15°/ 9° wolkig

Navigation:
Abo bestellen HAZ-Shop HAZ Media Store AboPlus HAZ Service
Götter im Gewerbegebiet
Mehr aus West

Hindutempel in Badenstedt Götter im Gewerbegebiet

Der größte Hindutempel Norddeutschlands liegt in einer Halle in Badenstedt. Jetzt hat die Gemeinde einen hauptamtlichen Priester.

Voriger Artikel
Gemeinde reist 3000 Kilometer durch Iran
Nächster Artikel
Zwei Männer überfallen Supermarkt

Hindu-Zeremonie im Sri Muthumariamman Tempel Hannover Badenstedt.

Quelle: Insa Cathérine Hagemann

Hannover. Badenstedt. Nur mit einem gelben, bodenlangen Rock bekleidet singt der indische Priester im Hindutempel seine Mantras. Die Stimme ist durchdringend, unterbrochen wird sie nur von rhythmischen Glockenschlägen. Während er die altindischen Sanskrit-Verse wiederholt, schwingt er eine Lampe, die ätherische Öle verbreitet. Der 40-jährige Inder, der seine schwarzen Haare zu einem Dutt auf dem Kopf zusammengeknotet hat, ist erst seit Februar diesen Jahres in Hannover. Der Tamilische Hindu-Kulturverein hat ihn fest eingestellt, er soll sich hauptamtlich um die Götter und die Gottesdienste in dem Tempel in Badenstedt kümmern.

Der Priester mit dem komplizierten Namen Sivasri Saravana Sivachchariyar stammt aus dem südindischen Tamil Nandu - und er gehört den Brahamanen an. Nur Angehörige dieser Kaste dürfen den Göttern so nah sein, wie es ein Priester ist. Die Berufung wird vom Vater zum Sohn weitergegeben. Auch an diesem Freitagabend hält er die Zeremonie, die der Göttin Sri Muthumariamman gewidmet ist. In der Mitte der kleinen Halle mit den gelb gestrichenen Wänden steht der Altar der Göttin. Normalerweise wird die puppenhafte Figur, die die Göttin verkörpert, von einem Vorhang verdeckt - nur während der Zeremonie erlaubt der Priester den Gläubigen den Blick auf die Angebetete.

Von außen betrachtet, würde man kaum vermuten, was sich im Inneren des Gebäudes abspielt. Denn der Hindutempel liegt mitten im Gewerbegebiet von Badenstedt, links und rechts von ihm stehen Lagerhallen und auch der Tempel mutet kaum anders an als die drögen Nachbargebäude. Vor fünf Jahren hat die hinduistische Gemeinde die flache, weiß gestrichene Halle gebaut - sie gilt seitdem als größter Hindutempel in Norddeutschland. „Hier stört der Tempel keine Anwohner, wir gehen damit Konflikten aus dem Weg“, sagt die Hinduistin Rajiny Kumaraiah. Finanziert wird der 300 000 Euro teure Tempelbau ausschließlich durch Spenden von Unterstützern und Gemeindemitgliedern - noch laufen die Kredite.

Die Götterfiguren, die die fünf Altare im Inneren zieren, wurden in Indien gefertigt und während einer 40-tägigen aufwendigen Zeremonie geweiht. „Seitdem gelten sie als Götter, die gepflegt werden müssen. Sie werden gewaschen und bekommen Essen“, sagt Kumaraiah. Die 45-Jährige ist mit 18 Jahren aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen. Der Bürgerkrieg in ihrem Heimatland hat sie dazu gebracht, bei Verwandten in Hannover Schutz zu suchen. Kumaraiah ist gläubige Hinduistin und kennt sich mit der Tradition der Religion aus - deshalb führt sie hin und wieder auf Anfrage Gruppen durch den Tempel. Die Verwaltungsangestellte macht das ehrenamtlich, es ist ihr Beitrag zur Gemeinschaft.

Sie ist die einzige Frau im Tempel, die in Jeans und Bluse gekommen ist - die anderen Frauen tragen bunte Saris. In einer Reihe stehen sie hintereinander, die Hände zum Gebet gefaltet. Auf der Stirn tragen die Frauen den roten Punkt - ein Zeichen dafür, dass sie verheiratet sind. Während der Priester seine Mantras betet, trägt ein Mann einen Korb mit Blumen zum Altar der Göttin, eine Opfergabe. Danach kniet er sich vor sie und berührt den Fliesenboden mit der Stirn. „Ein Zeichen der Hingabe“, erklärt Kumaraiah.

Auch der 30-jährige Jeyakanthan Selvakumaran, der im Alltag nur Selva genannt wird, ist an diesem Freitagabend in den Tempel nach Badenstedt gekommen. Freitage sind für Hindus wie Sonntage für Christen, es sind heilige Tage. Selva trägt ein lilafarbenes T-Shirt, Baggypants und einen Bart, um den Hals hängt eine dicke goldene Kette. „Ich komme seit einem halben Jahr hierher, zum Beten. Das tut mir gut“, sagt der junge Mann, der als Kind aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen ist.

Rund 300 hinduistische Familien leben in der Region Hannover, sie stammen vor allem aus Indien und Sri Lanka. Viele von ihnen helfen ehrenamtlich mit, den Tempel in Badenstedt zu erhalten - beim Reinemachen, bei Reparaturen und in der Verwaltung. Fest angestellt ist einzig der Priester. Seitdem Sivachchariyar die Gottesdienste abhält, finden sie jeden Mittag um 12 Uhr und jeden Abend um 18 Uhr statt. Vorher war das nicht möglich, denn da hat ein Mitglied der Gemeinde, natürlich auch aus der Kaste der Brahmanen, das Amt ehrenamtlich und nebenberuflich ausgeübt.

Sivachchariyar ist nun den ganzen Tag für die Götter da, er wird dafür bezahlt. „Mir gefällt es hier in Deutschland“, sagt er auf Tamil - die Gruppenführerin Kumaraiah übersetzt. Englisch spricht der Priester nur schlecht, Deutsch bisher noch gar nicht. Aber das will er lernen, zumindest wenn er noch länger bleiben darf. „Wenn der Vorstand mir den Job noch länger anbietet“, sagt der Priester, würde er noch viele Jahre die Zeremonien in Badenstedt abhalten. „Und wenn die Göttin akzeptiert, dass ich hier bleibe.“

Voriger Artikel Voriger Artikel
Nächster Artikel Nächster Artikel
HAZ-Redakteur/in Anne Grüneberg

Anzeige
So schön ist Hannover-Linden
So schön ist Hannover-Limmer

Region Hannover