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Utopien in Frachtcontainern

Linden-Mitte Utopien in Frachtcontainern

Ein Containerdorf ist auf einer Brachfläche in der Fössestarße entstanden. Junge Leute haben dort ein innovatives Kreativzentrum eröffent - und erhalten sogar Geld vom Bund.

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Das neue Containerdorf in Linden-Mitte in der Nähe des real-Parkplatzes.

Quelle: Moers

Hannover. Kreativität braucht Raum, um sich zu entfalten. Am besten viel davon und für wenig Geld. Doch bisher gibt es in Hannover kaum Treffpunkte abseits der etablierten Kulturorte und Institutionen. Das „Platzprojekt“ in Linden-Mitte will da Abhilfe schaffen: In wenigen Wochen ist auf einer Brachfläche an der Fössestraße ein lebendiges, etwas anderes Kreativzentrum entstanden.

Mitten auf dem wild bewucherten früheren Parkplatz (er befindet sich unterhalb des regulär genutzten Parkplatzes des „real“-Marktes) stehen fünf ausrangierte Frachtcontainer. Auf einem ragt ein Sonnenschirm in die Höhe. Darunter sitzen zahlreiche junge Leute. Sie trinken Bier oder Limo, und ihre Beine baumeln über den Rand des selbst gezimmertem Sonnendecks. Ein DJ spielt Soulmusik. Neben dem Container wippen Sofia und Dorothee auf einer ebenfalls selbstgebauten Hollywoodschaukel. Die Produktdesign-Studentinnen genießen die lockere Atmosphäre, die hier am Wochenende herrscht.

Sie haben gehört, dass an dieser Stelle ein neuer Treffpunkt für kreative junge Leute entstanden ist. Gefragt sind an diesem Tag gute Ideen. Denn einer der Container wird verlost: Wer den besten Vorschlag macht, darf als erster Nutzer mit seinem Kreativprojekt, einem eigenen Laden oder einem Kunstatelier in die graue Metallbox einziehen. Die Vorschläge reichen vom Riesen-Aquarium bis zum Secondhand-Laden. Sofia und Dorothee malen sich aus, was sie mit dem Container anstellen würden: „Vielleicht ein Motto-Lokal aufmachen, eine Mischung aus Disko und Bar.“ Mindestens eine Idee für ein innovatives Projekt trägt hier jeder mit sich herum. Auf dem „Platz“ können sie umgesetzt werden. Das ist das Konzept.

Die Initiative, den seit Jahren ungenutzten Parkplatz für Kultur-, Geschäfts-, Garten- und Jugendprojekte urbar zu machen, hatte eine Gruppe Skateboarder ergriffen. Sie haben in den vergangenen Jahren bereits den in der Nähe gelegenen „2er“-Skatepark komplett in Eigenleistung gebaut. Der „Platz“ ist allerdings mehr als eine Erweiterung des gut besuchten Skatergeländes. Er ist eine Utopie. Und der schlichte Name ist als Platzhalter zu verstehen. Denn was genau auf der riesigen Brachfläche entstehen soll, lassen die jungen Organisatoren absichtlich offen. „Keiner weiß so richtig, wie das aussieht, und was am Ende dabei rauskommt“, heißt es auf der Internetseite.

Der offene Ansatz gefiel auch den Verantwortlichen des vom Bund geförderten Stadtentwicklungsprogramms „Jugend.Stadt.Labor“: Eine Summe von 120.000 Euro stellt das Programm den jungen Machern binnen drei Jahren für ihr Experiment zur Verfügung. Vor drei Monaten begannen die Bauarbeiten. Noch bevor die Container kamen, wurde ein Garten angelegt. Mit Spitzhacke und Bohrhammer rückte eine Gruppe junger Leute den Steinplatten auf dem Parkplatz zu Leibe. Danach siebten sie mit der Hand Steine und Bauschutt aus der Erde und legten Blumen- und Gemüsebeete an. „Im Sommer muss man am Ende des Tages nach Erde riechen“, erklärt Jana Roprecht lächelnd. Die 23-Jährige trägt einen übergroßen, spitzen Zaubererhut und ein elegantes schwarzes Kleid. Damit wirkt sie zwischen den aus Sperrmüll gezimmerten Holzbeeten und den Blumen nicht wie eine Bauarbeiterin, sondern sieht eher aus wie eine Malerin in ihrem Künstlergarten.

Tatsächlich treffen sich auf dem „Platz“ vor allem junge Kreative: Studenten der Design-Studiengänge, (Lebens)künstler oder Musiker. Der Altersdurchschnitt liegt irgendwo zwischen 16 und 35. Zwischen Skateplatz und Berufsleben also. Die Container sollen jungen Kreativen auch helfen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Schließlich haben viele der größten Unternehmen mal in einer Garage angefangen.

Den Ersteinzug in den Container, der als Premierenobjekt verlost wurde, hat Lena Meine gewonnen. Die 23-Jährige Modedesignerin will sich darin ein offenes Nähatelier einrichten, Kurse zum Laufen bringen und einen Reparaturservice anbieten. Derzeit stehen fünf Container auf dem „Platz“. In den kommenden Monaten soll die Siedlung weiter wachsen. Die Macher sind bereits dabei, die kleine Kolonie auszubauen. Eine Werkstatt, eine offene Bibliothek, ein Lager und auch eine Gastronomie sind geplant. Fest steht: Ende dieser Woche wird ein weiterer Container verlost. Ideen für eine Nutzung können auf der Internetseite des Projektes eingereicht werden, grundsätzlich kann sich jeder beteiligen. Ein Stellplatz für einen eigenen Container kostet monatlich 60 Euro Miete, gemeinnützige Projekte müssen keine Gebühr zahlen. „Und Container kann man übrigens stapeln...“, heißt es vielsagend auf der Internetseite www.platzprojekt.de.

Von Mario Moers

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