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West Gedenken an deportierte Juden aus Ahlem
Hannover Aus den Stadtteilen West Gedenken an deportierte Juden aus Ahlem
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16:21 17.11.2011
Im Keller des ehemaligen Direktorenhauses informiert eine Ausstellung über das Schicksal der deportierten Juden aus Ahlem. Quelle: Schwarzenberger
Ahlem

Es ist der 26. Juni 1942: In der Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem kommt das Kollegium um Direktor Levy Rosenblatt ein letztes Mal zusammen. Mit welchen Gefühlen sich die Lehrer treffen, lässt sich dem Sitzungsprotokoll im „Lehrerkonferenzbuch“ – es ist heute in der Gedenkstätte Ahlem zu sehen – kaum entnehmen. Das Papier informiert lapidar über die von den Nazis befohlene Schließung der jüdischen Schulen. Mit den „besten Wünschen für die Zukunft“ entlassen die Lehrer ihre letzten Schüler.

Zu diesem Zeitpunkt war die Gartenbauschule längst zur Sammelstelle für Juden geworden. Im Dezember 1941 hatte der erste Transport mit 1001 Juden die Stadt in Richtung Riga verlassen. Am vergangenen Sonntag, exakt 70 Jahre später, erinnerte am Volkstrauertag eine Vortragsveranstaltung der Region Hannover an die Verfolgung und Vernichtung jüdischer Bürger in Hannover.

Die Gartenbauschule war zunächst ein Ort der Hoffnung für Auswanderer nach Palästina, die in Ahlem ausgebildet wurden; später war sie Gefängnis der Gestapo und Hinrichtungsstätte – die Schule machte während der Naziherrschaft eine furchtbare Wandlung durch. Heute teilen sich die Gedenkstätte der Region und die Justus-von-Liebig-Schule das Gelände an der Heisterbergallee.

Wie berichtet, soll die Gedenkstätte demnächst zu einem zentralen Informationszentrum umgebaut werden. Ende Dezember schließt die Einrichtung deshalb unter anderem die Ausstellungsräume im Keller des ehemaligen Direktorenhauses. „2014 eröffnen wir mit neuem Konzept und neuer Ausstellung“, sagte die Leiterin Stefanie Burmeister. Gut 60 Besucher nutzten am Volkstrauertag die Gelegenheit, sich in den Räumen noch einmal umzusehen. Sie bekamen Einblick in Dokumente von Opfern und Tätern und in die Vernichtungsmaschinerie der Nazis.

Die Forscher Hans-Dieter Schmid und Marlis Buchholz haben sich mit der Ahlemer Anstalt beschäftigt. Beide zeichneten in ihren Vorträgen ein vielschichtiges Bild der dramatischen Ereignisse. Schmid referierte über die „Endlösung“ – „Die Anführungszeichen sind mir ganz wichtig!“ –, mit der Nazideutschland die Vernichtung der europäischen Juden vorantrieb. Noch in den ersten Kriegsjahren hatten viele Juden auf eine Auswanderung gehofft. „Ab Mitte 1941 begann eine Welle von Deportationen in besetzte Gebiete im Osten“, sagte Schmid. Dazu gehörte auch der Transport der hannoverschen Juden am 15. Dezember 1941. In den Monaten zuvor hatten sie zuerst in sogenannte „Judenhäuser“ übersiedeln müssen. Dort lebten sie in drangvoller Enge; immer in Gefahr, „Besuch von den Bluthunden“ zu bekommen, wie sich ein Überlebender an die Kontrollen der Gestapo erinnerte. Im November ließen die Machthaber die Gartenbauschule zum Sammellager herrichten; am 10. Dezember wurden dort die ersten Juden eingewiesen; gut 1000 Menschen richteten sich in den Gebäuden, der Turnhalle und Gewächshäusern ein. Fast die gesamte Habe mussten sie abgeben; Geld, Plattenspieler, ärztliche Ausrüstungen. „Damals häuften sich Selbstmorde“, berichtete Buchholz. Immer mehr der Verfolgten ahnten, was ihnen bevorstand.

Ein Film des Journalisten Hans-Jürgen Hermel zeigte Erinnerungen von Überlebenden, die Hermel gemeinsam mit seinem Sohn Shaun, einem Historiker, 1991 unter anderem am Bahnhof Linden-Fischerhof aufgenommen hatte. Dort startete der Zug. „Der Zielort war uns nicht bekannt“, erinnerte sich Helmut Fürst. „Wir wussten nur: Es geht nach Osten.“ Tagelange Enge im Zug; ohne genügend Wasser. In Riga wartete schon die SS mit Hunden am Bahnsteig. Dort wurden die ersten erschossen.

Die Deportierten wurden im Rigaer Ghetto eingepfercht, wo nur wenige Tage zuvor Tausende lettische Juden umgebracht worden waren. „Die Straßen waren mit Eis bedeckt, das Rot von Blut war“, schilderte die Überlebende Malli Sonntag im Film. Kälte, Krankheit, Angst, Arbeitseinsätze und Verschleppung in Vernichtungslager folgten.

In Ahlem blieb die Gartenbauschule auf Jahre hinaus Sammellager für niedersächsische Juden, die unter anderem nach Theresienstadt und Auschwitz gebracht wurden. Die letzten 27 jüdischen Hannoveraner erlebten das Ende des Krieges im Judenhaus auf dem Schulgelände. Von den 1001 Deportierten vom Dezember 1941 hatten nur 68 Menschen überlebt.

Marcel Schwarzenberger

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