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Friedhof der Gastronomenträume

Linden-Mitte Friedhof der Gastronomenträume

 Tresen, Barhocker, Leuchtreklame: Im Diner verkauft Thomas Westendorf gebrauchte Utensilien aus Restaurants und Bars – auch für das heimische Wohnzimmer.

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Kurios: Auch extravagantes Mobiliar wie der Glastisch, den eine goldene Dame stemmt, finden sich in der Lagerhalle des Diner.

Quelle: Mario Moers

Hannover. Wenn der insolvente Kneipenwirt die letzte Runde einschenkt und im schlecht laufenden Nachtclub der letzte Rausschmeißer gehen muss, ist Thomas Westendorf zur Stelle. Wenn sich im Dönerladen um die Ecke der Spieß nicht mehr dreht oder ein Hotel endgültig seine Türen schließt, kommen Westendorf und seine kräftigen Helfer und räumen den Laden leer. Tresen, Barhocker, Leuchtreklame und Suppenschüsseln wandern dann alle in ein altes Lagergebäude am Lindener Hafen. Seit mehr als zehn Jahren betreibt Westendorf dort das Diner, einen Handel für gebrauchten Gastronomiebedarf. Auf 8000 Quadratmetern gibt es alles, was man braucht, um ein Lokal zu eröffnen - oder die eigene Wohnung aufzupeppen.

Für preisbewusste Gastronomen ist das Diner eine feste Adresse. Aber auch für alle, die bei der Wohnungseinrichtung etwas Mut beweisen, ist es einen Besuch wert. Wie wäre es zum Beispiel mit einer eigenen Cocktailbar im Wohnzimmer? Oder mit einem lebensgroßen Reh im Schlafzimmer? Wer in dem Verkaufsraum am Bartweg stöbert, könnte durchaus auf Dinge stoßen, die er schon mal irgendwo gesehen oder sogar benutzt hat. Die gemütliche weiße Sofalandschaft war vielleicht einst der Lieblingsplatz in dem Restaurant, das bereits seit Jahren geschlossen hat. Die kitschige Wanduhr mit dem Drachenmotiv könnte in dem China-Imbiss um die Ecke gehangen haben, der neulich dicht gemacht hat. „Wir haben auch mal ein paar schöne Sessel aus den OP-Räumen im stillgelegten Krankenhaus Siloah geholt“, erzählt Thomas Westendorf.

Der Diner-Chef sitzt in seinem Einrichtungskabinett auf einem eindrucksvollen Ledersofa. Vor ihm thront auf einem Aschenbecher das „Camel“-Kamel - und hinter ihm steht ein Fleischwolf. Das Ensemble am Eingang hat Westendorf so inszeniert. Es hat einen gewissen Symbolcharakter für das, was er tut. Der etwas raubeinige 56-jährige ist voller Leidenschaft für das Gastronomiegeschäft - zugleich profitiert er von denen, die ihre Läden schließen müssen.

In der riesigen Lagerhalle des Diner an der Badenstedter Straße ruht deren einst liebevoll zusammengestellte Einrichtung wie auf einem Gastro-Friedhof. An einer Wand lehnt eine meterhohe venezianische Maske. Die überdimensionale Dekoration zierte lange den Eingang der Diskothek Face-Club am Steintor. Davor liegt, bereits leicht verstaubt, die Leuchtreklame des Spago, bis zur Schließung im vergangenen Jahr ein beliebtes Restaurant in der Calenberger Neustadt. Während im Verkaufsraum am Bartweg vor allem große Küchenelektrogeräte und kleinere Dekorationen ausgestellt sind, ist die Lagerhalle eine außergewöhnliche, skurrile Fundgrube. Neben einer Kirchenbank steht eine Käsetheke. Daneben ein Haufen einarmiger Banditen und davor ein altes Reklameschild, das in verblasster Kreide „Bratwurst und ein Getränk für 4,50 Euro“ anpreist. Ein Angebot, das dem Besitzer offenbar nicht mehr helfen konnte, seinen Imbiss zu retten.

„Wir verkaufen die Sachen ungefähr für die Hälfte des Neupreises“, erklärt Westendorf. Mit den Vorbesitzern hat der Geschäftsmann nur selten Mitleid. „Da bin ich völlig unemotional. Für jeden Untergang gibt es einen Grund.“ Westendorf ist selbst ein Gastro-Urgestein. Anfang der Achtzigerjahren machte er in der List seine erste eigene Kneipe auf, das Dolby in der Waldstraße. Später stieg er beim Leinedomizil ein, damals einer der bekanntesten Livemusik-Läden der Stadt. In den Neunzigerjahren war er Mitbetreiber der legendären Disko Tor 1 auf dem früheren Hanomag-Gelände und von Lorettas-Biergarten sowie Besitzer des Musikladens CD-Börse am Marstall.

Westendorf kennt das Geschäft, und die Gastronomen kennen Westendorf. „Wenn du ‘nen Imbiss oder ‘ne Kneipe eröffnen willst, dann kommst du hierher”, sagt er selbstbewusst. Wo eine Geschäftsauflösung ansteht, erfährt er von seinen Informanten - Brauereien, Getränkehändler oder andere Kenner aus seinem Netzwerk. „In der Szene spricht sich so was schnell rum.“ Das Geschäft scheint krisensicher, weil immer irgendwo Läden aufgeben und neue aufmachen. „Den Staffellauf der Ungescheiten“ nennt Westendorf das. Er kennt die häufigsten Fehler der Gastro-Glücksritter. „Wenn irgendwelche Planlosen meinen, sie müssten noch eine Shisha-Bar oder einen Szene-Laden aufmachen, ist denen eben nicht mehr zu helfen." Auch das fortwährende Kneipensterben beschert ihm ständig neue Ware.

Vor ein paar Jahren kam sogar der aus dem Fernsehen bekannte Restaurant-Tester Christian Rach ins Diner. Er wollte das Café Tabac in der List aufpeppen. Requisiteure aus dem Theater oder Filmemacher lassen sich von dem Angebot ebenfalls inspirieren. Der Lindener „Tortenkönig“ Karsten Peters ist Stammkunde. Für sein Café Mönikes sucht der Bäcker dieses Mal eine neue Kühltheke. Nach einem Plausch mit dem Chef kauft er auch noch einige Dekoteile im US-Stil. „Das Marlboro-Schild mit dem Stiefel drauf, so was gibt’s ja sonst nirgendwo mehr“, freut sich Peters. „Du denkst, du bist hier bei den Ludolfs, aber dann findest du plötzlich tolle Anregungen und Teile,” sagt Westendorf schmunzelnd. Manchmal juckt es ihn, noch einmal einen eigenen Laden aufzumachen. An Einrichtungsideen dürfte es nicht mangeln.

Das Diner am Bartweg 18 ist montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

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