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40 Männer schieben den Lagerkoller

Burgdorf 40 Männer schieben den Lagerkoller

Nach der Flucht vor dem Krieg in ihren Heimatländern haben 40 männliche Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak im 1000 Einwohner zählenden Dorf Schillerslage vorübergehend eine Bleibe gefunden. Ein Lagerbesuch – nah am Koller.

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An der Stirnseite der Mehrzweckhalle gleich neben dem Notausgang liegt ein kranker Mann auf seinem Lager und döst.

Quelle: Joachim Dege

Burgdorf. Advent, Advent, die Hallenbeleuchtung brennt. An der Kopfseite der zum Sammellager umfunktionierten Mehrzweckhalle erhebt sich ein mächtiger Weihnachtsbaum – eine Gabe der Dorfgemeinschaft. Daneben sitzt ein Mann in mittleren Jahren auf einem Stuhl und stiert auf einen Flachbildschirm, auf dem in Zimmerlautstärke eine Polizeiserie flimmert. Ob er auch nur ein einziges Wort versteht, das weiß Allah allein. In der Hallenmitte spielen junge Männer Tischtennis. Am anderen Hallenende liegt ein Kranker im Schlafsack und döst. Mitunter stöhnt er auf. Den Gang, der das Hallenfoyer bildet, flankieren zwei Türen. Die eine führt in ein Kabuff mit Panoramafenster zur Halle hin. Dort sitzt Sicherheitsmann Kassim Cindo in blauer Uniform. In seiner Zwölf-Stunden-Tagschicht überwacht er jeden Schritt der Flüchtlinge. Nachts und am Wochenende hätten zwei Wachleute Dienst, sagt er. Vorfälle, wie den Streit wegen Ruhestörung in der letzten Nacht, dokumentiert er in seinem Aktenordner. Das andere Zimmer ist das Reich von Sozialarbeiter Bernhard Brunnecker. Ein Schreibtisch mit PC, Küchenzeile, Regal und Besprechungstisch möblieren den Raum. Im Regal lagern Zucker, Tee, H-Milch und Klopapier, das Brunnecker nach Bedarf ausgibt. Alle paar Minuten klopft es an Brunneckers Tür, weil einer was will. Auseinandersetzungen zwischen den Männern seien an der Nachtordnung, bestätigt der Sozialarbeiter. Fehlende Beschäftigung, null Intimsphäre sind die Gründe dafür. Bei der geringsten Unstimmigkeit kocht die Stimmung hoch, wird es laut. Die Männer schieben Frust – Lagerkoller. Ein normaler Arbeitstag, sagt Brunnecker: Die Polizei spricht morgens bei ihm vor, will Präventionsmaßnahmen verabreden. Um 11 kommen neue Flüchtlinge an, müssen eingewiesen werden. Um 12.30 Uhr trifft das Mittagessen ein. Ein Mann meldet sich mit Schmerzen im Bauch krank. Das Essen sei scharf gewesen, sagt er. „Ich kann immer nur Brandherde löschen“, sagt Brunnecker, der jede Forderung sofort erfüllen soll. Er mag den Job trotzdem, „weil ich den Menschen sehr konkret helfen kann“. Aber er spürt auch, dass er an Grenzen gerät, spricht von Steinen, die ihm in den Weg gelegt werden. Das versprochene WLAN sei noch immer nicht installiert. Mehr will er nicht verraten. Aber: „Aus all diesen Steinen baue ich mein Haus“, sagt er.

Lob für Ortsbürgermeister Manfred Dunker: „Er ist unser Vater“

Es kommt vor, dass einer der beiden minderjährigen Flüchtlinge, die in der Turnhalle leben, menschliche Nähe sucht und den Sozialarbeiter Bernhard Brunnecker umarmt. Die meisten älteren Flüchtlinge halten Distanz zu dem Mann, den das DRK eingestellt hat. Die Älteren sind in der Mehrzahl gebildete Leute. Ärzte darunter, ein Anwalt, ein Finanzfachmann, ein Wirtschaftsexperte, der schon für die Fifa gearbeitet haben will. Sie leiden, so sagen sie, wie die Hunde. Unter der Tatenlosigkeit, zu der sie sich verdammt fühlen. Und sie haben Fragen, auf die sie keine Antworten erhalten. Das kann Brunnecker nicht leisten. Er weiß nichts über den Fort- und möglichen Ausgang der Asylverfahren. Er kann nichts dazu sagen, warum andere Asylbewerber, die später in Burgdorf eintrafen, in Wohnungen unterkamen, während die 40 Männer in Schillerslage ohne jede Privatsphäre in der Halle eingepfercht leben müssen. Dazu kommt, dass sich die Männer überwacht fühlen. Vom Sicherheitsmann, der sie rund um die Uhr beobachtet. Auch vom Sozialarbeiter, wenn der auf die Einhaltung der Hausregeln pocht. Sie wollen arbeiten, Steuern bezahlen, ihren Beitrag für diese Gesellschaft leisten. Weil sie es könnten, wie sie versichern. Erst als Ortsbürgermeister Manfred Dunker die Halle betritt, hebt sich schlagartig ihre Stimmung. Die Männer verehren Dunker nachgerade: „Er ist der beste Mann. Er ist unser Vater“, rufen drei erwachsene Männer wie im Chor. Dunker ist jeden Tag in der Halle, macht Unmögliches möglich für die Flüchtlinge, organisiert die Unterstützung der berühmten Schillerslager Dorfgemeinschaft, die allerdings Risse bekommen habe, wie Dunker einräumt. Nicht alle im Dorf goutierten, dass so viele Fremde unter ihnen leben.

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