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Gnadenurteil für Familienvater

Burgwedel Gnadenurteil für Familienvater

Das hätte auch anders ausgehen können: Obwohl ein 30-jähriger Familienvater bereits eine zweijährige Bewährungsstrafe erhalten hatte, ist er vom Amtsgericht Burgwedel wegen Fahrens ohne Führerschein jetzt nicht ins Gefängnis geschickt worden – seine absolut letzte Chance, wie der Richter betonte.

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Ein 30-Jähriger ist im Amtsgericht Burgwedel jetzt noch einmal mit dem sprichwörtlich blauen Auge davon gekommen.

Quelle: Symbolbild

Burgwedel/Wedemark. Wegen Handels mit Betäubungsmitteln in 30 Fällen war der zweifache Vater 2015 zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden. Kurz davor hatte er wegen mehrfachen Fahrens ohne Führerschein bereits eine Geldstrafe in Höhe von 110 Tagessätzen kassiert. Und dennoch saß er jetzt wieder wegen Fahrens ohne Führerschein auf der Anklagebank.

„Das wird heute eine ganz ganz knappe Kiste für Sie“, betonte Amtsrichter Michael Siebrecht bereits zu Beginn. Besonders geschickt stellte sich der 30-Jährige bei seiner Verteidigung allerdings wirklich nicht an. Warum er Anfang Mai in der Wedemark Auto gefahren sei, obwohl er keinen Führerschein hatte? Das wusste er nicht zu beantworten. „Ich hab’ es halt getan“, lautete seine lapidare Antwort. Mit wessen Auto er gefahren sei? „Mit meinem eigenen“ – Kopfschütteln bei der Staatsanwältin. Seine Freundin und damalige Beifahrerin, die sonst mit dem Wagen unterwegs sei, habe nicht gewusst, dass er keinen Führerschein hat. Und wie lange er vorher schon mit dieser Freundin zusammengewesen sei? „Och, eineinhalb Jahre bestimmt schon“ – erneutes Kopfschütteln der Staatsanwältin und sicherheitshalber keine Nachfragen, die den Angeklagten zusätzlich belasten könnten.

Auch sein Bewährungsheft zeugte mehr von Chaos denn von Reue – nicht geleistete Arbeitsstunden, auf falsche Konten überwiesene Geldstrafen oder gleich ein komplett falsches Aktenzeichen bei der Überweisung. „Wir haben bisher nur Scherereien mit Ihnen“, hielt Siebrecht dem Angeklagten vor – der ein kleinlautes „Entschuldigung, ich wusste es nicht besser“ über die Lippen brachte. „Er ist wirklich kein schwerer Straftäter, sondern eher überfordert“, versuchte der Verteidiger noch ein gutes Wort für seinen Mandanten einzulegen. Mit Erfolg. Während die Staatsanwältin mit Blick auf die Aussagen des Mannes, seine Vorstrafen und seine „ungünstige Prognose“ fünf Monate Gefängnis forderte – und somit wohl auch die Bewährung für die zwei Jahre zuvor widerrufen worden wäre – sprach Siebrecht nach eigenen Angaben ein „wahres Gnadenurteil“.

„Das ist heute die wohl letzte Chance, die Sie je in Ihrem Leben vor Gericht kriegen werden“, betonte er. Der 30-Jährige solle sich klar machen, dass ein weiterer noch so kleiner Fehler bedeuten werde, dass er seiner kleinen Familie für mehr als zweieinhalb Jahre Lebewohl sagen muss. „Aber jemanden für so lange Zeit ins Gefängnis zu schicken, nur weil er ohne Führerschein unterwegs war, ist schon drastisch“, erklärte der Amtsrichter sein mildes Urteil. „Ich versuche die Hoffnung zu haben, dass Sie jetzt nicht mehr straffällig werden und zur Vernunft kommen.“ Viele Richter hätten diese Entscheidung anders getroffen – „und das aus nachvollziehbaren Gründen“, so Siebrecht.

Der Familienvater wusste das Urteil zu schätzen, beteuerte zudem, nach einem Umzug jetzt einen neuen Freundeskreis zu haben. Wobei auch diese Aussage Fragen offen ließ: „Das Argument mit den Freunden kann ich bei Drogendelikten ja nachvollziehen, aber was haben Freunde damit zu tun, wenn man sich ohne Führerhschein ins Auto setzt?“, fragte die Staatsanwältin. Das sah wohl auch Siebrecht so – und drückte dem Angeklagten nicht nur 150 zu seinen bereits im vorherigen Urteil anhängenden 300 Arbeitsstunden auf, sondern entzog ihm auch sein Auto. „Sicher ist sicher.“

Von Carina Bahl

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