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Landleben mit Bunker und Schweinestall

Oberricklingen Landleben mit Bunker und Schweinestall

Vor 75 Jahren wurde durch die Nationalsozialisten der Grundstein für die ehemalige „Schmalz-Siedlung“ gelegt. Bewohner erinnern sich an vergangene Zeiten und erzählen vom heutigen Leben in der Siedlung.

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1952: Kinderumzug in der „Schmalz-Siedlung“.

Quelle: Privat

Oberricklingen. Pyrmonter Straße, Wallensteinstraße und Hamelner Chaussee – dies ist in etwa die Begrenzung der ehemaligen „Schmalz-Siedlung“. Unter dem etwas eigenartigen Namen kennen den Siedlungsbereich aber nur noch wenige. Mit Fett hat er nichts zu tun, sondern mit den politischen Verhältnissen, unter denen diese Siedlung entstand: Mit großem propagandistischem Pomp durch die Nationalsozialisten wurde hier 1938 der Grundstein gelegt. Vor allem Kurt Schmalz, stellvertretender Gauleiter der NSDAP, brüstete sich mit diesem Projekt. Hinter vorgehaltener Hand wurde das neue Baugebiet daher die „Schmalz-Siedlung“ genannt. Offiziell heißt sie aber weiter „Groß-Ricklingen“ – und besteht nun 75 Jahre. Einige ältere Bewohner können noch davon erzählen, wie es im Krieg und in der Zeit danach in der Siedlung zuging.

Erlebnisse im Krieg

Inge Böwig, geborene Henze, zog 1939 mit ihrer Familie in die Neubauten dort. „Drinnen in den Häusern war noch kaum etwas gemacht, und dann begann auch schon der Krieg“, erzählt die Rentnerin, die damals drei Jahre alt war. Wenn Alarm war, hielt ihre Mutter schützend den schweren Deckel des Waschkessels über ihre Tochter und rannte mit ihr in den Bunker. Den hatte man schon vor dem Krieg in der Siedlung gleich mitgebaut. Durch einen Bombenabwurf wurden 1941 mehrere Siedlungshäuser total zerstört.

Wer sich für eine Siedlerstelle interessierte, sollte einst „erbgesund“ und ein „national zuverlässiger Volksgenosse“ sein. Doch die Bewerber suchten für sich und ihre Familien schlicht ein Häuschen im Grünen. Viele von ihnen arbeiteten bei der Hanomag, der Leichtmetall oder der Üstra und erhielten durch diese Betriebe finanzielle Unterstützung zum Bauen. Im Auftrag der Niedersächsischen Bauträgergesellschaft wuchsen von 1938 an nacheinander die Rohbauten empor. Eine Wohnküche und zwei Räume, oben zwei Kammern unter dem Dach – dies war der Standard, mit dem hier gebaut wurde. Zu jedem der Gebäude gehörten außerdem ein gut 600 Quadratmeter großer Garten, eine Waschküche, ein Plumpsklo und ein Stall für die Tierhaltung.

Schwierige Nachkriegszeit

Die Straßen in diesem Viertel hießen zunächst sämtlich nach „verdienten“ Nationalsozialisten. Nach Kriegsende 1945 wurden ihre Namen dann flugs durch Ortschaften aus dem Calenberger Land ersetzt. Der Alltag aber war wie überall nur mit zahlreichen Mühen zu bewältigen. „Mit mehr als 30 Obstbäumen und dem vielen Gemüse blieb in unserem Garten kein einziges Fleckchen für einen Rasen“, erinnert sich Horst Melching. In einem Graben an der Pyrmonter Straße hat er als Junge die familieneigenen Gänse gehütet. Auch Kaninchen und Hühner bereicherten den Speiseplan, und in manchen Häusern wurde im Herbst mehr als das eine erlaubte Schwein geschlachtet.

Am Rande der Siedlung hatte Vater Melching ein Stück Grabeland dazu gepachtet. Verborgen hinter Maispflanzen züchtete er dort seinen Tabak. Doch mit der Währungsreform von 1948 verbesserte sich allmählich die Situation. In einer Baracke in Höhe der Straße Am Kiffkampe traf sich die Jugend am Wochenende zum Tanzen. Überhaupt hatte man wieder Lust zum Feiern. Ein Höhepunkt war über viele Jahre das Siedlerfest mit Umzug und anschließendem Vergnügen im „Waldschlösschen“ im Ricklinger Holz.

Aufbruch in eine neue Zeit

In den fünfziger Jahren machte sich die erste Generation der Siedler dann daran, die Häuser weiter auszubauen. Gefragt war weiterhin die Kohlenhandlung von Wilhelm Henze. Aber allmählich strebte man nach etwas mehr Komfort. „1960 wurde aus unserem Schweinestall ein Badezimmer“, erzählt Gerhard Siemon, der damals in die Siedlung eingeheiratet hat. Vieles hat sich seitdem verändert. Die zahlreichen Läden, die es dort früher gab, sind ebenso verschwunden wie die örtliche Kneipe. Ein Treffpunkt zum Klönen wurde inzwischen die Schuhmacherei Gisder. Aber auch der Fleischer Bögeholz und eine Bäckereifiliale sind der Oberricklinger Siedlung geblieben.

„Insgesamt lässt es sich hier gut leben. Die Stadtbahn hält fast vor der Tür, und dennoch ist es bei uns recht ländlich“, sagt Ingolf Müller, heute Vorsitzender der Siedlergemeinschaft Groß-Ricklingen. Innerhalb der Nachbarschaft werden viele Kontakte gepflegt. Aufregung gab es, als im Frühjahr 2012 die Pläne bekannt wurden, aus dem Bunker an der Munzeler Straße – lange ein Standort des Jugendsozialwerks – eine Unterkunft für Flüchtlinge zu machen. „Doch inzwischen haben sich die Wogen geglättet“, versichert Müller.

Einige Siedler bemängeln heute eher Alltagsprobleme, etwa den Hundekot auf dem Nenndorfer Platz, der zentralen Grünanlage in dem Viertel. Im Notfall wissen sie aber, an wen sie sich wenden können. Denn auch Bezirksbürgermeister Andreas Markurth ist Bewohner der ehemaligen „Schmalz-Siedlung“.

Gerda Valentin

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