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Gitarre und Hang retten Tucholsky-Abend

Burgdorf Gitarre und Hang retten Tucholsky-Abend

Was hat der Dichter, Literat, Journalist und Satiriker Kurt Tucholsky 90 Jahre nach seinem Tod einer scheinbar aus den Fugen geratenen Welt noch mitzuteilen? 40 Liebhaber des geschliffenen Wortes kamen auf der Suche nach einer Antwort am Freitagabend ins Schloss, wo Marie Dettmer Tucholsky las.

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Kurt Tucholskys Texte sind so aktuell wie sie es zu seinen Lebzeiten waren.

Quelle: dpa

Burgdorf. "Jedes Glück hat einen kleinen Stich.

Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.

Daß einer alles hat:

das ist selten."

So endet Tucholskys Poem "Ideal und Wirklichkeit", das Dettmer neben anderen ihrem Publikum vortrug. Da möge nun jeder einmal selber beurteilen, wie es mit der Zeitlosigkeit der Texte des Sprachgiganten Tucholsky bestellt ist. Dessen unter Pseudonymen in der Weltbühne, einer Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft, verfassten Beiträge hätten sich, so war zu hören, wohl auch etliche Besucher der Kulinarischen Orgelnacht in der benachbarten St.-Pankratius-Kirche gern in Erinnerung rufen lassen. Allein, sie hatten der Musik und dem Gaumenschmaus den Vorzug vor der Literatur gegeben.

Dabei brauchte es in Wahrheit gar keine Entscheidung zwischen Musik- und Literaturgenuss. Im Schloss nämlich saß der Rezitatorin Dettmer, die aus dem Sammelband "Mit 5 PS" leider ohne Verve und gleichsam betonungslos nur vorlas, mit Reinhold Westerheide ein hochbegabter Gitarrist und Schlagwerker zur Seite. Der als musikalischer Begleiter eigentlich nur hinzugebuchte Saiten- und Percussionkünstler schlüpfte mit seinen einfühlsamen Interpretationen auf technisch allerhöchstem Niveau unverrichteter Dinge in eine Hauptrolle und rettete dem Kulturverein Scena ein bisschen den Abend. Nicht zuletzt mit seinem sphärischen Spiel auf dem Hang. Bei dem hierzulande fast unbekannten Instrument aus der Schweiz handelt es sich um zwei miteinander verklebte Halbkugelsegmente aus Stahlblech, auf deren Oberseite sich verschiedene Klangfelder befinden.

Trotz des Abbruchs, den die selbst ernannte Literarische Komponistin Dettmer Tucholsky tat, war der Abend in literarischer Hinsicht keineswegs vertan. Denn Tucholsky wirkt auch dann noch, wenn er unzulänglich präsentiert wird. Etliche im Publikum hatten die Texte, die der Meister unter eigenem Namen sowie als Ignaz Wrobel, Peter Panter, Theobald Tiger und Kaspar Hauser veröffentlichte, sichtlich so präsent, dass sie ihn hätten mitsprechen können. Andere ließen sich einfach einfangen, etwa vom Wortwitz eines Peter Panters in "Lottchen beichtet 1 Geliebten" und ganz sicher von der Poesie der Gedanken, wie sie Kaspar Hauser in Worte kleidete: "Und immer sind da Spuren, und immer ist einer dagewesen, und immer ist einer noch höher geklettert, als du es je gekonnt hast, noch viel höher. Das darf dich nicht entmutigen. Klettere, steige, steige. Aber es gibt keine Spitze. Und es gibt keinen Neuschnee."

Hauptsache Scena lässt sich nicht entmutigen und bietet seinem Burgdorfer Publikum weitere Musiklesungen, bei denen es sich zweifelsohne um ein unterhaltsames Format handelt.

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