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West Geschichten aus der Viktoriastraße
Hannover Aus den Stadtteilen West Geschichten aus der Viktoriastraße
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09:00 15.11.2012
Karin Andre und Wolfgang Wehrend zeigen ihr Buch über die Arbeiterstraße. Quelle: Tobias Kleinschmidt
Linden

Als Hermann Oppermann in der Viktoriastraße wohnte, da hatte die ganze Ecke noch nichts von Szenestadtteil. Da gab es Außenklos, enge Räume, volle Wohnungen. Das war im Jahr 1926. „In dieser armen Arbeiterstraße konnte sich niemand vorstellen, dass das mal ein beliebter Wohnraum wird“, sagt Oppermanns Enkel Rolf Mueller.

1885 hatte Hermanns Vater Wilhelm Oppermann sein heimisches Harzdorf verlassen und war nach Linden gezogen, in eine aufstrebende Stadt voller Wohnquartiere für Arbeiter. Damals waren die ersten Häuser der Viktoriastraße, benannt nach der britischen Königin, gerade 30 Jahre alt. Die Oppermanns ließen sich in Hausnummer 26 nieder, Familienpatriarch Hermann betrieb später ein Fuhrunternehmen samt Kohlenhandel. Ein Foto von 1926 zeigt Oppermann am Steuer des ersten Autos in der Viktoriastraße. „Mein Großvater war stolz wie Bolle“, sagt Mueller, der in der Straße aufgewachsen ist.

In den siebziger Jahren begann in Linden-Nord das städtebauliche Sanierungsprogramm mit dem Abriss etlicher Häuser. Auch die historische Viktoriastraße, die zu den ältesten des Stadtteils zählt, verlor an Substanz. Eine Bürgerinitiative sowie engagierte Studenten und Architekten entwickelten Pläne zur Rettung alter Gebäude und sammelten Daten über Bewohner und ihre Geschichten. „Wir wollten begründen, warum möglichst viele Häuser erhalten bleiben sollten“, sagt der Soziologe Jonny Peter vom Verein Quartier. Peter lebte damals als Student in der Viktoriastraße.

Danach lagen die Aufzeichnungen erst einmal einige Jahrzehnte in der Schublade - bereit, in eine Chronik der Straße verwandelt zu werden. Dazu hatte Peter zwar Lust, aber kaum Zeit. Nun aber ist es endlich erschienen, das Buch mit dem Titel „Geschichte(n) aus der Viktoriastraße“, und Peter konnte es im Forum Linden-Nord vorstellen. Allerdings nicht er allein. Für das Buchprojekt hatten sich viele Lindener zusammengefunden.

2010 veranstaltete der Verein Quartier zur Historie der Viktoriastraße eine Art Geschichtswerkstatt, an der ehemalige und heutige Bewohner der Straße teilnahmen. Gut 20 Hobbyautoren um Jonny Peter begannen, eigene und fremde Erinnerungen sowie historische Dokumente aufzubereiten. Um ganz persönliche Sichtweisen gehe es in diesem Buch, sagt Peter. Um das Leben in einer Arbeiterstraße mit kleinen Häusern, Gewerbe, Kneipen und dem bis in die sechziger Jahre hinein existierenden Kino Schauburg an der Ecke Limmerstraße. Einer Straße, die mit einigen anderen zur Keimzelle von Linden-Nord wurde. „Es ist ein etwas sentimentaler Blick aufs Milieu“, sagt Rolf Mueller, Nachfahre der Oppermanns aus der Viktoriastraße.

Die Straße machte in den Jahrzehnten mehrere Wandlungen durch. Nach dem Zweiten Weltkrieg, die Viktoriastraße war weitgehend verschont geblieben, zogen Ausgebombte in die Straße. Die Bewohnerschaft wechselte; jüngere Familien suchten sich anderswo ein neues Heim in Neubauwohnungen.

In den sechziger Jahren begannen die Vorbereitung zum Sanierungsprogramm in Linden-Nord. Die Stadt kaufte Grundstücke an der Viktoriastraße auf und schickte sich an, die Zeile in eine reine Wohnstraße zu verwandeln. „Gewerbe, das als störend angesehen wurde, sollte raus“, sagt Peter. Damit war auch die Krautfabrik Fahlbusch an der Viktoriastraße4 gemeint, 1858 von den Stockmanns errichtet und 1920 von den Fahlbuschs übernommen, die dort eine kleine Sauerkraut- und Gurkenfabrik und einen Kolonialwarenladen betrieb. 1969 wurde die Fabrik geschlossen und zehn Jahre später abgerissen. Mitte der achtziger Jahre wurden etliche Brachen für neue Bauherren freigegeben. „15 Reihenhäuser wurden damals gebaut. Dafür gab es über 100 Bewerbungen“, sagt Wolfgang Wehrend. Seine Frau und er bekamen den Zuschlag. „Mit viel Eigenleistung haben wir dann gebaut“, sagt er. Noch heute wohnen sie, wo einst die Krautfabrik war.

Im nördlichen Teil der Straße entstanden viele neue Eigenheime; im Süden errichtete die städtische Wohnungsbaugesellschaft GBH Alten- und Sozialwohnungen. Gemeinsam ist den Neubauten, dass sie sich dem historischen Straßenbild anpassten, mit zwei- bis zweieinhalb Geschossen. Auch viele historische Gebäude wurden modernisiert, viele Käufer legten selbst Hand an. Wie die Künstlerin Karin André, die eines der Häuser vor dem Verfall bewahrte. „Fertigkeiten habe ich mir angeeignet, gemauert, gefliest, gegraben und getüncht“, notierte sie im Buch. Am Ende wurden es „zehn Jahre Schufterei“, bis ihre Haussanierung vollendet war

Das Buch „Geschichte(n) aus der Viktoriastraße“ kostet 12 Euro und ist beim Verein Quartier, der Lindener Buchhandlung (Limmerstraße 43) und der Fleischerei Gothe (Limmerstraße 28) zu haben.

Marcel Schwarzenberger

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