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Flüchtlingshelfer fordern Mitgefühl

Offener Brief Flüchtlingshelfer fordern Mitgefühl

Der Verein Landungsbrücke, der 32 Flüchtlinge in Uetze betreut, wendet sich mit einem offenen Brief an die deutsche Öffentlichkeit. Der Brief geht auch an Bundespräsident Joachim Gauck. Nach den jüngsten Anschlägen fordern die Mitglieder mehr Empathie mit den Geflüchteten. 

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Claudia Ruhs vom Verein Landungsbrücke holt die afghanische Familie am Flughafen in Berlin-Tegel ab. 

Quelle: Bohne

Uetze. Mit „Liebes Deutschland ...“ beginnt der von Ruhs im Namen von allen 30 Landungsbrücke-Mitgliedern unterzeichnete offene Brief, den Kommunal-, Landes- und Bundespolitiker aus der Region bis hinauf zum Bundespräsidenten Joachim Gauck in diesen Tagen zugestellt bekommen. Anlass sind laut Ruhs die Geschehnisse nach den Anschlägen in München, Ansbach und Würzburg, die Berichterstattung darüber in den Medien, Politikeräußerungen sowie die Kommunikation in den sozialen Netzwerken.

Viele Bürger äußerten inzwischen Angst vor Flüchtlingen, sähen sich ohnmächtig einer befürchteten Überfremdung ausgeliefert, hätten Zweifel an Polizei und Politikern, ob diese sie schützen könnten, spürten sogar Wut. Jedoch: „Die bei uns lebenden Flüchtlinge äußern genau die gleichen Gefühle“, heißt es in dem Brief. Sie hätten Angst um ihre Familie in ihren Herkunftsländern, warteten ohnmächtig auf Behördenbescheide, Deutschkurse und psychologische Betreuung, litten unter Zweifeln angesichts von Regelungen, die einen erhofften Familiennachzug in weite Ferne rückten, und sie spürten Wut und Scham, wenn andere Flüchtlinge Straftaten begingen.

Die Landungsbrücke macht geltend, dass gegen solche Gefühle keine strengeren Sicherheits- und Asylgesetze helfen. Vielmehr brauche es mehr Offenheit gegenüber Geflüchteten „und ihre Einbeziehung in die Gesellschaft durch Teilhabe“. Integration sei nicht die vollständige Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft. Moderne Gesellschaften seien geprägt von verschiedenen sozialen Netzwerken, kulturellen Vorlieben, religiösen und weltanschaulichen Orientierungen, denen es mit Toleranz und Respekt und auf der Basis von Recht und Gesetz zu begegnen gelte. Nur so sei ein Bewusstsein der Zugehörigkeit und des Zusammenlebens zu erreichen.

Konkret fordert die Landungsbrücke, die mit Unterstützung der Gemeinde Uetze zurzeit 32 Flüchtlinge in Patenschaften betreut: ausreichend Deutschkurse, Zugangsberechtigungen zu den Berufsschulen für Menschen ab 18 Jahren, eine Berechtigung auf eine fachärztliche Betreuung für Traumatisierte und eine professionelle Unterstützung der ehrenamtlich arbeitenden Freiwilligen.

Joachim Dege

Der Offene Brief im Wortlaut

"Liebes Deutschland - Offener Brief an Bürger und staatliche Instanzen
Wir, die ehrenamtlich mit Geflüchteten zusammenarbeiten, fühlen uns direkt betroffen von den Geschehnissen der vergangenen Wochen. Die Art der Kommunikation in den Netzwerken und einigen Medien sowie die Maßnahmen, die die Politik als Reaktion auf die Attentate und die Flüchtlingssituation in Deutschland anbietet, sind erschreckend und zeigen keine Lösungen auf.
In der Regel wird über uns Ehrenamtliche viel geschrieben, an uns appelliert und uns wird gedankt. Jetzt melden wir uns zu Wort.

Viele deutsche Bürger äußern Angst vor den unbekannten Flüchtlingen in ihrer Stadt, Ohnmacht gegenüber Überfremdung oder drohender Gefahr, Zweifel , ob unsere Polizei und die Politiker uns schützen können oder Wut auf was und wen auch immer.  Die bei uns lebenden Flüchtlinge äußern genau die gleichen Gefühle!

Angst um ihre Familien in den Herkunftsländern angesichts von Krieg und Attentaten und Trauer um gestorbene Verwandte und Freunde, wie jetzt bei dem Attentat in Kabul mit 100 Toten. Angst vor Abschiebung. Ohnmächtig warten sie auf Bescheide von Behörden, auf Deutschkurse, auf psychologische Betreuung, weil sie auf Grund von Traumatisierung z.B. nicht schlafen können oder sich nicht konzentrieren können. Zweifel und Kummer angesichts von Regelungen, die den Familiennachzug in jahrelange Ferne rücken lassen. Sie sind wütend, wenn andere Flüchtlinge Straftaten begehen und schämen sich für ihre Landsleute.
Sie sind vor Terror und Bomben geflohen, nicht um hier Terror auszuüben oder erleben zu müssen!

Gegen Gefühle helfen nicht strenge Sicherheits- und Asylgesetze und schon gar nicht Bundeswehreinsätze im Inneren.
Wir Ehrenamtlichen der Landungsbrücke setzen dagegen: Offenheit gegenüber Geflüchteten, und ihre Einbeziehung in die Gesellschaft durch Teilhabe. Integration verstehen wir nicht als „vollständige Anpassung“ an die Mehrheitsgesellschaft. Moderne Gesellschaften sind vielfältig, geprägt durch verschiedene soziale Netzwerke, kulturelle Vorlieben und politische, religiöse und weltanschauliche Orientierungen – hier ist die große Herausforderung für die Geflüchteten sich zu orientieren, Mitmenschen tolerant und respektvoll gegenüber zu treten und ein Bewusstsein der Zugehörigkeit und des Zusammenhaltes zu entwickeln. Die Grundlage dieses Zusammenlebens sind Recht und Gesetz.

Wir als Bürger haben die Pflicht Geflüchtete dabei zu unterstützen und offene, mitmenschliche und im Verständnis des Humanismus lebende Ansprechpartner zu sein. Die Politik muss dafür sorgen, dass jeder Geflüchtete seine engste Familie nachholen kann. Es ist unmenschlich und ein Integrationshemmnis dies jahrelang zu verhindern. Abschiebungen in Kriegsgebiete wie Afghanistan sind inhuman.
Wir erwarten eine gesellschaftliche Diskussion über die große Bedeutung von Freiheit und Demokratie, nur so können wir diese Werte den Flüchtlingen vermitteln.

Konkret erwarten wir auf Grund unserer praktischen Erfahrung in der Flüchtlingsarbeit

  • Ausreichend Deutschkurse für die Geflüchteten.
  • Zugangsberechtigung zu den Berufsschulen für junge Menschen über das 18. Lebensjahr hinaus. Dort können sie dann gut auf eine Ausbildung vorbereitet werden.
  • Berechtigung auf fachärztliche Behandlung bei Traumatisierung.
  • Jeder Mensch muss das Gefühl haben gerecht behandelt zu werden und die gleichen Chancen zu haben.
  • Professionelle Unterstützung der Ehrenamtlichen. Wenn Geflüchtete sich dann entscheiden in ihre Herkunftsländer zurück zu gehen, haben wir mehr für einen gelingenden Aufbau neuer Staaten in Frieden getan als jeder Transfer von Milliarden es je könnte.

Im Namen aller Mitglieder
Claudia Ruhs
1. Vorsitzende
Landungsbrücke e.V."

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