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„Ich bin dankbar, dass es mir gut geht“

Burgdorf „Ich bin dankbar, dass es mir gut geht“

Ihre freie Zeit mit Familien zu verbringen, in denen ein Kind sehr jung wegen einer Erkrankung sterben wird - das können sich nur wenige Menschen vorstellen. Marianne Wolters und Ulrike Poll kümmern sich als Ehrenamtliche um die schwer kranken Jungen und Mädchen, deren Geschwister und Eltern.

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Ulrike Poll (links) und Marianne Wolters ziehen Kraft aus ihrem Ehrenamt.

Quelle: Bismark

Burgdorf. Wie reagieren Menschen, wenn Sie über Ihr Ehrenamt sprechen?

Wolters: Fast 90 Prozent sagen, dass sie Hochachtung vor der Arbeit haben. Aber das ist ja nicht der Grund, weshalb ich mich engagiere. Viele sagen auch, dass sie die Familien nicht begleiten könnten - auch wenn für sie der Tod durchaus zum Leben dazugehört, aber eben nicht zum Kindesalter.

Nun gibt es ja ganz unterschiedliche Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren. Weshalb fiel Ihre Wahl auf den Kinderhospizdienst?

Poll: Vor zehn Jahren waren meine Kinder auf dem Weg, das Haus zu verlassen. Ich habe dann über die Zeitung von einer Informationsveranstaltung erfahren und mich angemeldet, weil mir als gelernter Kinderkrankenschwester das Thema auch nicht fremd ist. Und dann gab es drei unnatürliche Todesfälle in meinem engsten Freundeskreis, die mich dazu bewogen haben, mich intensiv mit dem Thema und der eigenen Endlichkeit zu befassen. Das zwingt einen schon zum Nachdenken.

Wolters: Der Sohn meiner Freundin, der gleichzeitig der beste Freund meines Sohnes war, starb jung bei einem Autounfall. Ich habe die Familie in ihrer Trauer erlebt und dabei auch gespürt, wie gut es mir mit einer gesunden Familie geht. Davon wollte ich etwas zurückgeben.

Wie funktioniert der Einstieg in die Arbeit?

Poll: Jeder muss erst einmal einen mehrwöchigen Kurs absolvieren, der ihn zu der Arbeit befähigt. Dabei setzen wir uns auch mit uns auseinander. Es geht um solche Fragen, wie Familien reagieren, wenn sie die Diagnose erhalten, wie man mit der notwendigen Distanz die Familien begleitet oder wie die Supervision abläuft.

Wolters: Der Kurs ist die Grundlage für die gesamte Arbeit, weil sich die Teilnehmer dabei schon als Gruppe finden. Manch einer stellt dabei dann aber auch fest, dass er oder sie sich das Ehrenamt anders vorgestellt hat. Dann ist zu überlegen, ob es besser wäre, den Befähigungskurs vorzeitig zu beenden.

Werden Sie gleich nach dem Kurs mit der Familie bekannt gemacht, die Sie begleiten?

Wolters: Nein, das kann mitunter einige Zeit dauern. Zwar deckt der Kinderhospizdienst die gesamte Region ab, aber viele Familien scheuen sich, die Hilfe zu nutzen. Das geht erst, wenn ein Arzt die Diagnose „lebensverkürzend erkrankt“ stellt. Für viele wirkt das wie ein endgültiges Urteil, also zögern sie das hinaus. Hinzu kommt: Bei Erwachsenen bedeutet Hospiz zumeist ein naher Tod, bei Kindern kann eine Begleitung bis zu zehn Jahre dauern. Natürlich gibt es dabei auch Wechsel bei den Ehrenamtlichen, wenn es notwendig ist. Und manchmal betreuen auch zwei von uns eine Familie. Schließlich sind wir 35 Begleiter.

Poll: In dem Dienst ist neben der Begleitung der Familien die Öffentlichkeitsarbeit eine wichtige Aufgabe. In dieser Gruppe engagieren sich einige Ehrenamtliche für die öffentliche Darstellung des Dienstes. Dort kann man im Dienst ankommen, Erfahrungen sammeln und später eine Begleitung übernehmen.

Wer schaut, welcher Ehrenamtliche zu welcher Familie passt?

Poll: Diese Aufgabe liegt bei den Koordinatorinnen. Sie kennen uns als Ehrenamtliche und sie führen die Erstgespräche mit den Familien. Die Koordinatorinnen schauen, welcher Ehrenamtliche in diese Familie passt - möglichst wohnortnah. Kommt es zu Unstimmigkeiten, suchen wir nach einer Lösung und finden diese meistens auch.

Wie lange hat Ihre längste Begleitung bislang gedauert?

Poll: Ich war drei Jahre in einer Familie. Da entsteht natürlich ein Vertrauensverhältnis, vor allem zur Mutter. Meistens bin ich vormittags hingefahren, habe mich um das schwerstkranke Kind gekümmert. Wenn es möglich war, bin ich auch mit dem großen Rollstuhl in die Natur gefahren. So hatte die Mutter Zeit für sich gehabt. Unser Dienst geht auf die Wünsche der Eltern ein, hört zu, schweigt, ist einfach da. Das bringt mehr Entlastung, als sich mancher vorstellen kann.

Wolters: Ich bin jetzt seit einigen Monaten bei einem Geschwisterkind, dessen Bruder verstorben ist. Auch die Trauerarbeit gehört dazu. Es tut gut zu sehen, wie sich das verwaiste Kind freut, wenn ich komme. Wir erleben und erfahren gemeinsam den Alltag und tun Dinge, die Spaß machen.

Können Sie nach einem solchen Besuch abschalten?

Poll: Am Tage ist es mir bislang immer gut gelungen. Aber manchmal habe ich abends auf das Kind aufgepasst, damit die Eltern mal ins Kino gehen konnten. Gerade vor dem Einschlafen war das Kind unruhig. Wenn ich dann nach Haus gegangen bin, habe ich oft gedacht, wie gut es mir geht. Es beschäftigte mich schon sehr, wie Eltern eine solche Ausnahmesituation über Jahre leben und verarbeiten können.

Wolters: Mir helfen die Gespräche in der Gruppe, wo wir eben bestimmte Fragestellungen offen diskutieren, und die Supervision, die für alle von uns verpflichtend ist. Dieses Gefühl der Gemeinschaft ist für mich positiv. Aber natürlich merke ich, dass ich vieles nicht mehr als gegeben hinnehme. Ich empfinde eine große Dankbarkeit, wie gut es mir geht. Und zugleich merke ich, dass meine Arbeit der Familie gut tut. Damit bewirke ich konkret etwas.

Welche Wünsche haben Sie für den Kinderhospizdienst?

Poll: Es wäre gut, wenn unser Angebot noch bekannter würde. Vor allem bei den Familien, über Ärzte oder Pflegedienste. Denn wir begleiten ja nicht nur, sondern wir unterstützen im Alltag und versuchen auch, bei Fragestellungen oder Problemen, zum Beispiel mit einer Krankenkasse, zu helfen. Und natürlich freuen wir uns immer über Spenden und neue Ehrenamtliche.

Zu guter Letzt: Was bringt die Arbeit Ihnen persönlich?

Wolters: Dankbarkeit zu zeigen für das Leben, das prägt mich inzwischen. Dass Menschen sich untereinander helfen, ist für mich eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Poll: Ich habe das Gefühl, dass ich von den Familien sehr viel zurückbekomme. Es bereichert mein Leben ebenso wie die Aufgaben aus der Öffentlichkeitsgruppe. Dabei spüre ich immer die Dankbarkeit, dass es mir und meiner Familie gut geht. Das ist nicht selbstverständlich.

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