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Alles gut ist die Parole fürs Durchhalten

Burgdorf Alles gut ist die Parole fürs Durchhalten

Ankommen in Deutschland darf nicht jeder - und leicht ist es auch nicht. Der leise und feinfühlige Dokumentarfilmes "Alles gut" weckte in vielen der 150 Besucher eigene Erfahrungen. Und stieß angeregte Diskussionen zwischen Burgdorfern, Geflüchteten und deren Begleitern an.

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Geflüchtete und Bugdorfer tauschen sich im Anschluss an den Film in der Neuen Schauburg aus.

Quelle: Sandra Köhler

Burgdorf. Alles gut - auch wenn das Warten auf den den Nachzug der im Kriegsgebiet lebenden Familie an den Nerven zerrt. Alles gut - auch wenn die zwanzigste Absage für eine eigenen Wohnung kommt. Alles gut - auch wenn die Abschiebung droht. "Warum heißt der Film 'Alles gut', wenn das Ende doch so traurig ist?" wollte eine junge Frau wissen. "'Alles gut' ist eine Floskel, die ich von den Menschen in der Flüchtlingsunterkunft oft gehört habe, auch wenn eigentlich gar nichts gut war", berichtete Filmemacherin Pia Lenz den rund 150 Besuchern ihrer Filmvorführung in der Neuen Schauburg. "Ich hatte den Eindruck, dass sie sich damit gegenseitig aufmuntern und Hoffnung machen wollten. Und dachte, es wäre ein guter Titel für den Film."

Ein Jahr lang hatte die Hamburgerin den achtjährigen Roma-Jungen Djaner, der mit Mutter und Bruder im Herbst 2015 aus Mazedonien nach Deutschland gekommen war begleitet. "Ich habe ihn auf einem Spielplatz getroffen und gleich gewusst, mit dem möchte ich filmen."  Das tat sie, mit einer Handkamera, in der Schule, der Flüchtlingsunterkunft, dem Versteck, in das sich Djaners Familie angesichts der drohenden Abschiebung geflüchtet hatte. "Ich musste besonders die Lehrer und Sozialarbeiter immer wieder mit ins Boot nehmen. Zwischendurch gab es da durchaus Skepsis und Ablehnung", benannte Lenz die Schwierigkeiten. Konflikte mit den von ihr begleiteten Familien habe es nicht gegeben. "Ich habe sie ja auch häufig ohne Kamera besucht und versucht zu helfen. Daraus ist ein Vertrauensverhältnis gewachsen. Und ich habe heute noch Kontakt."

Auch sie habe 2015 wahrgenommen, dass viele Fremde nach Deutschland kamen, sagte die Regisseurin: "Was aber dann mit ihnen geschah, das wusste ich nicht." Grund genug, den Film zu drehen, den Kinobetreiber Christian Lindemann mit dem Burgdorfer Mehrgenerationenhaus im Rahmen von "Arabisch in der Bücherei", einem vom Integrationsfonds der Region Hannover geförderten Projekt, zeigte. Traumatisierung, Warten, Geduld haben müssen, Unverständliche Entscheidungen von Behörden, Ungeduld von Lehrern und Mitmenschen, denen die Integration zu langsam und zu unbequem von Statten geht: Die Erfahrungen der Neuankömmlinge im Film hätten in ähnlicher Form auch zahlreiche der Geflüchteten in Burgdorf gemacht, weiß BMGH-Koordinatorin Wieker. "Der Film ist ein gemeinsames Erleben, eine Basis über etwas zu reden, was sonst sehr persönlich ist- und wozu die Sprache vielleicht nicht ausreicht."

"Darf der Junge jetzt in Deutschland bleiben? Was macht seine Familie? Werden Sie einen zweiten Teil drehen?": Gerade die Migranten unter den Kinobesuchern nahmen starken Anteil an dem Schicksal des Roma-Jungen, der in Mazedonien keine Zukunft hätte. Ein Happyend gibt es jedoch nicht. Seine Mutter wird in einer Psychiatrie behandelt, Djaner und sein Bruder leben in verschiedenen Heimen. Und eigentlich ist die Abschiebung rechtens. "Was passiert, wird die Zeit zeigen", sagte Wieker.

Dass es auch gelingen kann, das Ankommen, zeigt das Schicksal des anderen Kindes, das Lenz begleitete. Die elfjährige Ghofran aus Syrien ist zuerst unglücklich, als sie mit Mutter und Geschwistern dem Vater nach Deutschland folgen darf. Alles ist fremd, sie fühlt sich verloren und hat angesichts ungewohnter und für sie unschickliche Freiheiten Angst, ihre Identität zu verlieren. Doch Stück für Stück wird sie warm mit dem neuen Land. Und als ihre Familie eine mehrjährige Aufenthaltsgenehmigung bekommt, will sie schließlich auch bleiben. Und nicht mehr zurück in die alte Heimat.

Lesung in der Stadtbüchere i

Ebenfalls mit der Situation von Geflüchtetem und ihrem Alltag hier beschäftigt sich die Autorenlesung "Unter einem Dach". Und zwar aus der Perspektive von Erwachsenen. Sie beginnt  am Freitag,  28. April,  um 18 Uhr in der Stadtbücherei Burgdorf, Sorgenser Straße 3. Der Zeit-Reporter Henning Sußebach hat dem aus Syrien geflohenen Studenten Amir Baitar im Dezember 2015 Unterschlupf gewährt. Beide berichten im Buch abwechselnd von ihren Erfahrungen, Ängsten, Sprachbarrieren und Missverständnissen. So staunt Familie Sußebach, als der Gast ihr Haus mit einer Mekka-App ausmisst. Er wiederum versteht nicht, weshalb der Zeit-Redakteur Sußebach mit dem Fahrrad morgens zur Arbeit und seine Frau das Auto nutzt. Dürfen sich die Eltern vor den Augen der Kinder küssen, auch wenn der Gast das seltsam findet? Und wie soll ein Muslim in einem engen Gästebad die rituelle Reinigung vollziehen? Den Eintrittspreis für die Lesung bestimmt jeder selbst - am Ende geht ein Hut herum.

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Kinobetreiber Christian Lindemann, Filmemacherin Pia Lenz und BMGH-Koordinatorin Uschi Wieker moderieren die Diskussion.

Quelle: Sandra Köhler

Von Sandra Köhler

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