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Als Schiffsarzt rund um die Uhr im Einsatz

Burgdorf Als Schiffsarzt rund um die Uhr im Einsatz

Schiffsarzt sein: Das hat wenig mit Repräsentieren in schmucker Uniform beim Kapitänsdinner zu tun. Der ehemals in Burgdorf niedergelassene Internist Wolfgang Fredebohm hat seinen ersten Turn als Schiffsarzt auf der "Mein Schiff 6" hinter sich - samt Krankentransport per Hubschrauber.

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Wolfgang Fredebohm (Mitte) bei der Abschlussrunde mit seinen medizinischen Kollegen auf der "Mein Schiff 6".

Quelle: privat

Burgdorf. "Es war eine echte Herausforderung", sagt Fredebohm über die achteinhalbwöchige Tour, die ihn als Crewmitglied von Kiel über die Ostsee unter anderem nach St. Petersburg und Norwegen führte. Trotz akribischer Vorbereitung sei das Leben und Arbeiten an Bord etwas ganz eigenes - Menschen, die dies länger täten, ein ganz besonderer Schlag. "Da gibt es so manch einen mit Brüchen in seiner Biografie. Aber alle sind tolerant und Teamplayer. Anders ginge es auch gar nicht - schließlich wächst man in den Wochen auf engem Raum zusammen wie eine Familie." Er habe dort echte Freunde gewonnen.

Zusätzlich zu den diversen Kursen und Kenntnisnachweisen vor Antritt seiner Jungfernfahrt erwarb Fredebohm innerhalb der ersten drei Wochen weitere 27 Zertifikate, unterwies als sogenannter Juniordoc in der zweiten Woche bereits die aus mehr als 40 verschiedenen Ländern stammende Crew in Erster Hilfe. Selbstverständlich in der Bordsprache Englisch. Quasi nebenbei.

Denn seinen normalen Dienst an Bord versah er natürlich auch. Im Wechsel mit einem zweiten Arzt, unterstützt von einem Krankenpfleger und einer Krankenschwester - letztere kümmerte sich auch um die administrativen Dinge. "24 Stunden Dienst, 24 Stunden frei. So ist es gedacht. Eigentlich ist man aber immer im Dienst", beschreibt der Mediziner, der nach der Aufgabe seiner Hausarztpraxis in Burgdorf noch einmal nach einer ganz anderen Herausforderung gesucht hatte, die Wirklichkeit. Von 8 bis 9 Uhr und von 17 bis 18 Uhr war täglich Sprechstunde für die Crew, im Anschluss die für die Gäste.

Dazu kam die Versorgung akuter Fälle, wann auch immer die auftraten, das Bordhospital, die Schulung des Personals sowie die Kommunikation mit den anzulaufenden Häfen über die medizinische Lage an Bord. "Ich hätte vorher nicht gedacht, wie wichtig der Emailverkehr an Bord ist. Man muss seinen Account wirklich ständig checken, da alle Ansagen über diesen Kanal laufen." Weil die "Mein Schiff 6", das neueste Kreuzfahrtschiff der TUI-Cruises-Flotte, auch auf Fahrt in die USA gehen soll, sei die Dokumentation aufgrund der geforderten Standards noch umfangreicher als sonst üblich gewesen, sagt Fredebohm.

Von immens wichtiger Bedeutung für die medizinische Versorgung auf den Schiffen sei das Medical Department in Hamburg unter der Leitung von Angelina Koehler, erklärt Fredebohm. Ohne dieses sei der qualitativ sehr hohe Behandlungs- und Versorgungsstandard auf allen Schiffen nicht möglich. "Über diese Einrichtung werden die Schiffsärzte auf ihre Einsätze vorbereitet und die Hospitäler werden von dort aus mit den Medikamenten und Verbrauchsgütern auf der ganzen Welt versorgt", erläutert er die zentrale Position der Einrichtung an Land. Auch die Harmonisierung der Arbeitsumgebung auf den unterschiedlichen Schiffen fällt in deren Zuständigkeitsbereich. Und nicht zuletzt ist es Rückhalt und Stütze für alle, die in den schwimmenden Krankenhäusern arbeiten, gerade wenn einmal Probleme mit Patienten auftreten.

Bei seinem ersten Einsatz ereilte Fredebohm die volle Bandbreite seiner ärztlichen Tätigkeit. Nicht nur Magenverstimmungen und kleinere Blessuren hatte er zu verarzten. Da war auch eine Frau, die sich bei einem Sturz einen komplizierten offenen Splitterbruch des Oberschenkels zuzog und in ein Krankenhaus an Land überführt werden musste. Weil sie sich aber  mit ihrem dementen Mann an Bord befand, musste die Reederei diesen so lange betreuen, bis er von Familienangehörigen abgeholt werden konnte. Auch eine Reanimation eines Crewmitglieds musste Fredebohm an Bord durchführen. Die wohl spektakulärste Erfahrung aber war die Evakuierung eines Intensivpatienten per Hubschrauber im Nebel.

Der diensthabende Seniordoc hatte Fredebohm nachts während dessen eigentlich dienstfreier Zeit hinzugezogen, weil es im Bordhospital ohnehin schon brummte. Dort hatte sich der Patient mit akuten Beschwerden vorgestellt, musste nachts um drei noch intubiert werden. Die Bordärzte beschlossen, dass eine Verlegung in ein Krankenhaus an Land nötig sei. "Weil der Hubschrauber auf dem Schiff nicht landen kann, war das ganze schon sehr speziell", sagte Fredebohm. Da die grundsätzliche Gefahr bestand, dass der Pilot im Nebel vom Wind mit dem Rotor gegen das Schiff gedrückt würde, hatte sich die Bordfeuerwehr sicherheitshalber auf Deck positioniert. Doch das gewagte Manöver verlief glatt, der Patient erreichte das Krankenhaus sicher.

Ob er wieder aufs Schiff geht? Die nächsten Fahrten hat er bereits klargemacht. "Der Blick auf See wird einfach weiter", sagt der Mediziner, der stille Momente auf Deck ebenso genossen hat wie die Kameradschaft mit seinen Arbeitskollegen. "Irgendwann packt einen die Sehnsucht, und man muss wieder aufs Meer."

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Von Sandra Köhler

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