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West Schwieriger Geschichtsunterreicht auf Fössefeld-Friedhof
Hannover Aus den Stadtteilen West Schwieriger Geschichtsunterreicht auf Fössefeld-Friedhof
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14:50 16.05.2012
Von Rüdiger Meise
Die Gräber der Deserteure auf dem Fössefeld-Friedhof sind mit roten Nelken gekennzeichnet. Quelle: Gabriel Poblete Young
Limmer

Ein Ort zum Lernen soll der Fössefeld-Friedhof werden - da sind sich alle einig an diesem sonnigen Nachmittag. Rund 40 Besucher haben sich eingefunden, am 8. Mai, dem Tag, an dem vor 67 Jahren der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Seit 20 Jahren erinnert Egon Kuhn vom Freizeitheim Linden an diesem Tag an jene 43 Deserteure, die in limmerscher Erde begraben sind, und an die mindestens 22 Soldaten, die nach ihrem Suizid hier ihre letzte Ruhestätte fanden. Schulklassen sollte man auf den alten Militärfriedhof führen und Jugendgruppen, sagt Rolf Wernstedt, ehemaliger niedersächsischer Kultusminister und Landtagspräsident. Doch das ist offenbar viel schwieriger, als es sich anhört.

Neben Wernstedt steht - mit gefalteten Händen - Jonny Peter und runzelt die Stirn. Als Leiter des Arbeitskreises „Deserteure“ der Lindener „Otto-Brenner-Akademie“ hat er bereits versucht, den Friedhof Jugendgruppen nahe zu bringen - vergeblich. „Früher setzen sich viele junge Männer im Vorfeld des Wehrdienstes mit dem Thema auseinander“, sagt Peter. Doch der Wehrdienst ist heute ebenfalls Geschichte. „Und es gibt immer weniger Zeitzeugen des Krieges.“

Der Kirchengemeinde Linden-Nord hat Peter bereits angeboten, Konfirmandengruppen über den Friedhof zu führen und die Geschichten der Deserteure zu erzählen, sagt er. Aber die Gemeinde war wenig begeistert. „Vielleicht sind Konfirmanden auch noch zu jung dafür“, sagt Peter. Wie zur Bekräftigung läutet in diesem Moment die Glocke der nahen evangelischen Kirche. Mit der IGS Linden will Peter demnächst über eine Kooperation sprechen, sagt er. Es klingt nicht, als erwarte Peter Begeisterung vonseiten der Schule.

Tatsächlich ist der Fössefeld-Friedhof kein einfacher Ort für das Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus. Ein simples Schwarz-Weiß-Schema ist hier nicht ohne Weiteres anwendbar - schließlich ist Fahnenflucht auch in der Bundesrepublik ein Verbrechen. Mit bis zu fünf Jahren Haft werden Soldaten bestraft, die sich von ihrer Bundeswehr-Einheit absetzen. „Bei den Deserteuren handelt es sich zwar um Opfer des NS-Unrechtsregimes, aber viele waren sicherlich keine Widerstandskämpfer“, sagt Menja Holtz von der Sozialistischen Jugend, die über den Friedhof forscht.

Die Geschichte von Anton Biesterfeld beispielsweise hört sich eher an wie die eines traurigen Anti-Helden. Der Mann, dessen Gebeine in Abteilung 19 auf dem Friedhof begraben liegen, war holländischer Abstammung, sprach schlecht deutsch und war bei den Kameraden in seiner Einheit unbeliebt. Manches deutet darauf hin, dass er ein komischer Kauz war. Biesterfeld wurde schikaniert, von Kameraden gehänselt, bekam von seinen Vorgesetzten schlechte Beurteilungen. Darunter muss er so gelitten haben, dass er sogar bat, an die Front versetzt zu werden - vergeblich. Schließlich zerstörte er seine Uniform und seine Waffe und versuchte, nach Spanien zu fliehen. In einem Zug wurde er aufgegriffen und in Bordeaux wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt. Am 9. November 1944, ein halbes Jahr vor Kriegsende, wurde er in Hannover hingerichtet. Seine letzten Worte waren: „Es lebe Holland!“

Leichter in den historischen Zusammenhang einzuordnen ist die Erschießung von Hubert Breitschaft, der in Abteilung 18 auf dem Friedhof begraben liegt. Nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 hatte er gesagt: „Schade, dass es ihn nicht erwischt hat. Der Kerl hat schon zu viele ins Unglück gestürzt.“ Das reichte aus, um ihn zum Tode zu verurteilen. Am 12. Dezember 1944 wurde Breitschaft in der Emmich-Cambrai-Kaserne in Vahrenheide erschossen.

„Es genügte, nur eine Parole gegen die Nazis an die Wand zu malen, um an den Pfahl gestellt zu werden“, zitiert Werner Trolp einen Zeitzeugen. Seinen akribischen Nachforschungen sowie denen Klaus Falks ist es zu verdanken, dass wir heute wissen, dass mindestens 43 Deserteure auf dem Fössefeld-Friedhof begraben sind. Die meisten ihrer Schicksale jedoch sind unbekannt. „Was wir heute durch unser Gedenken tun können, ist, den Opfern die Würde wiederzugeben, die ihnen am Ende ihres Lebens verwehrt wurde“, sagte der DGB-Landesvorsitzende Hartmut Tölle.

Lange tat sich die Bundesrepublik schwer damit, die Deserteure der Wehrmacht als Opfer eines Unrechtsregimes anzuerkennen. „Erst im Jahr 2009 wurden die Hingerichteten vom Bundestag vollständig rehabilitiert“, sagte Rolf Wernstedt in seiner Rede zwischen den Gräbern. Und offenbar ist die Zeit noch nicht reif dafür, dass aus dem Fössefeld-Friedhof ein Ort des Lernens wird.

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