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Wenn Frauen zuschlagen

Linden Wenn Frauen zuschlagen

Auch Männer werden Opfer von häuslicher Gewalt: Platzwunden an der Lippe und am Hinterkopf, Bisswunden in Arm und Brust, Einblutungen im Augapfel, eine Schnittwunde vom Ohr bis zum Schlüsselbein. Die Verletzungen, aufgeführt in der Jahresstatistik, sind vielfältig.

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In der Beratungsstelle für Opfer häuslicher Gewalt: Der Therapeut Georg Fiedeler im Gespräch.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Ebenso die benutzten Waffen: Baseballschläger, Gasflasche, Messer, kochendes Wasser. Was die Vorfälle verbindet: Es geht um Männer, die Opfer häuslicher Gewalt wurden - vom Männerbüro in einer Liste erfasst.

Platzwunden an der Lippe und am Hinterkopf, Bisswunden in Arm und Brust, Einblutungen im Augapfel, eine Schnittwunde vom Ohr bis zum Schlüsselbein. Die Verletzungen, aufgeführt in der Jahresstatistik, sind vielfältig. Ebenso die benutzten Waffen: Baseballschläger, Gasflasche, Messer, kochendes Wasser. Was die Vorfälle verbindet: Es geht um Männer, die Opfer häuslicher Gewalt wurden - vom Männerbüro in einer Liste erfasst.

Das für Stadt und Region Hannover zuständige Männerbüro mit Sitz in Linden-Süd wurde als Verein schon 1996 gegründet. Doch noch immer ist es schwer, ein gesellschaftliches Tabu zu durchbrechen: „Auch Männer sind verletzlich und werden von Frauen erniedrigt, gequält und geschlagen“, sagt Mitarbeiter Georg Fiedeler. Der Sozialpsychologe leitet das Beratungsangebot für männliche Opfer häuslicher Gewalt. Fiedeler zeigt auf ein Regal mit neun dicken Aktenordnern voller Auszüge aus Polizeiakten, die sich allein seit 2011 angesammelt haben. Und über die Feiertage, wenn Partner mehr Zeit miteinander verbringen und Erwartungen hoch sind, kommen erfahrungsgemäß viele hinzu.

Die Polizei Hannover leitet Anzeigen zu häuslicher Gewalt über das Beratungs- und Interventionsprogramm BISS an verschiedene Beratungsstellen weiter. Ist das Opfer ein Mann, landen die Akten beim Männerbüro. 350 im Jahr waren es zuletzt aus Stadt und Region Hannover. Fiedeler oder ein Kollege wenden sich telefonisch oder schriftlich an das Opfer und fragen, ob Hilfe gewünscht ist. „Viele Männer sind sehr erleichtert und sagen, sie wären nie von allein auf die Idee gekommen“, sagt der 56-Jährige. „Andere erzählen, sie hätten schon vergeblich nach einer Anlaufstelle gesucht.“

Nicht nur die von der Polizei vermittelten Opfer, sondern auch „Selbstmelder“ suchen die Beratungsstelle auf - oft Akademiker. Der junge Vater gehört dazu, dessen Frau zunächst die Kinder immer wieder ohrfeigte und irgendwann auch ihn. Als die Frau ihm, während er Auto fuhr, vom Beifahrersitz aus vor den Augen der Kleinen mit der Faust auf den Kopf schlug, reichte es ihm. „Das war das I-Tüpfelchen“, sagt Fiedeler.

Die Beratung sei in diesem Fall erfolgreich verlaufen: Der Vater trennte sich von seiner Frau, wandte sich an Polizei und Jugendamt; die Kinder leben heute bei ihm. Doch bis dahin war es ein langer Weg. Wenn Frauen „Krokodilstränen“ weinten, stünden die meist weiblichen Mitarbeiter im Jugendamt oft schnell auf deren Seite, hat Fiedeler erfahren, der sich gleichwohl sehr stark um eine gute Zusammenarbeit mit Frauenberatungsstellen bemüht. Langsam wachse das Verständnis für die Männer, sagt er. Auch bei der Polizei.

Gesellschaftliche Klischees sind dann besonders schwer zu durchbrechen, wenn sie von der äußeren Erscheinung scheinbar bestätigt werden. So sei es für einen sportlichen Zwei-Meter-Mann nicht leicht gewesen, glaubhaft von Übergriffen seiner zierlichen Partnerin zu berichten. Dabei hatte sie ihm Tritte ans Schienbein verpasst, ihm eine Schere ins Bein gerammt, ihn mit Tee verbrüht und ihm einen Kerzenständer über den Kopf gezogen. Von der - in diesem Fall kurzen - Beziehung trug der Mann eine Lähmung davon.

Warum der Mann sich nicht wehrte? Viele Männer haben da eine Hemmung“, erläutert der Sozialpsychologe: „Frauen schlägt man nicht.“ Damit lasse sich für eine Weile auch eine Fassade männlicher Stärke aufrechterhalten. Doch die Verletzungen hinterlassen Spuren. Viele sind psychischer Art. Nicht selten etwa sperrten Frauen den Partner ein, gern im Keller, was zu dauerhafter Traumatisierung führen könne. Zu psychischer Gewalt gehörten ständige Erniedrigungen und Kontrollzwang, der sich beispielsweise durch Überprüfen oder Entzug des Handys ausdrücke. Alles ohne Altersgrenze: Unter Opfern wie Täterinnen sind auch betagte Senioren.

Die Frauen begründen ihre Gewalttätigkeit oft damit, dass ihr Mann Problemgesprächen sonst ausweichen, sich stets „verziehen“ würde. Der Versuch, ihn festzuhalten und zur Auseinandersetzung zu zwingen, sei eskaliert. Auch wechselseitige Gewalt kommt vor. Einige männliche Opfer sind zuvor als Täter in Erscheinung getreten.

„Viele haben auch einmal zurück geohrfeigt“, berichtet Fiedeler. Keinesfalls sei aber zu rechtfertigen, dass eine Frau ihren Partner Monate später krankenhausreif trat. Der Verletzte hat nun über das Gewaltschutzgesetz einen Platzverweis erwirkt. Seine Frau, die von „Notwehr“ sprach, kam im Frauenhaus unter. „Für Männer gibt es solche Zufluchtsorte so gut wie gar nicht“, sagt Fiedeler. In Niedersachsen bieten nur Vereine in Oldenburg und Osterode geschützte Wohnungen für männliche Opfer und deren Kinder an; Hannover ist nicht dabei.

Betroffene erzählten den Beratern, sie hätten wochenlang im Büro oder in ihrem Auto übernachtet. Auch aus Scham, denn es gilt als peinlich, von einer Frau geschlagen worden zu sein. Das Männerbüro will die Misshandelten ermutigen, über ihren Schatten zu springen.

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