Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regen

Navigation:
Pilotprojekt droht das Aus

Burgdorf Pilotprojekt droht das Aus

Eine Betreuungslücke für ihre geistig mehrfach behinderten Kinder wollen Eltern in den Sommerferien schließen – doch möglicherweise scheitert das Projekt an einem fehlenden Zuschuss.

Voriger Artikel
Geldregen für neun Vereine und zwei Kirchen
Nächster Artikel
Marlenes Luftballon landet in Rostock

Für das jüngste Kind Hagen (hier mit Betreuerin Lisa) und andere Kinder mit einer geistigen Behinderung plant Familie Rosendahl mit Mitstreitern eine Freizeit.

Quelle: privat

Burgdorf. „Unsere Kinder fallen immer heraus, wenn es um Aktionen in den Ferien geht“, sagt die Burgdorfer Lehrerin Daniela Rosendahl. Während ihre älteren beiden Kinder in den Ferien mal an einer Freizeit teilnahmen, im Mehrgenerationenhaus bastelten oder in einem Verein Sport trieben, bleibt für den Jüngsten: nichts. „Ich kann Hagen nicht für einen Tag abgeben, weil er viel mehr Zeit fürs Ankommen benötigt“, sagt sie. Für mehrtägige Angebote müsste sie eine Betreuung zusätzlich organisieren, das sei nicht zu realisieren.

Und so sitzt der Schüler, der normalerweise zur Freien Martinsschule in Laatzen geht, zu Hause und langweilt sich. „Das ist eine nervliche Belastung für die ganze Familie“, weiß Rosendahl aus Erfahrung, denn die Kinder hätten selten Freunde am Wohnort. Sie befinde sich als Lehrerin sogar in einer vergleichsweise komfortablen Lage, weil sie in den Sommerferien ihren Urlaub nehmen könne. „Andere Familien haben nicht diese Chance.“

Deshalb entwickelten Eltern mit dem hannoverschen Verein Mittendrin und der Universität Hannover ein Konzept für eine inklusive zweiwöchige Ferienfreizeit in der Martinsschule. Daran sollen 20 Kinder mit und 20 ohne eine Behinderung teilnehmen, die Betreuung von jeweils zwei Jungen und Mädchen übernehmen Studenten der Sonderpädagogik. Für sie startet im nächsten Semester ein Seminar, das die Studierenden eigens auf die Aufgaben im Sommer vorbereitet.

„Das ist einmalig in dieser Konstellation“, sagt Rosendahl. Einmalig sei auch, dass die Freizeit jungen Menschen mit Behinderung die Chance biete, dort als Betreuer ein Praktikum absolvieren zu können. „Wir haben die Inklusion auf allen Ebenen berücksichtigt“, sagt Rosendahl. Ihren Angaben zufolge steht deshalb bereits auch das Konzept in seinen Strukturen. Dazu gehören unter anderem die An- und Abreise der Sechs-bis Zwölfjährigen mit öffentlichen Verkehrsmitteln ab bestimmten Sammelpunkten, gemeinsame Mahlzeiten und das Zusammenstellen eines kleinen Theaterstücks oder einer Zirkusaufführung mit Theaterpädagogen.

Nach einer Sozialstaffel sollen die Familien bis zu 150 Euro pro Woche bezahlen. „Dennoch fehlen nach jetzigem Stand mindestens 10 000 Euro“, hat Rosendahl errechnet. Um die Kostenlücke zu schließen, hat sie bereit mit zahlreichen Stiftungen telefoniert, Firmen angesprochen, Spender gesucht. „Ohne Erfolg“, sagt sie nun desillusioniert und zugleich voller Hoffnung, dass sie doch noch Geldgeber findet. Ihre Ressourcen indes, sich Vollzeit um die Finanzierung kümmern zu können, seien als berufstätige Mutter begrenzt.

Und auch wenn die Kooperationspartner – Mittendrin, Freie Martinsschule und Uni Hannover – auf ihren Gebieten eine große Unterstützung böten: In diesem Punkt müssten die Eltern selbst eine Lösung finden. Inzwischen setzt Rosendahl auch auf ungewöhnliche Lösungen: „Ich habe mich jetzt sogar schon über Crowdfunding erkundigt“, sagt die Mutter und hofft, einen aktiven Mitstreiter zu finden, der die Internet-Spendensammlung für die Kinder organisieren kann. „Eigentlich sehen wir die Freizeit als Pilotprojekt an, das wir im nächsten Jahr weiter führen möchten“, sagt sie.

Familien, die sich für einen Platz bei der Freizeit vom 17. bis 28. Juli interessieren, können sich beim Verein Mittendrin per E-Mail info@mittendrin-hannover.de oder unter Telefon (05 11) 4 50 06 44 melden. Dort erhalten Spender, die das Projekt unterstützen möchten, auch weitere Informationen. 


Der Kommentar: Unvorstellbar

Oft genug klagen Eltern über fehlende Betreuung in den Ferien – nun aber offenbart Daniela Rosendahl stellvertretend für viele andere Familien eine Not, die sich Mütter und Väter mit einem gesunden Nachwuchs nur schwer vorstellen können. Denn während sich Erzieher in Kitas, Lehrer in Schulen und Verantwortliche in Vereinen erst langsam an die Inklusion herantasten, besteht die Betreuungslücke in den Ferien schon längst, und eine Lösung im Interesse der Familien ist mehr als überfällig. Sie reiben sich im Alltag oft genug auf zwischen Erziehung und Behörden, Schulen und Ärzten. Damit fehlt ihnen die Kraft, dringend notwendige Lobbyarbeit zu leisten und eine Öffentlichkeit herzustellen. Diesen Schritt gehen die betroffenen Eltern nun – und sie gehen noch weiter. Denn mit ihrem Konzept schaffen sie etwas, das immer wieder von jungen Pädagogen gefordert wird: Der Theorie die Praxis zu folgen zu lassen. Eine bessere Verzahnung von Lebenswirklichkeit und Universitätalltag lässt sich kaum denken, als dass angehende Sonderpädagogen gezielt auf eine Freizeit und damit auch auf ihren Beruf vorbereitet werden. Unvorstellbar, dass das am Geld scheitern soll.

doc6tddag90ln51fzgc9h5q

Für das jüngste Kind Hagen (hier mit Betreuerin Lisa) und andere Kinder mit einer geistigen Behinderung plant Familie Rosendahl mit Mitstreitern eine Freizeit.

Quelle: privat
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
doc6x889sq6low139loao0b
Die Flöten marschieren querfeldein voran

Fotostrecke Burgdorf: Die Flöten marschieren querfeldein voran