Lutz Fricke hat viel Zerstörung gesehen auf Haiti: „Das passt nicht zusammen. Das sind Dinge, die ich erst auf Deckung bringen muss.“ Dazu will der 45-Jährige in nächster Zeit viel mit seiner Familie und Freunden sprechen. Wenn manche Erinnerung ihn zu sehr bedrängen sollte, wird er die Hilfe eines Notfall-Seelsorgers in Anspruch nehmen.
Am Montag ist der ehrenamtliche Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe nach zwölf Tagen Einsatz wieder am Frankfurter Flughafen eingetroffen. Am Mittwoch um sieben Uhr will Fricke wieder den Dienst in seinem regulären Beruf als Polizeieinsatzleiter in Springe antreten. Auch das sei wichtig zum Verarbeiten des Erlebten, sagt Fricke, der schon in anderen Krisengebieten Katastrophenhilfe geleistet hat. „Für mich ist jetzt das Wichtigste, meinen Alltag wiederzufinden.“
Er hat Säuglinge gesehen, denen Arme und Beine amputiert worden waren. „Sie müssen ihr ganzes Leben damit verbringen.“ Fricke war stellvertretender Missionsleiter eines zwölfköpfigen Teams aus Ärzten, Sanitätern, Logistikern und Notfallseelsorgern aus ganz Deutschland. Fünf Tage versorgte die Gruppe Kranke und Verletzte in Leogane, einer fast komplett zerstörten Stadt. In einem abgezäunten Medizincamp arbeiten dort Ärzteteams aus etlichen Ländern. Morgens um sechs Uhr stehen schon 300 Menschen vor dem Tor, das um acht Uhr öffnet. Behandelt wird auf dem Boden, auf Plastikplanen. Fricke ist vielen hungernden und durstigen Menschen begegnet. „Wir konnten uns nur sagen, was wir machen ist gut und wichtig. Für die Verpflegung waren andere Organisationen da.“ Ein Baby mit deformiertem Kopf transportierten Fricke und seine Kollegen in ein Krankenhaus in der Hauptstadt.
Für Apotheker ohne Grenzen ist Julia Micklinghoff aus Hannover weiter auf Haiti im Einsatz. Von der Arbeit im Hospital „Espoir“ berichtet sie, dass das medizinische Personal sehr stark gefordert ist. Die 30-jährige Apothekerin hilft im Operationssaal der Anästhesistin, indem sie Narkose- und Schmerzmittel vorbereitet. Zur Entlastung der Mediziner ist geplant, eine Apotheker-Visite einzuführen, bei der die Verschreibung der Medikamente kontrolliert und den Patienten mithilfe von Dolmetschern die Anwendung erklärt wird.
Ein zweites Johanniter-Team mit der Oldenburger Ärztin Tina Schulz ist Freitag nach Haiti gestartet. Die Gruppe will ein Orthopädie-Projekt starten, damit Amputierte mit Prothesen versorgt werden. Am gestrigen Dienstag ist auch Susanne Otto von der DRK-Schwesternschaft Clementinenhaus in das Katastrophengebiet Haiti entsendet worden. Die 47-Jährige wird voraussichtlich vier bis sechs Wochen auf der Antilleninsel bleiben und in Carrefour als Hospitalmanagerin im mobilen DRK-Krankenhaus arbeiten, das am 27. Januar seine Arbeit aufgenommen hat. Dort können pro Tag bis zu 700 Patienten behandelt werden. Die mobile Klinik besteht aus 25 Zelten mit 120 stationären Betten.
Bärbel Hilbig und Veronika Thomas
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