvertrag aus dem 18. Jahrhundert festgelegt. Die Betreiberfamilie Rehbock hatte den Getränkestand mittlerweile um eine große Veranda erweitert und weitere Gasträume angebaut, um dem steigenden Besucherandrang auch bei schlechtem Wetter gerecht zu werden. Ab dem Jahr 1896 gab es außerdem elektrischen Strom - ein bedeutender Fortschritt, der der gefährlichen Beleuchtung mit Petroleumlampen ein Ende bereitete.

Einen Wasseranschluss gab es allerdings bis zum Jahr 1934 nicht. Stattdessen transportierte ein Landwirt aus Benthe Tag für Tag Tonnen mit Wasser per Pferdekutsche an den Berghang. „Die Küche kochte deshalb so viel wie möglich ohne Wasser - zum Beispiel Bratkartoffeln, Sülze und Spiegelei“, erzählt Bohne.

Die Geschichte der Benther Berg-Terrassen hat Bohne nicht vollständig selbst recherchieren müssen, viel Wissen hat er sich von Hans-Erich Wilhelm geliehen, der bereits 1990 alles in dem Buch „Beiträge zur Chronik des Dorfes Benthe“ zusammengetragen hat. In dem Buch ist auch dokumentiert, dass die Familie Rehbock das Lokal Erichs Ruh im Jahr 1929 an Hermann Werner verkaufte, der bereits seit 1914 das Restaurant Döhrener Turm betrieb. Werner baute die Waldgastwirtschaft weiter aus, so dass insgesamt 700 Gäste im Saal und bis zu 1500 draußen auf der Terrasse bewirtet werden konnten.

„Flagge mit dem roten Kreuz wendete Angriffe ab“

Das Geschäft lief weiter gut - bis das Restaurant im Zweiten Weltkrieg schließen musste. In den Räumlichkeiten wurde ein Lazarett untergebracht. „Das Dorf Benthe ist deshalb von kriegerischen Angriffen verschont geblieben“, sagt der Vorsitzende des Arbeitskreises Ronnenberger Stadtgeschichte, Wilhelm Kulke. „Die Flagge mit dem roten Kreuz wendete Angriffe ab.“ Später richtete die englische Militärregierung in dem Gebäude ein Heim für die vielen elternlos gewordenen Kinder ein. Im Jahr 1948 wurden die Benther Berg-Terrassen dann wieder für Gäste geöffnet. Allerdings unter erschwerten Bedingungen, denn Getränke, Tabakwaren und Essen waren nach dem Krieg schwer zu bekommen. Deshalb musste jeder Gast für ein Menü im Restaurant Lebensmittelmarken abgeben.

Das Ende der Benther Berg-Terrassen stand in direktem Zusammenhang mit dem Tod von Hermann Werner im Jahr 1960. Denn er vermachte das Ausflugslokal an eine Erbengemeinschaft, die sich nicht einstimmig dafür entscheiden konnte, das Lokal dauerhaft weiterzuführen. „Einer der Erben wollte sich das Geld auszahlen lassen“, sagt Kulke. Und so wurde das Haus 1974 geschlossen und zum Verkauf angeboten. „Als das Gebäude leer stand, hatten die Vandalisten dann leichtes Spiel“, ergänzt Horst Bohne. Im Winter 1975 wurden die Benther Berg-Terrassen von Brandstiftern angezündet. Trotz eines Großeinsatzes der Feuerwehr brannte das Gebäude völlig nieder.

Heute erinnert nur noch eine zerbrochene Steintreppe, alte Fundamente und verbogene Eisengeländer an die Geselligkeit von damals. Geschützt sind die Überreste nicht. „Die Natur holt sich das wieder zurück“, sagt Bohne. Zwischenzeitlich wollte eine ausländische Immobiliengesellschaft Privatwohnungen und ein Hotel auf dem Grundstück errichten. Das habe der Ortsrat aber abgelehnt, berichtet Kulke. „Wir wollen, dass der Benther Berg für alle Bürger zugänglich bleibt.“

Der Lindener Zeitzeuge und Heimatforscher Horst Bohne erinnert am Freitag, 16. Mai, in Wort und Bild an die Benther Berg-Terrassen. Um 19 Uhr ist er in der Stadtbibliothek Linden, Lindener Marktplatz 1, zu Gast.

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Von Redakteur Anne Grüneberg

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