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West Ein Tisch wie ein Freund
Hannover Aus den Stadtteilen West Ein Tisch wie ein Freund
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13:05 23.01.2014
Eine lange Schlange steht an der Lebensmittelausgabe im Dunkelberggang an. Bild links: Neue Ware wird geliefert. Bild Mitte: Kerstin Mönch und Claus-Peter Kiene lassen sich Schnitzel mit Kartoffen schmecken. Der Koch ist es gewohnt, große Mengen anzurichten.Moers (4) Quelle: Mario Moers
Linden-Mitte

Eine lange Menschenschlange wartet am Donnerstagmorgen seit Stunden im etwas heruntergekommenen Dunkelberggang am Schwarzen Bären. Zur Lebensmittelausgabe am Lindener Tisch kommen seit der Eröffnung im Juni täglich Menschen aus allen Stadtteilen. Jeden Mittag werden bis zu hundert warme Mahlzeiten an Bedürftige ausgegeben. Zur Lebensmittelausgabe stehen teilweise 200 Leute an. „Jeder ist hier willkommen - egal ob arm, in einer Notlage oder drogensüchtig“, sagen die Betreiber des Lindener Tischs.

Als sich die Türen zum Mittagsessen öffnen, steht Claus-Peter Kiene vorne in der Schlange. Der 52-jährige Ahlemer ist regelmäßiger Besucher am Lindener Tisch. Er hat kein Problem damit, über seine Notlage zu sprechen. „Wenn Sie das hier mit erleben, dann begreifen Sie, wie groß die Armut ist, und wie notwendig diese Einrichtung“, so Kiene. Vor sechs Jahren verlor er nach einer Krankheit seinen Arbeitsplatz als Maler. Dann erkrankte auch seine Mutter, die er seitdem pflegt und für die er heute Lebensmittel beim Tisch abholt, erzählt er. Vom Lindener Tisch hat er zum ersten Mal am Leergutautomaten im Supermarkt gehört. Jeden Freitag geht Kiene zur Lebensmittelausgabe im Pfarrgemeindesaal der Maria-Trost-Kirche in Ahlem, an den übrigen Tagen fährt er hier nach Linden.

Bei der Essenausgabe geht es auffällig geordnet zu. Wer an der Reihe ist, bekommt einen Teller mit Fisch, Kartoffeln und etwas Salat. Dazu gibt es einen Apfel und ein Getränk. Kiene nimmt an einem der langen Tische neben einer Bekannten Platz. „Hier entstehen auch echte Freundschaften“, sagt Kerstin Mönch. „Man tauscht sich über die alltäglichen Probleme mit den Ämtern aus, oder darüber, wie es ist, wenn nie Geld da ist.“ Teilweise gebe es einen freundschaftlichen Zusammenhalt zwischen den Besuchern. Nur von den Drogensüchtigen und Alkoholikern distanzieren sich viele.

Auf einer der Bänke hinter Kiene und Mönch fällt es einer Besucherin schwer, sich aufrecht zu halten. Immer wieder fällt ihr Kopf beinahe auf den Teller. Ihr Sitznachbar richtet sie dann wieder auf. Trotz der positiven Grundstimmung des engagierten Teams und der meisten Besucher ist eine permanente Anspannung zu spüren und die Härten, denen viele hier ausgesetzt sind.

Unter den Bedürftigen ist der Lindener Tisch für die gute Qualität der ausgegebenen Lebensmittel bekannt. Einige kommen extra aus entfernten Stadtteilen wie Stöcken. Für 50 Cent gibt es am Vormittag ein Frühstück, von 13 Uhr an für einen Euro eine warme Mahlzeit. Montags und Donnerstags werden Lebensmittel ausgegeben. Frische Ware gibt es jeden Tag. Ehrenamtliche Helfer fahren über 30 Supermärkte und Händler ab, die Lebensmittel spenden. Oft haben die Märkte zu viel bestellt oder das Haltbarkeitsdatum der Ware läuft ab. Herausgegeben und verarbeitet wird nur, was den Qualitätscheck besteht. „Die Ware ist wirklich top“, sagt einer der Betreiber, die anonym bleiben wollen. Vormittags steht der Essensraum voller Kisten mit Lebensmitteln. In einem Kasten liegen frische Paprika - sie sehen aus wie gemalt. In einem anderen Joghurtbecher, daneben eine große Palette mit Broten.

Der Lindener Tisch e.V. wird von rund zwanzig ehrenamtlichen Helfern betrieben. Zur Eröffnung lobte Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube das Engagement der Betreiber und Mitarbeiter. Im Stadtbezirk gebe es keine vergleichbare Einrichtung. Grube hält nichts von den Befürchtungen einiger Anwohner, dass durch die Ausgabestelle der Standort zu einem sozialen Brennpunkt werden würde. „Ich bin entsetzt darüber, wenn Leute sagen, dass dadurch die anliegenden Wohnungen hier an Wert verlieren“, so Grube. Seiner Meinung nach gewinnt durch die soziale Einrichtung der ganze Stadtteil. Tatsächlich halten sich in der Gegend um den Schwarzen Bären ohnehin viele Drogensüchtige und Trinker auf, da sich in der Nähe gleich drei Abgabestellen für die Ersatzdroge Methadon befinden.

Vor drei Jahren musste eine Suppenküche des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in der Rampenstraße schließen, nachdem Vorwürfe von Spendenhinterziehung bis zu Drogenhandel laut wurden (siehe Extratext). Pikant: Der ehemalige Leiter der Suppenküche, Bernd K., ist jetzt Vorsitzender des Lindener Tisches - allerdings aus Sicht der Betreiber rehabilitiert.

Nach den schlechten Erfahrungen in der Rampenstraße hält es das DRK für problematisch, wenn in Einrichtungen wie den Tafeln keine professionellen Sozialarbeiter beschäftigt sind und es keine ausreichende Kontrolle der ehrenamtlichen Helfer gibt. Der Leiter der Hannöverschen Tafel, Horst Walter Gora, begrüßt dagegen private Initiativen wie den Lindener Tisch. „Wenn es den Leuten vor Ort nützt, gibt es dagegen nicht einzuwenden“, sagt Gora. Auch wenn der Lindener Tisch nicht zu den von der Tafel belieferten Einrichtungen gehört, schickt Gora Bedürftige aus dem Stadtbezirk dorthin, wenn diese sich nach einer nahen Ausgabestelle erkundigen.

Die Betreiber erwarten noch mehr Besucher, wenn die Temperatur unter den Gefrierpunkt fällt. Wenn es kalt werde, dann bestehe ein besonderes Bedürfnis zu reden „Der Tisch ist zu einem Nachbarschaftstreff geworden“, sagt eine zufriedene Besucherin beim Mittagessen.

Mario Moers

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