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West Weltmeister der Hinterhöfe: Autor liest bei Decius
Hannover Aus den Stadtteilen West Weltmeister der Hinterhöfe: Autor liest bei Decius
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12:00 04.07.2018
Spaß beim Boken: Auch die Schüler der Lindener Mittelschulen III und IV in der Eleonorenstraße jagten 1958 dem Ball hinterher – und ab und zu wurde auch ein bisschen geprügelt. Quelle: HAZ-Archiv
Linden

Die zusammengeschnürten Fußballschuhe über der Schulter, läuft der kleine Günter aufgeregt zum Boker-Platz in der Nähe des Fössebads. Über ihm brauen sich die Wolken zusammen. Sein erstes richtiges Spiel bei Linden 07 wird ins Wasser fallen, da hilft auch das stundenlange Warten mit den anderen Jungs in der Holzbaracke nichts. Und die Zuhörer in der Buchhandlung Decius spüren förmlich die Enttäuschung des Jungen, der vor mehr als 60 Jahren vergeblich auf die Gelegenheit wartet, sein fußballerisches Können endlich unter Beweis zu stellen.

In dem Buch „Unvollständige Rückkehr an vergangene Orte“ beschreibt der Lindener Autor Günter Müller seine Jugenderinnerungen, die geprägt waren vom großen Fußballtraum. Er stellte bei Decius Passagen daraus vor – unter dem Motto „Boken wie ein Weltmeister“. Zu der Lesung eingeladen hatte die Initiative Lebensraum Linden.

Anschaulich entwirft Müller in seinen Jugenderinnerungen das Panorama eines Linden mit wenigen Autos und viel Freiheit beim fußballerischen Kräftemessen in den Hinterhöfen – mit einem Gummiball, genannt „Pille“.

Besorgte Mutter

„Meine Mutter war strikt gegen meinen Traum, in einen Fußballverein einzutreten. Ein Turnverein wäre ihr am liebsten gewesen. Erst als ich ihr erzählte, dass einer der Mannen von Bern, Jupp Posipal, bei Linden 07 angefangen hatte, gab sie nach“, erzählt Müller seinen Zuhörern. Das berühmte Spiel von 1954 verfolgte der zehnjährige Günter zusammen mit vielen anderen Lindenern im Dornröschen-Biergarten. „Die Lautsprecher hingen in den Bäumen, Bier in großen Krügen, Kaffee und Kuchen standen auf weiß gedeckten Tischen“, erinnert sich Müller. „Nach dem 3:2 wusste ich, ich wollte in einen Verein.“

Fußball war damals die hauptsächliche Freizeitbeschäftigung der Lindener Jungen. Es herrschten raue Sitten bei dem Gerangel um die besten Plätze zum Kicken: „Am begehrtesten waren die Trümmergrundstücke, von denen es viele in Linden gab. Meistens waren sie besetzt, dann ging man wieder und prügelte sich, um die anderen vom Platz zu vertreiben, den sie freiwillig nie aufgegeben hätten. Und wir waren immer stolz auf unsere Beulen und Schrammen, die wir davontrugen!“

Boken statt Bolzen

Bolzen, so erfuhren die Zuhörer, ist etwas, das jeder kann und bei dem „sogar Mädchen mitspielen durften“. Boken hingegen ist echtes Fußballspielen, „deshalb heißen die Fußballschuhe auch Boker“. Die besaß der kleine Günter anfangs nicht, die Eltern hatten dafür kein Geld. „Ein paar Schuhe für den Sommer, eins für den Winter, das war’s“, berichtet Müller, der als Sohn eines Bäckers in der Limmerstraße aufwuchs. Dort, wo heute die Doppelkorn-Filiale ist.

Doch es gibt da auch einen jungen Mann, auf den der Zehnjährige stundenlang wartet, um mit ihm zu spielen. „Er übte mit mir, von ihm lernte ich viel.“ Und eines Tages schenkt er dem völlig verdutzten Günter seine alten Boker. „Sie waren abgelaufen, und sie waren mir natürlich auch zu groß, aber das war egal!“

In den Schuhen jagte der junge Verteidiger dem Ball dann drei Jahre lang bei Linden 07 hinterher. Mit viel Spaß und voller Stolz. Doch die Tage der Boker waren schließlich gezählt: „Sie haben noch das Jubiläumsspiel zum 50. Geburtstag des Vereins im Jahr 1957 mitgemacht – und dann waren sie fast ganz aufgelöst.“

Von Sonja Steiner

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