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In kleinen Schritten zurück zum Job

Burgwedel In kleinen Schritten zurück zum Job

Rund 2900 Menschen aus Burgwedel, Isernhagen und der Wedemark sind auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Unter dem Schlagwort Hartz IV wurde es vor zehn Jahren eingeführt. Im letzten Teil der Serie „Hartz IV & Co.“ geht es um die Arbeit des IntegrationsCenters Burgwedel (ICB).

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Larissa Hofer und Rüdiger Karstens sind auf Jobsuche.

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Das ICB an der Bahnhofstraße in Großburgwedel ist seit fünf Jahren für Menschen, die schon etwas weiter vom Arbeitsmarkt entfernt sind, eine gute Adresse. Wer sich dort vom Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW) „aktivieren“ lässt, ist zwar vom Jobcenter geschickt, kommt aber grundsätzlich freiwillig. Die aktuell niedrige Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent könnte die große Chance sein, sagt Geschäftsstellenleiterin Almut Specht.

BNW-Dozentin Brigitte Kirchner war Jahrzehnte lang zuständig für Personalangelegenheiten, sie kann in Bewerbungsunterlagen zwischen den Zeilen lesen. Die Klientel des IntegrationsCenters, sagt sie, zeichne sich aus durch „sehr komplexe Lebenssituationen“. Im Jobcenter-Sprachgebrauch würde man wohl etwas technischer von „multiplen Arbeitsmarkthemmnissen“ sprechen, die bearbeitet werden müssen. Von deren Fülle und Qualität und noch mehr von der Bereitschaft, sich ihnen zu stellen, hängt es ab, wer zwei oder doch eher 12 Wochen an der Bahnhofstraße bleibt.

17 Plätze hat das ICB dort durchlaufend im Angebot - in der Regel mit Warteliste. Als die Vermittlungsquote noch statistisch erfasst wurde, betrug sie etwa 30 Prozent. Aber sie allein taugt nicht als Erfolgsmesser. Was genauso zählt, sei der neue Schub für die Motivation der Absolventen, sagt Jobcenter-Chefin Claudia Sommer. „Bei manchen geht es eben erst später los. Vielleicht mit einem Mini-Job, und dann wird es mehr.“

Dozentin Kirchner stellt klar: „Wir haben es anfangs meist mit Enttäuschten und Demotivierten zu tun. Je tiefer einer in der Mutlosigkeit steckt, umso länger ist er hier“, sagt die Dozentin. Es bedürfe vieler Schritte, um Vertrauen und Selbstvertrauen aufzubauen, um das Ziel eines Arbeitsplatzes überhaupt wieder erreichbar zu machen. Zu den Registern, die je nach Einzelfall gezogen werden, kann auch mal eine psychologische Betreuung gehören oder der Zahnarzt oder der Schuldenberater.

Für den Alltag im ICB gibt es aber einen Stundenplan. Jeder Tag beginnt für die Teilnehmer mit Jobcoaching, und er endet mit „Eigenrecherche“ rund um den Wunschjob. Dazwischen werden Alltagsmanagement, Bewerbungstraining, EDV-Unterricht sowie Fachpraxis in den Gewerken Handel, Pflege und Hauswirtschaft angeboten. Im wöchentlichen Kontaktcafé lassen sich auch Ehemalige blicken, berichten über Erfolge - wie der Koch aus Großburgwedel, der gerade eine Stelle in einer Kaufhaus-Kantine gefunden hat. Oder sie brauchen die Hilfe der Dozenten oder die technische Infrastruktur des ICB - Jobbörse im Internet checken, Lebenslauf aktualisieren, Bewerbungen ausdrucken. Mancher verbessere seine Kompetenzen daheim mit E-Learning auf dem Computer weiter, berichtet Specht.

Rüdiger Karstens aus der Wedemark ist mit seinen 62 Jahren einer der trotz aller Enttäuschungen ganz motivierten Teilnehmer im ICB. 35 Jahre hatte er als Dachdecker gearbeitet, bevor sein Betrieb vor sieben Jahren dichtmachte. Als Gehilfe des Hausmeisters der Wettmarer Grundschule war er schon voller Hoffnung auf eine Anstellung, zumal sich der Förderverein für ihn starkmachte. Danach gab es nur noch Ein-Euro-Jobs und zwei erfolglose Vorstellungsgespräche. „Ich bin kein Eckensitzer, könnte noch ein paar Jahre arbeiten, körperlich habe ich keine Einschränkungen“, macht der 62-Jährige Werbung in eigener Sache.

Auch Larissa Hofer verspricht sich vom ICB den Abschied vom Status der Hartz-IV-Empfängerin. Jobs im Supermarkt und im Seniorenheim waren ihre letzten Stationen auf dem Arbeitsmarkt. Die Ladenkasse verließ die 46-Jährige für den besser bezahlten Pflegejob, dort vertrieb sie das Arbeitsklima.

Jetzt genießt die aus Russland stammende Mutter dreier erwachsener Kinder im ICB erst mal, dass kein Druck und keine Konkurrenz auf ihr lasten. In der ersten Woche hat sie schon gemeinsam mit ICB-Dozenten an ihrer Bewerbung gearbeitet und ihren Lebenslauf aktualisiert. Ein neues Porträtfoto ist im Kasten. „Hier bist du nicht allein. Das stabilisiert.“ Zu den Leuten, die nichts machen wollen, gehöre sie nicht, erklärt die 46-Jährige. Auch eine Ein-Prozent-Chance würde sie nie liegen lassen. Aber bevor sie verrät, was ihr Traumjob wäre, will sie im ICB noch etwas an ihrem Profil feilen. Und einen Plan B, den brauche sie wohl auch noch.

Das sind sie, die vielen kleinen Schritte, von denen Brigitte Kirchner spricht.

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