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Der Tod zu Gast im Atelier

Calenberger Neustadt Der Tod zu Gast im Atelier

Zwischen Schaffen und Vergänglichkeit: Ein Bestatter bietet in der Calenberger Neustadt Trauerfeiern im Künstlerstudio an.

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Hannover. Kunst kann helfen, das Leben zu bewältigen – und manchmal auch den Tod. In einem Atelier in der Calenberger Neustadt bieten eine Künstlerin und ein junger Bestattungsunternehmer Trauerfeiern in einem inspirierenden Ambiente an. „Die schwere, traditionelle Atmosphäre der Friedhofskapellen empfinden manche Trauernde inzwischen als unpassend“, sagt Sven Friedrich Cordes. Der 29-Jährige versteht sich selbst als „moderner Bestatter“, der seinen Kunden Freiräume schaffen will, die das traditionelle Zeremoniell kaum bietet.

Kennengelernt haben sich der Bestatter und die Künstlerin Angela Hennessy bei dem jährlich stattfindenden Atelierspaziergang, einer Art Tag der offenen Tür der lokalen Kunstszene. Cordes war bei seinem Besuch sofort begeistert von Hennessys Räumlichkeiten und ihrer Malerei. Zweifel, den Tod in ihre Werkstätte zu lassen, hatte die Künstlerin keine. Die Vergänglichkeit gehöre – wie das Wachstum oder die Liebe – ohnehin zu den Themen, mit denen sie sich als Künstlerin beschäftige. Ihr Werk ist geprägt von sensibel und sanft gemalten Bildern. So zeigt ein Gemälde etwa fallende Ginkgoblätter, ein anderes einen gebrochenen Ast – Symbole für das Wechselspiel von Leben und Tod.

Im Frühsommer fand die erste Trauerfeier in Hennessys Atelier statt. In einem der beiden hellen Räume im Untergeschoss des Wohnhauses in der Wilhelmshavener Straße wurde die Urne aufgebahrt, für die Trauergäste wurden rundherum Stühle aufgestellt. Auf einem Klavier, an dem sonst die Tochter der Künstlerin probt, spielte ein Musiker unter anderem Stücke aus dem Musical Cats und von der Ostrock-Band Silly. „Auf Wunsch der Hinterbliebenen habe ich sonst alles so stehengelassen, als hätte ich gerade aufgehört zu malen“, erzählt Hennessy. Bei der Trauerfeier selbst war sie dann allerdings nicht dabei. „Ich gehöre ja schließlich nicht zur Familie“.

Bestatter Cordes ermutigt die Hinterbliebenen offensiv, ihre eigenen Wünsche bei der Ausgestaltung der Trauerfeier einzubringen. „In der schwierigen Situation haben die Angehörigen oft nicht die Kraft, das übliche Prozedere in Frage zu stellen“, sagt er. Dabei wünschten sich viele Angehörige eine Trauerfeier, die der Persönlichkeit des Verstorbenen und der Trauergäste gerecht werde. Einmal habe er sogar jemanden im Trikot seiner Lieblingsmannschaft bestattet, berichtet Cordes. Trauerfeiern in einem Kunstatelier seien allerdings grundsätzlich etwas für eine speziellere Zielgruppe, meint er. Es gebe jedoch insgesamt einen Trend weg von der üblichen, althergebrachten Beerdigung. Die individualisierte Gesellschaft verlange auch nach einer individuelleren Trauerkultur, meint der Bestatter. Eine Auswahl der Lieblingsmusik des Verstorbenen und eine individuelle Dekoration sind bereits gängige Wünsche. In Friedhofskapellen ließen sich diese Dinge teilweise nur schwer oder gar nicht umsetzen, sagt Cordes.

Umgeben von Leinwänden und Gemälden, wirkt der junge Bestatter selbst wie ein Künstler. Er trägt einen klassischen grauen Anzug und einen Hut, dazu bunte Turnschuhe. Zu Beginn des Jahres hat Cordes das elterliche Bestattungsinstitut in Empelde von seinem Vater übernommen. Ursprünglich wollte er Architekt oder Fotograf werden. Während eines langen Praktikums bei einem großen Hamburger Bestatter entwickelte er dann aber eine Leidenschaft für und ein großes Interesse an dem Beruf.

Seit dem Wegfall des Sterbegelds im Jahr 2004 habe ein zunehmender Wettbewerb die einstmals krisensichere Branche erfasst, sagt Cordes. Hinterbliebene riefen nicht mehr kurzerhand den örtlichen Bestatter an, sondern verglichen zuerst die Angebote. Und Sterben kann teuer sein. Am untersten Ende der Preisskala bieten Billigbestatter Beerdigungen im „All inclusive“-Paket an. Um auch an den Friedhofskosten zu sparen, rollen die Särge dann im Lastwagen nach Osteuropa. „Ein Interessent fragte, ob er einen Rabatt bekäme, wenn er gleich zwei Beerdigungen bestellt. Es waren seine beiden Eltern gestorben“, erzählt Cordes. Auch bei den traditionellen Bestattungen sei der Markt im Wandel. Früher hätten viele Bestatter ihre Kosten durch den Verkauf teurer Särge decken können, sagt Cordes. Ein solcher Sarg galt häufig als Statussymbol – heute suchen die Hinterbliebenen eher andere Ausdrucksmöglichkeiten.

Die Trauerfeier im Kunstatelier ist nicht die einzige Innovation, die Cordes in Hannover anbietet. In seinem Ausstellungsraum offeriert er neben klassischen Särgen auch topmoderne Varianten des dänischen Designers Jacob Jensen, der etwa durch die minimalistische Gestaltung hochwertiger HiFi-Anlagen bekannt geworden ist. Das ist aber nicht jedermanns Geschmack: Weder der Kunstverein noch die Kestnergesellschaft waren bereit, Anzeigen für die futuristischen Särge in ihren Mitgliederzeitschriften zu drucken. Im kommenden Jahr plant Cordes in Zusammenarbeit mit der Lindener Kunstgalerie Galeria Lunar eine Urnen-Ausstellung, bei der Ausstellungseröffnung wird eine Punkband spielen. Auch die eigene Urne kann man bereits zu Lebzeiten künstlerisch gestalten.

Trauer und Tod, Kunst und Lebensfreude – das sind für Cordes und Hennessy Dinge, die sich nicht gegenseitig ausschließen. Auf Trauerfeiern wollten heute immer mehr Menschen auf eine lebensbejahende Art ihrer Verstorbenen gedenken. „In den USA nennen sie das ,Celebration of Life‘“, sagt Cordes. Das klingt ihm allerdings zu esoterisch. Noch sind schließlich 85 Prozent der von ihm durchgeführten Bestattungen klassischer Art. Und noch lässt sich der durchschnittliche Hannoveraner doch eher traditionell zu Grabe tragen.

Von Mario Moers

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