So viel Platz hätten Tanya und Ralf Freyer eigentlich gar nicht gebraucht. Schließlich sind sie nur zu dritt, da sind 200 Quadratmeter auf zwei Etagen ganz schön üppig. Aber noch während der Bauphase – die Freyers hatten sich vor gut einem Jahrzehnt entschlossen, auf der Suche nach Wohneigentum Linden keinenfalls den Rücken zu kehren – planten die Architekten spontan um und setzten noch ein gläsernes Geschoss auf den Wohnblock. „Das haben wir dann eben mitgekauft“, sagt Tanya Freyer. Bereut hat sie ihre Entscheidung nicht: „Es ist herrlich hell und der Blick Richtung Haspelmathstraße dankenswerterweise unverbaut.“ Die Familie , die ihre Wohnung damals vor allem in Eigenarbeit ausgebaut hat, ist längst angekommen im Quartier. Wo die Freyers jetzt kochen und schlafen, war einst die Wäscherei untergebracht. „Es stand nur eine einzige Wand in unserer Wohnung.“ Die Familie, die ihr neues Heim damals vor allem in Eigenarbeit ausgebaut hat, ist längst angekommen im Quartier. „Jeder kennt hier jeden, außerdem ist die Nachbarschaft sehr familienfreundlich“, sagt Tanya Freyer.
Längst ist nicht mehr die Rede vom Ahrberg-Gelände, das zwei Hektar große Areal ist zum Ahrberg-Viertel avanciert, rund 120 Wohnungen und 30 Büros sind hier entstanden und haben sich zu begehrten Objekten in Linden-Süd entwickelt: Nichts steht leer, und für die Wohnungen zwischen 75 und 340 Quadratmetern Fläche gibt es eine Warteliste. „Vielen gefällt die Mischung hier, außerdem ist das Viertel überschaubar; trotzdem kann man sich aus dem Weg gehen“, begründet Gert Meinhof den guten Ruf des Areals. Der Architekt, der gemeinsam mit zwei Kollegen das Viertel einst geplant und bis vor Kurzem auch noch hier gelebt hat, hat sogar mit Fritz Ahrberg junior persönlich verhandelt. „Die anderen Investoren wollten alle abreißen und neu bauen, da kam unser Erhaltungskonzept wohl ganz gut an.“ Die städtischen Vorgaben für die Erschließung des Geländes seien zudem sehr locker gewesen. „Einen Bebauungsplan hat es gar nicht gegeben, normalerweise wäre diese städtebauliche Verdichtung gar nicht möglich gewesen“, vermutet Meinhof. Dennoch sei eine Menge an Geduld, Arbeit und auch Phantasie nötig gewesen, um das Projekt durchzuziehen. Heute wie vor zehn Jahren ist die Mieterschaft bunt gemischt zwischen Deisterstraße und Plaza Rosalia. Die Arbeiterwohlfahrt konzentriert viele soziale Dienste in der Deisterstraße 85. Der Kinderladen „Die Strolche”, das „Studio für Tanz und Bewegung Compagnie Fredeweß”, das „Atelier Lineart”, das „Hotel im Ahrberg-Viertel”, der „Interkulturelle Sozialdienst” und die spanische Gastronomie im „Rias Baixas” sowie der galizische Kulturverein „Centro Galego” runden die Mischung aus Wohnen, Arbeiten und sozialen und kulturellen Angeboten ab.
„Windwärts hat hier mit ein paar Leuten angefangen, jetzt sind es 120 und die Firma expandiert und zieht aufs Hanomag-Gelände“, sagt Meinhof. „Linden-Süd ist durch das Ahrberg-Viertel durchaus aufgewertet worden“, ist sich Manfred Wichmann sicher, der Eigentümer an der Charlottenstraße ist, derzeit aber wegen eines Auslandsaufenhaltes vermietet hat. So wie Meinhof glaubt auch Wichmann, dass der Umbau das Viertel richtig vorangebracht hat. „Auch die Deisterstraße hat ganz offensichtlich davon profitiert.“ Und Ernst Barkhoff, ehemaliger Ratsherr und gemeinsam mit seiner Frau Anne – die die Hausverwaltung übernommen hat – Eigentümer im Ahrberg-Viertel, schätzt vor allem, dass „sich hier die bewährte Lindener Mischung bewahrt hat“.
Bereits 2001 hat sich zudem die Interessengemeinschaft Ahrberg-Viertel, kurz IGAV, gegründet. Ziel dieses Vereins ist ein harmonisches Wohnen und Arbeiten im Ahrberg-Viertel und die Förderung des Zusammenhalts und der Nachbarschaft. Beides spiegelt sich auch im Ahrberg-Fest wider, das am vergangenen Wochenende wieder ausgelassen gefeiert wurde – eine liebgewonnene jährliche Tradition.
In diesem Jahr übrigens wieder mit dem Wetterschwein als Wahrzeichen über dem Gelände: Aus technischen Gründen durfte sich das Schwein lange nicht auf dem Turm des Hauses Plaza Rosali 5 drehen – dank neuer Technik ist das Wahrzeichen nun wieder obenauf. Da das Leben in der ehemaligen Wurstfabrik so gut angenommen wurde, hat man das Gelände vergrößert. Durch den Neubau eines großen Lebensmittelmarktes mit darüberliegenden Wohnungen am Allerweg und die Sanierung mehrerer Altbauten wurde das Ahrberg-Viertel im Norden bis zum Allerweg und im Süden bis zur Haspelmathstrasse erweitert. „Fertig ist man nie“, sagt Ernst Barkhoff. Noch in diesem Jahr soll auf dem Haus Plaza Rosalia Nummer 4 eine Solaranlage installiert werden.
Obwohl es hin und wieder Fluktuation bei der Belegung von Arbeits- und Wohnraum gibt, haben Interessenten auf der Warteliste nur wenig Chancen. „Die meisten bleiben dem Viertel treu“, so Barkhoff. Es sei immer etwas los auf dem Gelände, es sei keine reine Schlafstatt. Außerdem sei die Größe optimal. „Da können Konflikte noch persönlich bewältigt werden.“