Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Tagelang herrscht Ausnahmezustand

Burgdorf Tagelang herrscht Ausnahmezustand

Vor einem Jahr hat der Brand beim Bürobedarfhersteller Gutenberg auf dem Läufer-Gelände in der Weststadt die Einsatzkräfte der Feuerwehren aus Burgdorf, Uetze und Sehnde an ihre Belastungsgrenze gebracht. Ein Rückblick.

Voriger Artikel
Mit der Lizenz zum Babysitten
Nächster Artikel
Neue Geschäfte in der City

Unter höchsten Sicherheitsstandards nehmen die Experten der analytischen Taskforce sechs Tage nach dem Feuer in der Produktionshalle auf dem Läufer-Gelände.

Quelle: Elsner

Burgdorf. Mehr als 30 Feuerwehrleute und Polizisten erlitten bei dem Läufer-Brand Vergiftungen und mussten ärztlich behandelt werden. Als schwierig erwies sich die Suche nach dem Gift und damit nach einer wirksamen Behandlung der Erkrankten. Erst sechs Tage nach dem Feuer fand die aus Hamburg angeforderte Analytische Taskforce die Substanz, die Übelkeit, Erbrechen und Kreislaufprobleme verursacht hatte.

In dieser Zeit war Burgdorfs Ortsbrandmeister Florian Bethmann bis auf kurze Schlafpausen auf einem Feldbett in der Feuerwache rund um die Uhr im Einsatz. Ihm zur Seite standen viele Helfer der freiwilligen Feuerwehren aus Burgdorf, den Nachbarkommunen und der Region, die zum Teil ihren Urlaub abbrachen. Die Chronik:

Mittwoch, 13. August: Vier Ortsfeuerwehren werden um 6 Uhr zum Brand der Produktionshalle gerufen. Das Feuer ist schnell gelöscht. Bei der Brandschau am Nachmittag wird ein qualmendes Fass mit der Chemikalie Dowanol PM entdeckt - wieder Großeinsatz.

Donnerstag, 14. August: Am Vormittag wird in der Hallenluft das Nervengas Phosphin nachgewiesen. Am Abend melden sich die ersten Feuerwehrleute krank, sie werden in der Feuerwache untersucht. Alle 130 Einsatzkräfte werden telefonisch informiert und nach ihrem Befinden gefragt. Schließlich kommen 22 Männer und Frauen in Kliniken.

Freitag, 15. August: Der ABC-Zug der Berufsfeuerwehr Hannover wiederholt die Schadstoffmessung in der Halle und bestätigt den Phosphinfund.

Sonnabend, 16. August: Im Laufe des Tages werden bis auf zwei alle Feuerwehrleute aus den Krankenhäusern entlassen.

Sonntag, 17. August: Am Mittag kommt ein Feuerwehrmann aus Höver mit Beschwerden in eine Klinik. Abends spitzt sich die Lage zu, als weitere Einsatzkräfte sich melden und in Kliniken gebracht werden. Schnell ist klar: Diese späten Beschwerden kommen nicht vom Phosphin, seine Wirkung wäre längst verflogen. Deshalb wird die Analytische Taskforce aus Hamburg angefordert. Sie trifft um Mitternacht ein.

Montag, 18. August: Um 1 Uhr beginnt die Taskforce mit der Analyse der verschmutzten Einsatzkleidung und untersucht Proben vom Brandort. Um 19 Uhr finden die Experten das Gift. Es ist ein Pyridinderivat, Bestandteil des in der Produktionshalle eingesetzten Reinigungsmittels.

Mitte Dezember schließt die Staatsanwaltschaft die Akten, ohne dass die Brandursache geklärt werden konnte. Sicher ist nur, dass den Gutenberg-Geschäftsführer keine Schuld trifft. Seit Anfang 2015 wird in der Halle wieder produziert.

Nach dem Feuer in den Kreißsaal

Danny Ciharz mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern.

Danny Ciharz mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern.

Quelle: privat

Den 14. August 2014 vergisst Denny Ciharz nicht: Das liegt aber weniger daran, dass er sich an diesem Tag beim Brand der Produktionshalle auf dem Läufer-Gelände verletzte, sondern vielmehr an der Geburt seiner Tochter Annabell.

„Zu Weihnachten 2013 hat mir meine Frau gesagt, dass Mitte August unsere Tochter zur Welt kommen wird“, sagt der 32-Jährige, der demnächst seine Ausbildung als Berufsfeuerwehrmann bei der Bundeswehr beenden wird. Seine Lehrgänge habe er deshalb so getaktet, dass er zu diesem Zeitpunkt in Burgdorf sein konnte. „Ich hatte schon die Geburt unseres Sohnes miterlebt, auch die von Annabell wollte ich nicht verpassen“, sagt er. Außerdem sei klar gewesen, dass er sich um den damals eineinhalbjährigen Tyson kümmern würde – wenn seine Frau Kirsten mit dem Neugeborenen in der Klinik ist. Bis zum 13. August verlief auch alles nach Plan. „Am frühen Morgen wurde dann Vollalarm ausgelöst, und ich habe meine Frau gefragt, ob ich mich losmachen kann.“ Kirsten Ciharz stimmte zu.

„Die Wehen hatten noch nicht angefangen, und das Ausmaß war uns nicht bekannt“, sagt sie. Denny Ciharz ging als einer der ersten Brandbekämpfer ins Gebäude. Er erinnert sich noch sehr genau an jenes 200-Liter-Fass, das deutlich aufgebläht war. „Wir haben das von außen gekühlt“, sagt er. Gegen Mittag kehrte er in die Wache zurück. „Natürlich hatten wir immer wieder Telefonkontakt“, sagt Kirsten Ciharz, auch mit Ortsbrandmeister Florian Bethmann. Gegen Mittag folgte der nächste Alarm: Retter hatten auf dem Fass eine Gefahrgut-Nummer ausgemacht, das Gebäude musste geräumt, das Gelände im Umkreis von 100 Metern evakuiert werden. „Gegen 22 Uhr war ich dann endlich zu Hause.“ Die Nacht aber war kurz. Am Morgen des 14. August setzten die Wehen ein, kurze Zeit später kam Annabell im Krankenhaus Burgwedel zur Welt. „Mir ging es zu dem Zeitpunkt nicht gut“, blickt Ciharz zurück. Doch: Er habe sich dann intensiv um seinen Sohn gekümmert, sei deshalb auch nicht ans Handy gegangen.

„Die Information über den Massenanfall von Verletzten habe ich nicht wahrgenommen.“ Als seine Schwiegereltern zwei Tage später kamen und Tyson übernahmen, machte er sich auf den Weg zum Ausbildungsort. Erst da habe er sich beim Ortsbrandmeister telefonisch gemeldet. „Der hat mich dann wegen der Symptome sofort ins nächste Krankenhaus geschickt.“ Nach einer gründlichen Untersuchung und einer Nacht in der Klinik durfte er weiterfahren. An Annabell sehen Kirsten und Denny Ciharz, wie die Zeit vergeht. Sie hat jetzt ihren ersten Geburtstag gefeiert, geht mit Tyson in die gleiche Kita-Gruppe. Ob sie mit dem heutigen Wissen anders entscheiden würde? Kirsten Ciharz weiß es nicht. „Aber er hätte jederzeit aussteigen können, wenn die Wehen begonnen hätten. In der Feuerwehr geht es sehr familiär zu.“ Und deshalb war Bethmann auch ein Gratulant an Annabells Geburtstag.

von Anette Wulf-Dettmer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten
doc6so7fv8r5kz1bl6pg11s
St. Nikolaus dankt den Ehrenamtlichen

Fotostrecke Burgdorf: St. Nikolaus dankt den Ehrenamtlichen