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West Ihme-Zentrum wird zur Titanic
Hannover Aus den Stadtteilen West Ihme-Zentrum wird zur Titanic
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00:15 10.06.2015
Achtung Kollision: Im Gummiboot treibt der Eisblock auf die Titanic alias Ihme-Zentrum zu – und Jack (Jonas Vietzke) muss hilflos dabei zusehen. Fotos: Link (5) Quelle: Christian LInk
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Hannover

Die Menschen am Ihme-Ufer schreien und wedeln wild mit den Armen. Aber der Eisberg ist nicht von seinem Kurs abzubringen. In einem gelben Gummiboot steuert das Styropor-Gebilde auf die Titanic (in tragender Rolle: das Ihme-Zentrum) zu. Von oben beobachtet eine Blaskapelle den Zusammenprall. Die Band bleibt gelassen, Regisseurin Lena Kußmann brüllt dagegen aufgeregt in ihr Megafon. „Warum gehst du nicht unter?“, schreit sie den Betonklotz vom gegenüberliegenden Ufer aus an. Doch wie üblich ist das Ihme-Zentrum nicht kleinzukriegen.

Am vergangenen Sonnabend machte das Theater an der Glocksee in der Reihe „Wildwechsel“ das benachbarte Flussufer zum Schauplatz für die wohl chaotischste „Titanic“-Adaption der Schauspielgeschichte. Für das hannoversche Publikum verwandelte „Das wundersame Aktionsbündnis der Tante Trottoir“ den Hollywood-Blockbuster zur Freiluftaufführung mit viel Improvisation und noch mehr Selbstironie. Das kleine Ensemble zeigte mit „Tante Titanik“, wie man einen der teuersten Kinofilme aller Zeiten auch mit einfachen Mitteln und nur einer Woche Vorbereitung erfolgreich aufführen kann - wenn man das Ihme-Zentrum als Kulisse hat. So wurde die Wohnanlage kurzerhand zum Kreuzfahrtschiff, das Publikum schlüpfte in die Rolle der Passagiere, und vorbeifahrende Radfahrer erklärte die Regie kurzerhand zu Delfinen.

Dabei wäre das Schauspiel über die Schiffskatastrophe beinahe ins Wasser gefallen. Trotz Wind und Regen begann das Stück aber nur mit leichter Verspätung und nahm zur Freude der zunächst etwa 20 auf der Wiese versammelten Theaterfreunde schnell an Fahrt auf. Später kamen nicht nur die Sonne und etwas blauer Himmel hinzu, sondern auch weitere Zuschauer auf beiden Seiten der Ihme. Einige Hochhausbewohner verfolgten das Spektakel von ihren Balkonen aus.

Der Filmhandlung folgend lernen sich Rose (Saskia Boden) und Jack (Jonas Vietz­ke) auch in der Glocksee-Inszenierung kennen und lieben. Es gibt den berühmten Walzertanz auf dem Galadeck und eine irische Party im Schiffsrumpf, wobei auch das Publikum mitspielen und -tanzen darf. Musikalische Unterstützung kommt von der Band „Söhnlein Brilliant und die Krönung“ von der gegenüberliegenden Flussseite.

Am Ufer des Ihme-Zentrums spielen sich dann dramatische Szenen ab. Auf einer der Betonbalustraden fühlt sich Jack wie der König der Welt - und dort steht das Liebespaar schließlich auch wie in der viel zitierten Filmszene mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet an der Reling und überblickt den Ozean (beziehungsweise die Ihme). Etwas weiter rechts auf einer Wendeltreppe schmettert Sängerin Johanna Kroedel in der Manier von Céline Dion mit dem Megafon den Titelsong „My Heart Will Go On“ über den Fluss, während unter ihr eine riesige rote Plane wie ein Ballkleid im Wind flattert.

Einer der Hochhaus-Balkone wird zur Luxuskabine von Rose und ihrem Verlobten Caledon (Timo Staak). Der findet dort auch das Aktporträt, das Jack von seiner Geliebten gezeichnet hat. Der Versuch, das entlarvende Bild verschwinden zu lassen, schlägt aber fehl: Es ist als riesiges Banner quer über den Balkon gespannt.

Nachdem Eisberg und Titanic kollidieren, erreicht auch das Stück seinen Höhepunkt. „Dieses Zentrum kann nicht sinken“, verkündet zunächst Schiffsarchitekt Thomas Andrews (Lisa Grosche). Wenig später muss er (oder sie) jedoch einräumen: „In einer Stunde befindet sich all dies auf dem Grund der Ihme … äh … des Atlantiks.“ Während an Bord des sinkenden Schiffs die Panik ausbricht, spielt das Blasorchester „Ti Amo“. Auch Bordpianist Ruben hält bis zum Ende durch und begleitet Schauspielerin Astrid Köhler beim musikalischen Gesangsfinale, bei dem sich Rose und Jack noch im Arm halten.

Eine Szene später hat sich Rose auf eine Tür gerettet, um nicht in den Fluten unterzugehen. Einige Zuschauer tragen die Schauspielerin auf dem Holzbrett über die Wiese, um den Wellengang zu simulieren. „Vorsicht Hundekacke! Könnt ihr noch? Jetzt in die andere Richtung“, dirigiert die Hauptdarstellerin ihre Helfer. Anschließend folgt die dramatische Szene, in der Jack ertrinkt. Mitten auf der Ihme-Wiese.

Während so mancher Zuschauer schon denkt, es sei Schluss, rennt noch ein Passagier (Leif Scheele) zum Rettungsboot, um sich und seinen Reichtum in Sicherheit zu bringen. „Wer sich rettet, stirbt allein“, ertönt es zu Blasmusik-Klängen von der anderen Uferseite. Prompt landet der egoistische Europäer in der Ihme und wird ausgerechnet von vier Afrikanern (gespielt von Achmed, Dawod, Faiz und Ashraf aus dem sudanesischen Protestcamp am Weißekreuzplatz) aus dem Wasser gezogen, die er zuvor auf dem sinkenden Schiff zurückgelassen hatte.

Die Botschaft ist deutlich - wie auch die Liebeserklärung an das Ihme-Zentrum, die sich durch das ganze Stück zieht. „Wir wollen nicht, dass du untergehst“, sagt Theatermacherin Kußmann an einer Stelle. Schließlich habe der Betonklotz noch viele Geschichten zu erzählen, „von Nachbarn, schönen Aussichten und waghalsigen Träumen neuer Wohnmöglichkeiten“.

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