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Jede dritte Ausbildungsstelle bleibt frei

Calenberger Land Jede dritte Ausbildungsstelle bleibt frei

Große Nachwuchssorgen: Auch bei den Handwerksbetrieben im Calenberger Land macht sich der bundesweite Trend bemerkbar. Es wird offenbar immer schwerer, für die freien Ausbildungsplätze geeignete Bewerber zu finden. In Barsinghausen beispielsweise blieb jede dritte Lehrstelle unbesetzt.

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Handwerksbetriebe haben immer größere Probleme, ihre Ausbildungsstellen mit geeigneten Bewerbern zu besetzen. Das gilt unter anderem auch in Fleischereien.

Quelle: Sven Hoppe

Barsinghausen/Gehrden/Wennigsen/Ronnenberg. Tausende junge Leute haben Anfang August in Deutschland eine Berufsausbildung begonnen. Zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres sind aber vor allem im Handwerk regelmäßig noch viele Lehrstellen frei – das beklagen auch viele Betriebe im Calenberger Land. Offene Stellen gibt es laut Handwerkskammer traditionell im Bereich Bau, Bäcker, Konditor und Fleischer.

In Barsinghausen beispielsweise konnte jede dritte von örtlichen Arbeitgebern gemeldete Lehrstelle nicht besetzt werden. Laut der Barsinghäuser Filiale der Arbeitsagentur sind von den 116 Stellen mit Stand vom 28. Juli noch immer 38 frei. Für die Kommunen Wennigsen und Gehrden, für die die Filiale ebenfalls zuständig ist, sind die Zahlen noch nicht komplett ausgewertet und werden noch abgeglichen. Denn die Agentur für Arbeit zählt nicht einfach nur die Stellen, sondern schlüsselt sie nach Lehrberufen auf.

Laut Statistik haben sich in Barsinghausen 345 Jugendliche für einen Ausbildungsplatz beworben. 80 von ihnen haben noch keine Stelle. Die Zahlen könnten sich laut Arbeitsagentur allerdings schnell verändern. Viele Lehrstellensuchende wenden sich auch an andere Betriebe in der Region oder in Hannover. Wenn sie Erfolg haben, melden sie sich nicht immer bei der Agentur ab. Auch besetzte Lehrstellen werden oft nicht sofort von den Arbeitgebern gemeldet.

Offene Stellen gibt es zum Beispiel noch in den Bereichen Produktion und Fertigung (5), Maschinenbau und Fertigungstechnik (3), Bau- und Gebäudetechnik (4) sowie Logistik und Sicherheit (4). Drei Stellen sind in den Berufen Lagerwirt und Zustellung unbesetzt, 15 in Handel, Vertrieb und Tourismus. Vier wohnortnahe Ausbildungsplätze gibt im Bereich Unternehmsorganisation, Buchhaltung und Verwaltung.

Bei vielen Betrieben macht angesichts der Situation im wahrsten Sinne des Wortes die Not erfinderisch. Diese Erfahrung hat auch Sabine Mollik gemacht. Jahr für Jahr muss sie in der Personalabteilung des Degerser Elektronikbetriebs Müller erleben, wie schwer es ist, geeigneten Nachwuchs für handwerkliche Berufe zu finden – selbst mit Stellenausschreibungen. „Es ist nicht mehr so leicht wie vor sechs bis acht Jahren“, sagt Sabine Mollik. Und daher geht die Firma inzwischen einen Umweg.

„Wir versuchen, über Berufsschulen Kontakte zu möglichen Bewerbern zu bekommen, die erst ein Praktikum bei uns absolvieren“, verrät Mollik. Auf diese Art sei der Betrieb auch an seine beiden neuesten Lehrlinge gekommen: Einen Auszubildenden zum Industriekaufmann, der vorher ein Jahrespraktikum gemacht hatte, und eine Auszubildende zur Elektronikerin für Geräte und Systeme, die vorher ein Berufsförderungspraktikum absolvierte.

Über mögliche Gründe für die Handwerkssorgen kann Mollik nur spekulieren. „Die jungen Leute haben wohl andere Berufsvorstellungen“, sagt sie. Deutlich schärfer beschreibt Verena Müller-Liebe die Situation am Ausbildungsmarkt. „Die jungen Leute wollen sich nicht mehr die Hände schmutzig machen – nur im Bereich Kraftfahrzeuge, weil Autos ja spannend sind“, sagt die für Personalangelegenheiten zuständige Mitarbeiterin der Gehrdener Firma Dietmar Müller Heizung-Lüftung-Sanitär. Ansonsten gelte heutzutage bei Schulabgängern: „Lieber Bankenwesen, Versicherungen, Büro.“

Auch bei der Gehrdener Sanitärfirma gibt es seit wenigen Tagen eine neue Auszubildende zur Kauffrau für Büromanagement. „Für diese Stelle lagen auch viele Bewerbungen vor, da konnten wir auswählen“, sagt Müller-Liebe. Zwei Auszubildende für Anlagenmechanik im Bereich Sanitär, Heizung und Klima wurden zwar auch neu angestellt – aber ebenfalls nur über Umwege.

„Es wird immer schwieriger, diese Ausbildungsplätze zu besetzen“, sagt Müller-Liebe. Lediglich eine Bewerbung habe zunächst vorgelegen, der Kandidat aber nicht zur Stelle gepasst. Die Firma habe dann über eine öffentlichkeitswirksame Internet-Lehrstellenbörse immerhin einen Praktikanten gefunden. „Dieser ist jetzt seit Anfang August einer der beiden Azubis“, sagt sie. Ein weiterer Praktikant sei zwar sehr interessiert, aber körperlich zu schwerfällig für den Beruf gewesen. Kurios: Der zweite neue Azubi von Heizungs-Müller lässt sich nur bedingt als Nachwuchskraft bezeichnen: „Er ist ein 40-jähriger Umschüler, der sich auch noch beworben hat“, sagt Müller-Liebe.

Doch nicht überall können die freien Stellen durch Quereinsteiger oder auf Umwegen besetzt werden. Die Barsinghäuser Bäckerei Hünerberg beispielsweise konnte ihre beiden Stellen für die Backstube in diesem Sommer nicht besetzen. „Das war für uns keine Überraschung, es ist in jedem Jahr schwierig“, sagt Katinka Mordfeld-Welke von der Inhaberfamilie. Die beiden Lehrstellen im Verkauf konnte das traditionsreiche Familienunternehmen, das insgesamt elf Filialen in Barsinghausen, Gehrden, Wennigsen und Bad Nenndorf betreibt, hingegen besetzen.

Solche Probleme kennen auch Fleischereibetriebe. Das kann Barbara Sterlinski vom Wurstbasar in Empelde bestätigen: Zwar sei es gelungen, wieder vier neue Fleischerlehrlinge für den Standort Empelde zu finden – und für den Standort Hannover eine junge Frau als Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk. „Aber wir suchen für viele Filialen weiter. Es ist nicht so einfach“, sagt Sterlinski. Offenbar seien EDV-Berufe für viele junge Menschen attraktiver.

Diese Vermutung teilt Marktleiter Jörg Korte von Edeka-Ladage in Wennigsen nicht. „Wir stellen zwar erst im nächsten Jahr wieder Azubis ein, aber auch jetzt hätten wir keine Schwierigkeiten gehabt, Lehrlinge zum Kaufmann im Einzelhandel zu finden“, sagt er. Derzeit laufe es gut: „Fünf Azubis lernen bei uns gerade, und es gibt genug Bewerbungen“, sagt Korte.

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Von Jörg Rocktäschel
 und Ingo Rodriguez

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