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West Freizeitheim bietet Kultur und Geschichte
Hannover Aus den Stadtteilen West Freizeitheim bietet Kultur und Geschichte
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16:00 16.09.2018
Die Macherinnen im Freizeitheim: Bettina Kahle und Silke van Laak (von links). Quelle: Foto: Heidrich
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Linden-Nord

Sie sind unschwer zu übersehen. Die drei warmen Brüder ragen hinter dem Schreibtisch von Silke van Laak in die Höhe. Sie sind aus Holz, und sie sind das Ergebnis eines Workshops in den Werkstätten des Freizeitheims Linden. Kinder haben das Lindener Wahrzeichen dort unter fachkundiger Anleitung hergestellt. Die Miniversion des Heizkraftwerks gefiel der Leiterin des Freizeitheims so gut, dass sie diese als Dekoration mit in ihr Büro nahm. Kulturarbeit kann durchaus nachhaltig sein.

Ihr Arbeitszimmer teilt van Laak sich mit ihrer Kollegin Bettina Kahle. In der Mitte des Raumes türmen sich auf den Bürotischen Stapel mit Ordnern, Heftern, diversen Papieren, Postern und Flyern. Kreatives Chaos. So sieht die kulturelle Schaltzentrale des Freizeitheims aus. Dort planen, organisieren und konkretisieren die beiden Frauen das pralle Programm der Einrichtung. „Hier ist immer viel los“, sagt van Laak mit einem strahlenden Lachen. Ihre Arbeit macht ihr sichtlich Spaß.

Was, wann, wo im Freizeitheim Linden?

Die Veranstaltungsreihe „Mein Quartier Linden“ in Zusammenarbeit mit dem Verein Quartier gehört zu den besonders beliebten Angeboten. Sie startet wieder mit den Vorträgen „Linden von den Anfängen bis 1920“ am Donnerstag, 13. September, und „Linden von 1920 bis heute“ am Donnerstag, 27. September, jeweils ab 19 Uhr. Gemeinsam mit der Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum wurde die Ausstellung „Mein Hannover – Menschen ohne Wohnung fotografieren ihre Stadt“ konzipiert. Eröffnung ist am Sonnabend, 27. Oktober, um 14 Uhr im Freizeitheim, danach lädt ein Verkäufer des Straßenmagazins „Asphalt“ zum Spaziergang ein. Zu sehen sind die Bilder bis zum 19. November.

Die interaktive Ausstellung „Klangräume“ ermöglicht unterschiedliche Möglichkeiten zum Hören, Sehen, Experimentieren und Mitmachen. Geboten werden Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen und Performances. Die Eröffnung ist am Freitag, 2. November, um 16 Uhr. Die Schau ist bis zum 23. November zu sehen. Das dokumentarische Filmfestival Utopianale läuft am Sonnabend, 10. November, ab 9 Uhr und am Sonntag, 11. November, ab 10 Uhr. Thema ist in diesem Jahr „Wohnen und Demokratie“.

Mehr als 60 Veranstaltungen mit und ohne Kooperationspartner bietet das Freizeitheim jährlich an, dazu kommen gut 40 Kurse und Workshops – von der Keramikherstellung für alle Altersgruppen über den Dunkelkammerabend für Fans der analogen Fotografie, Philosophieangebote und eine Orchesterwerkstatt für Kinder bis zum Lachyoga und Salsatanzen. „Das Freizeitheim“, sagt van Laak, „ist auch ein Spiegel der vielfältigen Aktivitäten hier im Stadtteil.“ Etwa 40 Gruppen, Vereine und Initiativen mieten die Räume und Säle regelmäßig einmal in der Woche – seien es der DGB-Chor, das Zirkusprojekt CircO, der Balkantanzkreis, Schachspieler und Modelleisenbahner oder die deutsch-brasilianische Gemeinde. Die Zahl der Menschen, die jedes Jahr die Angebote nutzen, kann sich sehen lassen: Es sind rund 72 000 Besucher.

Kultur und Geschichte können die Besucher auf vielfältige Weise erleben.

Seit vier Jahren leitet van Laak das Freizeitheim. Ihr ist bewusst, dass jeder oder jede, die diesen Posten antritt, immer auch ein bisschen das Erbe des Mannes verwaltet, der die Arbeit der 1961 eröffneten Einrichtung einst geprägt hatte. Dieser Mann heißt Egon Kuhn und war von 1965 bis 1992 Chef des Hauses, das in seiner Art und Größe das erste in der Republik war. Kuhn, Genosse vom linken Flügel, startete unermüdlich Projekte zur Kultur- und Geschichtsarbeit sowie zur politischen Bildung, die bundesweit Beachtung fanden. Die Geschichtswerkstatt im Keller des Freizeitheims leitete er noch lange nachdem er in den Ruhestand gegangen war. Heute ist der „rote Egon“ 91 Jahre alt.

„Die Geschichtswerkstatt ist ein großer Schatz“, sagt van Laak. Für Historiker und andere an der Vergangenheit Lindens und der Arbeiterbewegung Interessierte ist das Archiv eine Fundgrube. „Hier bringen wir auch Kindern Historisches näher“, erklärt Bettina Kahle. Die jungen Gäste dürfen zum Beispiel testen, wie sich der echte Lindener Samt anfühlte, der einst in der Weberei am Ihmeufer gefertigt wurde – dort, wo heute das Ihme-Zentrum steht. Ein Höhepunkt der Geschichte zum Anfassen ist stets ein Besuch in der Arbeiterwohnküche von 1930. Die originalen Einrichtungsgegenstände hatte die Lindenerin Anni Röttger dem Freizeitheim 1983 vermacht.

Sanierung ist dringend nötig

Das Freizeitheim ist 57 Jahrenach seiner Eröffnung dringend sanierungsbedürftig. Seit Langem ist der Bedarf bekannt. Doch noch immer hat die Stadt kein Konzept und keinen Zeitplan für eine Sanierung vorgelegt. Auch die Finanzierung ist noch offen. Weil für alle städtischen Bauten nur ein begrenztes Budget zur Verfügung steht, wurden zunächst Sanierungen in Schulen vorgezogen.

Es gab Überlegungen, wie zumindest die leer stehenden Bibliotheksräume dauerhaft genutzt werden könnten. Die Otto-Brenner-Akademie wollte dort einen sogenannten Lernort Linden, ein interaktives Bürgerarchiv zu Themen wie Migration und Arbeitergeschichte, einrichten. Doch die Pläne sind wieder in der Schublade verschwunden.

Der ehemalige SPD-RatsherrErnst Barkhoff hat jüngst einen neuen Vorschlag unterbreitet: Er kann sich vorstellen, das Freizeitheim in einen möglichen Neubau für die Integrierte Gesamtschule (IGS) Linden am Lindener Berg zu integrieren.

Die Stadtund die Verantwortlichen im Freizeitheim stehen dem Vorschlag aber skeptisch gegenüber. „Der Standort eignet sich unter anderem deshalb nicht, weil er verkehrstechnisch nicht gut angebunden ist“, heißt es in einer Stellungnahme der Verwaltung.

Einen kulturellen Bildungsanspruch für alle, wie ihn einst Kuhn formulierte, verfolge das Freizeitheim noch immer, sagt van Laak. Aber dieser wird natürlich der Zeit angepasst. Eine vielfältige Arbeit mit Migranten gehört heute ebenso dazu wie eine intensive Kooperation mit Lindener Schulen. Das Freizeitheim bietet ein Kulturabo für Grundschulen und Gymnasien an, um die Schüler frühzeitig an Kulturangebote heranzuführen, zum Beispiel mit Besuchen im Kleckstheater oder in der Clownsschule. „Die Schüler durften sogar einmal bei Rapper Spax in seinem Studio vorbeischauen“, berichtet Kahle.

Einen besonderen Schwerpunkt wollen van Laak und ihre Kollegin in diesem Jahr auf das Thema Demokratie legen. Was zunächst ab-strakt klingt, soll am Sonnabend, 15. September, dem bundesweiten Tag der Demokratie, greifbar werden. Dann lädt das Freizeitheim ab 11 Uhr auf den Küchengartenplatz ein. „Wir werden einen Stadtplan von Hannover auf dem Boden ausbreiten und die Menschen bitten, dort die Orte einzutragen, die für sie mit Demokratie zu tun haben“, kündigt van Laak an. Dabei sollen Diskussionen beginnen, Ideen entstehen – und viele neue Projekte geplant werden.

Freizeitheim Linden, Windheimstraße 4, 30451 Hannover, Telefon 16 84 48 97, www.fzh-linden.de

Von Juliane Kaune

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