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Der vergessene Tunnel

Linden-Mitte Der vergessene Tunnel

Ein Stück Lindener Industriegeschichte liegt an der Rampenstraße im Dornröschenschlaf. Selbst Anwohner wissen oft nicht, was der graue Klotz ist: Eine alte Kohle-Entladestation der Stadtwerke.

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DIe Kohle-Entladestation ist auch innen noch gut erhalten.

Quelle: Mario Moers

Hannover. Wer weiß schon, warum mitten in Linden eine überwucherte Schienentrasse plötzlich in einer seltsamen hohen Halle am Küchengarten endet? „Ich erinnere mich noch, dass hier Züge rein fuhren“, sagt eine 77-Jährige, die seit 40 Jahren in der Nachbarschaft wohnt. „Aber woher die kamen, weiß ich auch nicht.“ Die Spurensuche führte den Stadt-Anzeiger zunächst zu enercity - und dann in Lindens Unterwelt.

Ob jeder Lindener weiß, was sich hinter dem grauen Beton an der Rampenstraße verbirgt? Es ist eine ehemalige Kohle-Entladestation der Stadtwerke. Ein Blick hinter die Kulissen.

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Fünf Meter unter der Limmerstraße ist es still - und stockdunkel. „Hier kommt schon lange keiner mehr runter“, sagt Detlef Meyer-Kahle und rückt seinen Schutzhelm zurecht. Nur Ratten gibt es. Die Nager verkriechen sich, sobald Menschen durch die schwere Stahltür unter dem Heizkraftwerk ihr geheimes Reich betreten. Mit einer Taschenlampe leuchtet der enercity-Instandhaltungsingenieur in einen finsteren Gang. In dem 400 Meter langen Kohletunnel funktioniert die Beleuchtung nur noch an wenigen Stellen. In der Dunkelheit muss man aufpassen, nirgends anzustoßen. Etwa gegen die Schaufel, die wirkt, als hätte sie jemand nach Schichtende an die Wand gelehnt, um dann nie wieder zu kommen.

Die Luft atmet sich staubig-trocken. Dafür herrscht eine angenehme Temperatur - zunächst. „Je weiter man sich vom Kraftwerk entfernt, desto kälter wird es“, sagt Meyer-Kahle. Von der Decke herabhängende rostige Rohre erinnern an das Innere eines alten Schiffswracks. Oder an die Atmosphäre eines verlassenen Raumschiffs im Science-Fiction-Horrorfilm „Alien“. Dazu passt auch die Stille, die etwa alle zehn Minuten durch ein dumpfes Rumpeln unterbrochen wird. Erschütterungen, verursacht von der Straßenbahnlinie 10 und das Geräusch von Autos, die über einen Gullideckel fahren.

„Wir sind jetzt ungefähr auf Höhe der Limmerstraße“, erklärt Meyer-Kahle. Im Lichtstrahl seiner Taschenlampe sieht man zwei verstaubte Förderbänder, die parallel durch den knapp vier Meter breiten Tunnel verlaufen und in der Dunkelheit enden. Auf dem schwarzen Gummi der Laufbänder schimmert eine dicke Schicht Kohlestaub. Die Wände, die Maschinen und die Rohre, alles ist grau. „Das ist der Anschluss an das Haus, in dem sich der Bio-Supermarkt befindet“, weiß Meyer-Kahle. Er weist auf eine große Fernwärmeleitung, die zwischen vielen Rohren unterhalb der zweieinhalb Meter hohen Decke verläuft, und an der Stelle in die massive graue Betonwand abzweigt.

Meyer-Kahle kennt seinen Tunnel, durch den bis 1990 Steinkohle von der Entladestation in der Fössestraße bis direkt in das Kraftwerk befördert wurde. Der Ingenieur ist der letzte noch aktive Kraftwerker, der selbst in dem Kohletunnel gearbeitet hat; wenn auch nicht mehr im laufenden Betrieb. Infolge verschärfter Umweltbestimmungen stellten die Stadtwerke das Lindener Kraftwerk damals auf Erdgasbetrieb um, und der Kohletunnel wurde obsolet.

Zu Beginn der neunziger Jahre war Meyer-Kahle verantwortlich für die Stilllegung der Anlage. Zu einem Rückbau oder einer anderweitigen Nutzung der Kohlebahn ist es nie gekommen. Die Beton- und Kabelschachtwände sind stark asbestbelastet - ihre Beseitigung wäre nur mit extremem Aufwand möglich. Also beschlossen die Stadtwerke, die Anlage einzumotten. Der Tunnel wurde zu einer Zeitkapsel. Seit die Förderbänder vor 24 Jahren anhielten, wird hier unten nichts mehr gewartet.

Die Kessel des Lindener Kraftwerks wurden von seiner Inbetriebnahme 1963 bis Ende der 80er Jahre mit Kohle gefeuert. Schiffe brachten sie auf dem Mittellandkanal zum Lindener Hafen. Von dort aus rollten täglich 500 Tonnen Kohle auf Kohlezügen entlang dem „Real“-Parkplatz und der Rampenstraße in die Entladestation in der Fössestraße. Sechs bis sieben Arbeiter fuhren die gesamte Anlage im Zweischichtbetrieb.

Die schwerste Arbeit war es, die ankommenden Waggons in der hohen Halle, neben der heute eine Moschee steht, zu entladen. Durch einen Gitterboden wurden die Brocken in der Größe eines Tischtennisballs auf die unterirdischen Förderbänder gestoßen. „Wenn im Winter alles gefroren war, war das Schwerstarbeit, die Kohle vorher klein zu hauen“, so Meyer-Kahle.

Die Förderbänder brachten die Kohle dann über drei abfallende Tunnelebenen in das Kraftwerk. Der genaue Weg verläuft ostwärts unter dem Gehweg der Fössestraße und durch die Gasse zwischen Waschsalon und Biosupermarkt sowie unter dem Supermarktparkplatz in das Kraftwerk an der Elisenstraße. Dort zermalmten Kohlemühlen den Rohstoff zu Staub, der dann verheizt wurde. Die Asche wurde über Rohre in dem Tunnel zurück in die Entladestation geblasen und von dort mit Lastwagen abtransportiert. „Dabei war die Asche so trocken, dass sie vorher mit Wasser besprüht werden musste, damit sie nicht in den Stadtteil weht“, erzählt Meyer-Kahle. Arbeit wie unter Tage, mitten in Linden.

Im Inneren erinnert die große Halle der Entladestation in der Fössestraße an einen Flugzeughangar. In einem engen Aufenthaltsraum mit silbern glänzenden Metallwänden hängen noch die letzten Schichtpläne. Einer der Kumpel war offensichtlich erfolgreicher Kart-Fahrer. Davon zeugen ein vertrockneter Siegeskranz von 1985. Auch der Zeitgeist der achtziger Jahre ist hier konserviert. Anti-Atomkraft Sticker zieren die Wand.

Alles wirkt, als könne gleich die nächste Schicht beginnen. Bis Detlef Meyer-Kahle seinen Schlüssel umdreht. Dann schließen sich die großen Rolltore wieder, und 27 Jahre Lindener Industriegeschichte versinken erneut in einen tiefen, dunklen Dornröschenschlaf.

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