Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Als Städterin unter Landfrauen

Otze Als Städterin unter Landfrauen

Mittendrin statt nur dabei: In der Reihe „Heimat hautnah“ schreiben unsere nicht nur über Veranstaltungen und Aktionen, sondern sie machen selbst mit. Johanna Stein hat mit den Landfrauen die Erntekrone gebunden.

Voriger Artikel
Bahn will 350 Güterzüge pro Tag
Nächster Artikel
Bürgerbeteiligung für Windenergie läuft an

Für den wichtigsten Arbeitsschritt ist die Autorin nicht stark genug. Die Landfrauen ziehen den Draht ganz fest um das Gestell mit den Getreidesträußen.

Quelle: Johanna Stein

Burgdorf. Wie bindet man eine Erntekrone? Diese Frage hat sich mir bisher noch nie gestellt. Aber ich werde das schon hinkriegen, denke ich, schließlich habe ich die ersten 18 Jahre meines Lebens in einem Dorf gewohnt.

Ich treffe mich mit neun Landfrauen auf dem Hof von Karin Buchholz in Otze. Gemeinsam binden wir die Erntekrone für das Regionserntefest. Das Gestell für die Krone steht auf dem Tisch. Bündelweise Getreide liegt bereit - Hafer, Gerste, Weizen und Roggen. Weizen und Hafer erkenne ich gerade noch, aber was war jetzt Gerste und was Roggen? Ich erzähle lieber niemandem, dass ich auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen bin. Nach einem Jahr in Hannover bin ich wohl eine echte Städterin geworden.

Ich beginne mit einem Bündel Getreide und schneide die Halme etwa 20 Zentimeter unter den Ähren ab. „Welche Sorte ist das jetzt?“, frage ich. „Gerste“, meint eine der Frauen - „Quatsch, das ist Roggen!“, korrigiert eine Kollegin. Na, wenigstens bin ich nicht die Einzige.

Wir arbeiten in drei Gruppen. In der ersten schneiden wir das Getreide. Dazu benutzen wir normale Scheren. Die Frauen aus der zweiten Gruppe sammeln aus allen vier Sorten lose Getreidesträuße, welche im dritten Schritt mit Draht an das Gestell gebunden werden. Nachdem ich einige Roggenbündel geschnitten habe, will ich mich am zweiten Arbeitsschritt versuchen. Während die anderen das Getreide kunstvoll zusammenstecken, sehen meine Bündel doch etwas lieblos aus. Dekoration war noch nie meine Stärke.

Also gehe ich weiter zu Karin Buchholz und Anette Kobbe. Sie befestigen die kleinen Sträuße am Gestell, indem sie einen dünnen Draht mehrmals darum legen und fest ziehen. Ich ziehe mit aller Kraft, kann die Frauen aber nicht wirklich zufriedenstellen. Sie ziehen den Draht noch ein ganzes Stück an, damit das Getreide auch am Gestell hängen bleibt. Bevor ich noch etwas kaputt mache, begebe ich mich lieber wieder zur ersten Station und schneide Hafer. Wenigstens da mache ich Fortschritte - mittlerweile schneide ich mehrere Halme auf einmal und nicht mehr jeden einzeln.

Nach anderthalb Stunden sind die vier Seiten des Gestells fertig geschmückt. An einer Kette ziehen die Frauen die Krone nach oben, um mit dem unteren Ring fortzufahren. Der Roggen ist mittlerweile aufgebraucht, von der Gerste dagegen haben die Frauen viel zu viel. „Das Getreide haben wir von Betrieben aus Engensen, Schwüblingsen, Uetze, Haimar und Hänigsen“, sagt Buchholz. „Es ist auch noch nicht ganz reif. Sonst würden die Ähren abknicken.“ Daher sind Hafer und Roggen grün - ein schöner Kontrast zum goldgelben Weizen und zur Gerste.

Wir arbeiten in angenehmer Atmosphäre. Mal sind alle still und mal wird sich über das neueste Dorfgeschwätz ausgetauscht. Wer wird Oma? Wer backt welchen Kuchen für das nächste Dorffest? Diese netten Damen sind genau das, was ich mir unter Mitgliedern eines Landfrauenvereins vorgestellt habe. Ich fühle mich wohl, auch wenn ich als Hannoveranerin dabei natürlich nicht mitreden kann.

Nach gut zweieinhalb Stunden Binden ist die etwa 80 Zentimeter große Erntekrone fertig. Auch wenn mein Beitrag klein war - ich bin schon stolz darauf.

"Wir waren immer zeitgemäß"

Über das Selbstverständnis der Landfrauen, über Tradition und ihre selbst gewählten Aufgaben sprechen die Vorsitzenden des Kreislandfrauenverbands Burgdorf, Karin Buchholz aus Otze und Ursula Krüger aus Kirchhorst, im Interview.

Passen Landfrauenvereine angesichts von Emanzipation und Strukturwandel in der Landwirtschaft noch in die Zeit?

Buchholz: Wir waren immer zeitgemäß. Viele Dinge, wo sich andere Frauen versuchen zu emanzipieren, praktizieren wir seit Generationen. Die Entscheidungen im Betrieb wurden zum Beispiel immer gemeinsam getroffen. Viele Bäuerinnen haben selbst einen Betrieb auf die Beine gestellt, einen Hofladen oder ein Bäuerinnencafé.

Krüger: Landfrauen sind einfach die Frauen, die auf dem Land leben. Unsere Mitglieder kommen aus allen möglichen Berufen – von Architektin bis Zahnarzthelferin. Bäuerinnen machen nur noch ein Drittel aus.

Trotzdem sind Landfrauen vor allem dafür bekannt, dass sie gut kochen und noch besser backen können.

Buchholz: Wir sind stolz darauf, dass wir noch backen können! Doch das ist nicht alles. Wir bieten unseren Mitgliedern seit Jahren die Möglichkeit, neue Fähigkeiten zu erlernen – Agrarbüromanagement, Rhetorik, das Gestalten eines digitalen Fotobuchs. Wir versuchen, das anzubieten, was die Frauen wünschen.

Krüger: Wir sehen unsere Aufgabe aber auch darin aufzuklären. So öffnen wir die Höfe, um die Verbraucher zu informieren. Wir gehen in die Schulen, um mit den Kindern zu kochen, und suchen das Gespräch mit der Politik.

Und der Nachwuchs?

Buchholz: Es wird schwieriger. Im Speckgürtel von Hannover gibt es viele Möglichkeiten, sich zu informieren und die Freizeit zu gestalten. Zudem sind junge Frauen meist berufstätig und stark in die Elternarbeit der Schulen eingebunden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
doc6s362ch6dno147z4t4tg
Wolfgang Fredebohm wird Schiffsarzt

Fotostrecke Burgdorf: Wolfgang Fredebohm wird Schiffsarzt