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Rückkehr in den Bunker

Linden-Süd Rückkehr in den Bunker

70 Jahre nach den Bombennächten kehrt Ernst Rohner in den Bunker an der Göttinger Chaussee zurück – Eine Reise in die Vergangenheit.

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Ernst Rohner vor dem Bunker in der Friedrich-Ebert-Straße. Vor 70 Jahren lag der Zugang tiefer, erzählt er.

Quelle: Felix Schledding

Hannover. 70 Jahre sind vergangen, seit Ernst Rohner die enge Treppe zum letzten Mal hinaufgestiegen ist. Damals war er 14 Jahre alt, nun stützt er sich auf eine Krücke und muss immer wieder eine Pause einlegen auf den Stufen zum Dachgeschoss des gut 17 Meter hohen Bunkers in der Friedrich-Ebert-Straße. Das Atmen fällt schwer.

Fast wie damals

Er weiß nicht mehr, wie oft er mit seiner Mutter und den beiden Geschwistern in dem Bunker wartete, bis die Bomber fort waren. Aber Rohner erinnert sich noch ganz genau an den teerigen Geruch des Kresols - eines Desinfektionsmittels - und an die Belüftungsanlage des Bunkers, die er damals bediente.

70 Jahre nach den Bombennächten kehrt Ernst Rohner in den Bunker an der Göttinger Chaussee zurück – Eine Reise in die Vergangenheit.

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Sechs Jungen standen im Dachgeschoss unter der schweren Stahlbetondecke und kurbelten um ihr Leben, wenn der Strom ausfiel. „Und er fiel oft aus“, sagt der alte Mann. Durch die Filter sogen die Ventilatoren Frischluft an und bliesen sie in den Bunker, wo Hunderte zusammengekauert das Ende der Angriffe abwarteten. „Auf dem Fußboden stand eine Kerze. Wenn die wegen Sauerstoffmangels ausging, kurbelten wir wie die Wilden“, erzählt Rohner und zeigt auf die Stelle, wo damals die Kerze stand.

Das alles ist lange her. Heute will die Stadt den alten Bunker verkaufen - als Mindestgebot für den klobigen Bau ruft die Verwaltung 6000 Euro auf. Als Rohner davon in der Zeitung las, schrieb er einige seiner Kriegserinnerungen an die Redaktion: „Meine Mutter mit Kinderwagen und Rucksack, ich mit meinem drei Jahre alten Bruder an der Hand. Das Schwesterlein im Wagen war gerade drei Monate alt. Jeden Abend die gleiche Rammelei, wenn die Sirenen heulten. Und dann die Stunden im Bunker ...“

Als wäre es gestern gewesen, erinnert sich Rohner an diese Stunden, als er wieder auf dem harten Betonboden steht. Das Licht funktioniert nicht überall, Taschenlampen erhellen die engen, gedrungenen Kammern. Sie sind weiß getüncht und kahl wie damals. Für den alten Mann ist das ein Abenteuer, und er erzählt auch von den Bombennächten wie von einem Abenteuer. Denn die Menschen, die sich in den Bunker flüchteten, hatten Glück: Nie erhielt der Bau einen direkten Treffer. „Umgekommen ist hier drin niemand“, sagt Rohner.

Außerhalb der Mauern

Einmal hatten sich vier seiner Freunde in einen Keller wenige Meter vom Bunker entfernt geflüchtet. Das Haus wurde von einer Sprengbombe zerfetzt. Alle vier waren sofort tot. „Den Alex haben wir an seinem Ringelpullover erkannt“, sagt Rohner. „Kurz zuvor hatten wir uns verabschiedet: ‚Bis morgen!‘ Doch es gab kein Morgen mehr“, sagt er leise. Rohner erzählt von weiteren Bekannten, die von Bomben „erwischt“ wurden - und davon, dass er immer Glück gehabt hat. Der Vater, der auf einem Minensuchboot diente, hatte seiner Familie eingeschärft, bei jedem Alarm zum Bunker zu laufen.

Irgendwann hatte er sich während eines Angriffs in einen Deckungsgraben an der Hautklinik Linden geflüchtet, gemeinsam mit einem französischen Kriegsgefangenen. Doch die Verriegelung der stählernen Luke funktionierte nicht: „Bei jeder Bombe flog die Luke wieder auf.“ Passiert ist den beiden nichts. Auch ein Angriff, der die Familie zu Hause überraschte, ging glimpflich aus: Die Druckwelle einer Explosion sprengte Türen und schleuderte den jungen Rohner die Kellertreppe hinunter. Verletzt wurde er nicht.

Vor dem Rundbunker drängten sich bei jedem Alarm die Menschen, erinnert er sich. „Ein Parteifunktionär ließ nur Frauen und Kinder hinein, die Männer mussten in Keller flüchten.“ Wenn der Funktionär entschied, dass der Bunker voll war, schloss er die Stahltür.

Von innen

Weil Rohner als 14-Jähriger die Enge und Untätigkeit in dem Bunker nicht aushielt, meldete er sich immer freiwillig zum Kurbeln an den Ventilatoren, erzählt er. Oft verbrachten die Frauen und Kinder acht Stunden in dem Betonklotz. „Hannover war ein Drehkreuz für die Angriffe der alliierten Kampfverbände - auch wenn sie Berlin, Magdeburg oder Leipzig anflogen, gab es für Hannover Alarm“, erinnert er sich. Oft hätten einzelne Bombergruppen auf dem Rückweg nach England den Rest ihrer Bombenlast über Hannover abgeworfen. „Tückisch“, sagt Rohner.

Das sonore Brummen der Flugzeuge hat man im Bunker nicht gehört, erinnert er sich. Wohl aber die Einschläge in der Umgebung. „Als wenn jemand mit einem riesigen Hammer auf den Boden einschlägt.“ Die Familie Rohner hatte Glück: Die Hammerschläge verschonten ihr Haus in der Bebelstraße 6 - die während der NS-Zeit in Üpernstraße umbenannt war.

Nach dem Krieg lag der Bunker lange brach, zwischenzeitlich nutzte ihn ein Kaufmann als Lager, eine Band als Proberaum und die Igelschutzinitiative „Igsi“ als Auffangstation für Igel. Wie er künftig genutzt werden könnte, ist unklar. Interessenten gibt es laut Stadtsprecher Dennis Dix bereits. Für Ernst Rohner wird er jedoch immer die Zuflucht vor dem Bombenterror bleiben, in der er „wie wild“ kurbelte, wenn die Kerze ausging.

Bunker zu verkaufen

Mit 6000 Euro Mindestgebot scheint der Rundbunker, der 1943 gebaut wurde, ein Schnäppchen zu sein. Er ist weithin sichtbar, und verkehrstechnisch liegt er am Friedrich-Ebert-Platz günstig. Die Umbaukosten für eine mögliche Nachnutzung werden aber wohl enorm sein. Fensteröffnungen müssen aufwendig in die Betonwände geschnitten werden. Am Boden haben sie eine Dicke von 1,40 Metern, nach oben hin verjüngt sich das Maß auf immerhin noch 1,10 Meter.

Die Anordnung der Räume um die zentrale, massive Wendeltreppe dürfte für viele Nutzungen wenig attraktiv sein. Baurechtlich sind allerdings wenige Schwierigkeiten zu erwarten. Weil für das Grundstück kein Bebauungsplan existiert, richtet sich die künftige Art der Nutzung nach der Umgebung – und die sieht fast überall Wohnnutzung vor. Sogar Anschlüsse für Wasser, Abwasser und Strom sind schon vorhanden. Zum Bunker gehört ein 162 Quadratmeter großes Grundstück.

Stadt und Bund trennen sich nach und nach von Bunkerbauwerken, weil Experten kaum noch mit konventionellen Kriegen mitten in Europa rechnen. Die Zivilschutzfunktion der Bauwerke wird daher seit 2012 nach und nach aufgehoben.

Die Bundesanstalt für Immobilenaufgaben (BImA) hat von ihren 13 Hochbunkern in Hannover bereits fünf verkauft, die restlichen sollen ebenfalls nach und nach abgegeben werden. Die Stadt hat von ihren ursprünglich 21 Bunkern zwei verkauft – der Ricklinger soll der dritte sein.

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