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Modern Wohnen auf dem Hanomag-Gelände

Der Traum von Loft Modern Wohnen auf dem Hanomag-Gelände

Bauen in Gemeinschaften liegt derzeit voll im Trend. Man muss sich zusätzlich auf Fremde verlassen, das bedeutet Mut. Eine hannoversche Baugemeinschaft hat jetzt sich getraut und in eine Industrieruine auf dem Hanomag-Gelände investiert.

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Beste Aussichten: (von links) Klaus Dittmar und Safack Hartmann, zwei der neuen Bewohner, begutachten den Baufortschritt.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. 23 Bauherren haben gemeinsam 7,5 Millionen Euro aufgebracht und sich den Traum vom Wohnen in ehemaligen Industrieräumen erfüllt. Liebhaber solcher Lofts gibt es mittlerweile in allen großen Städten. Nach dem Kampf mit unerwarteten Altlasten, zu dünnen Dächern und anderen Überraschungen zeichnet sich für die Bauherren in Hannover jetzt ein glückliches Ende ab. Gleich nach dem Jahreswechsel sollen die Umzugswagen auf das Hanomag-Areal rollen.

„Ich bin immer an diesem Gelände vorbeigefahren und fand es schade, dass hier alles so verkommt“, sagt der 48-jährige Safak Hartmann. „Jetzt habe ich das Glück, dass ich hier sogar leben darf.“ Seine 36-jährige Frau Bettina erwartet ein Kind, gleich nach der Geburt will die junge Familie in ihr Hanomag-Loft einziehen – ganz oben über den Dächern des ehrwürdigen Industriehofs. „Ich blicke auf den Stahlring des Stadiondachs, ich sehe den Fernsehturm“, schwärmt Hartmann: „Für mich kam es nie infrage, in ein Haus am Stadtrand zu ziehen – für mich erfüllt sich hier ein Traum.“

Drei der neuen Bewohner und der Architekt (von links): Gabriel Klaus, Klaus Dittmar, Fafak Hartmann, und Harald Schulten.

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Diesen Enthusiasmus braucht man wohl, wenn man sich auf ein derartiges Projekt einlässt. Kurz vor Beginn, verrät Architekt Harald Schulte, seien noch einige Interessenten abgesprungen. „Bankberater und Anwälte haben ihnen abgeraten – und tatsächlich ist es immer auch ein Risiko, wenn man sich auf solch ein Abenteuer einlässt.“ Der Planer kann dieses Risiko einschätzen, sein Büro agsta hat erfolgreich Projekte wie den Umbau des britischen Militärhospitals zum Wohnareal Henriettenviertel gemeistert oder die Umwandlung der Wurstfabrik-Brache zum florierenden Ahrberg-Viertel. „Was Bauherrengemeinschaften aber wirklich erwartet, wenn die Arbeiten begonnen haben, das kann niemand vorher genau beziffern“, sagt Schulte ehrlich.

Um das Millionenprojekt zu meistern, haben die Bauherren eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) gegründet und zwei Geschäftsführer gewählt. Gabriel Klaus ist einer von ihnen. Im echten Leben ist er Elektroingenieur, nun auf einmal verantwortlich für eine regelrechte Firma, verantwortlich für das Einreichen des Bauantrags, Ansprechpartner für 23 Bauherren mit jeweils eigenen Wünschen – gemeinsam mit einem der planenden Architekten. „Das schweißt zusammen“, sagt er. Und berichtet nicht ohne stolz, wie gut das Management funktioniert hat. „75 Prozent des Geldes, das wir investiert haben, ist in regionale Firmen geflossen.“

Teuerer als veranschlagt ist es am Ende gar nicht geworden. Bei 4000 Quadratmetern Gesamtwohnfläche zuzüglich Keller und Randflächen liegt der Kaufpreis für die Loftwohnungen bei 1700 bis 2300 Euro pro Quadratmeter. Das ist deutlich weniger, als ein Neubau kosten würde. „Wir errichten quasi einen Neubaustandard im Bestand“, sagt Architekt Schulte, „das geht zu diesem Preis nur wegen des Bauherrenmodells.“

Keine ,Double-income-no-kids‘-Schnösel

Jede Wohnung ist barrierefrei, riesige Fensterfronten öffnen die Lofts gen Südosten zum Hof; zur Hanomagstraße hin schreibt der Denkmalschutz die Struktur Industriefenster vor – heutzutage natürlich in höchstem Isolierstandard ausgeführt. Durchfahrten öffnen die Häuser zur Straße hin, die Wohnungen werden über eigene Eingänge erschlossen. Der Clou aber sind natürlich die Deckenhöhen. Sechs Meter im Erdgeschoss, darüber nur geringfügig weniger, und jeder darf selbst entscheiden, wo er Wände haben möchte und wo nicht. Dank der Industriearchitektur sind die Grundrisse flexibel und können auch später wieder geändert werden.

Fast alle haben sich Galerien einbauen lassen, um die enormen Deckenhöhen auszunutzen. Wie sich die Heizkosten entwickeln, wird man sehen, dank hoher Dämmstandards hoffen alle auf geringe Nebenkosten. „Denn das sind keine ,Double-income-no-kids‘-Schnösel, die hier einziehen“, betont Geschäftsführer Klaus. Fünf Paare mit Kindern sind dabei, viele jüngere Paare, die sich den Traum vom Wohnen im Loft erfüllen – und mehrere Rückkehrer, die im Umland Kinder großgezogen haben und nun das Leben in der Stadt wieder genießen wollen.

Klaus Dittmar ist einer von ihnen. 63 Jahre ist der gelernte Maschinenbauer alt und im Ruhestand. Sein freistehendes Einfamilienhaus im Umland hat 1200 Quadratmeter Grundstück, sein künftiger Loggia-Balkon wird zwölf Quadratmeter haben. Hat er keine Angst vor der ungewohnten Nähe der Nachbarschaften, wenn die Intimsphäre auf einmal nur noch abgeschirmt wird von 30-Zentimeter-Wänden statt Grünflächen und Gartenzäunen? „Ich sehe der Sache mit positiver Spannung entgegen“, sagt Dittmar. Sein Enkel wächst in Linden auf. Statt mit seiner Frau für jeden Betreuungseinsatz zur Familie des Sohnes pendeln zu müssen, möchte er in der Nähe sein. „Wir wohnen künftig quasi innerstädtisch, können alles mit Öffis oder zu Fuß erledigen – ich glaube, es ist der richtige Schritt, das letzte Drittel des Lebens so zu erleben“, sagt Dittmar.

Auch GbR-Geschäftsführer Klaus, der mit seiner Frau und seinem sechsjährigen Sohn einzieht, sagt: „Es ist bei allen eine klare Entscheidung für die Stadt.“ Und für das Industrieareal, das es ihnen allen so angetan hat.

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