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„Den Tod darf man nicht totschweigen“

Burgwedel „Den Tod darf man nicht totschweigen“

Immer mehr Menschen lassen sich vom Ambulanten Hospizdienst auf ihrem letzten Weg begleiten. Grit Lahmann, Marianne Meier und Uta Rot sind drei von 14 Frauen, die sich aktuell zur Sterbebegleiterin ausbilden lassen - sie trauen sich, über Tod und Sterben zu sprechen und das schwere Ehrenamt anzunehmen.

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Uta Rot (von links), Marianne Meier und Grit Lahmann absolvieren die Ausbildung zum Sterbebegleiter – eine intensive Erfahrung.

Quelle: Carina Bahl

Burgwedel. „Ich habe meinen Sohn vor fast acht Jahren bei einem Unfall verloren“, erzählt Grit Lahmann ganz offen. Ihr Blick hält stand. Er wäre heute 18 Jahre alt - ihre Tochter verlor ihren großen Bruder damals im Alter von sieben Jahren. „An diesem Tag ist sie erwachsen geworden, und der Tod wurde Thema. Das tut immer wieder weh“, sagt die Neuwarmbüchenerin. „Aber deshalb bin ich hier: Ich will den Menschen helfen, damit umzugehen. Den Tod darf man nicht totschweigen. Denn das Leben geht weiter. Es ist es wert.“

Lahmann ist eine von 14 Frauen, die seit März die Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin absolvieren. Sollten sie es wollen, werden sie danach in das 40-köpfige Team des Ambulanten Hospizdienstes aufgenommen. 25 todkranke Menschen in Burgwedel, Isernhagen und der Wedemark begleitet die Institution in Trägerschaft des Kirchenkreises Burgwedel-Langenhagen aktuell - kostenlos. Ohne Zeitdruck. Mit viel Herz. „Manch eine Begleitung dauert nur wenige Tage, manch einem haben wir sieben Jahre zur Seite gestanden“, weiß Koordinatorin Ute Rodehorst um den Einsatz ihrer Freiwilligen.

Vier Begleitungen hat allein Uta Rot schon geleistet. Die 70-Jährige aus Großburgwedel ist wie Lahmann eine Auszubildende - allerdings mit Erfahrung: „Ich habe früher beruflich in einem stationären Hospiz gearbeitet“, sagt sie. „Aber dieses Ehrenamt ist etwas ganz anderes.“ Die Zeit für ihre Besuche ist freier, die Möglichkeit, empathisch auf die Patienten einzugehen, viel größer. Es ist ein Drahtseilakt zwischen Emotionalität und Distanz, die Sterbebegleiter Tag für Tag aufs Neue wagen: „Einer von ihnen war erst 42, so alt wie mein Sohn. Aber ich konnte es“, erinnert sich Rot, die wie ihre Mitstreiterinnen Lebensfreude pur ausstrahlt. Der Tod wird wie jedes andere Wort in den Mund genommen. Es wird gelacht, gescherzt, einfach gelebt. „Unser Grab haben mein Mann und ich uns schon vor Jahren ausgesucht“, erklärt Rot, Das Sterben sei nichts, was sie im Alltag verdrängt oder fürchtet.

Was kann ich? Bis wohin kann ich es? Und: Was mache ich, wenn ich nicht mehr kann? Diese Fragen sind ein bedeutender Teil der neunmonatigen Ausbildung zum Sterbegleiter. „Seine Grenzen kennenzulernen ist wichtig“, weiß Robert Schoevaart, der seit zehn Jahren in der Hospizarbeit ein zweites Zuhause gefunden hat. „Ein gutes Herz und Mitgefühl reichen nicht aus. Man muss auch lernen, wie man auf sich selbst aufpasst.“

Aus den 14 fremden, ganz unterschiedlichen Frauen sind seit März Freundinnen geworden. „Jeder von uns hat Verluste erlebt,“ sagt Marianne Meier aus Hellendorf. Sie selbst hat in der Familie Angehörige bis zum Tod gepflegt. „Über solche Erfahrungen muss man reden. Im Kurs entsteht dadurch schnell Vertrauen. Es ist intim.“ Denn nur, wer sich selbst kenne, wisse, wo das eigene Leid stecke, könne im Umgang mit sterbenden Menschen sich selbst schützen - für andere da sein, ohne selbst daran kaputtzugehen. Tränen gehören zum Kurs genauso dazu wie erfahrene Referenten, Besuche bei Bestattern und in stationären Hospizen. Und wie später in der Praxis endet alles im Team: sich auffangen, reflektieren, Gefühltes und Erlebtes verarbeiten, darum geht es am runden Tisch.

Meier hat ihr erstes Praktikum absolviert: „Ich begleite gerade eine 93-Jährige“, erzählt sie. Die Frau ist bettlägerig, depressiv, dement, kann sich oft nicht mitteilen. Zweimal die Woche für gut zwei Stunden ist die 59-Jährige bei ihr zu Besuch. „Ich bin für sie da. Wir müssen nicht reden. Hauptsache sie hat das Gefühl, nicht allein zu sein.“ Meier lächelt: „Obwohl sie nichts trinken wollte, hat sie einen großen Schluck aus dem Becher genommen, weil ich ihr Wasser eingeschenkt habe.“ Dieses Ehrenamt gibt eben auch viel zurück.

Das besondere Angebot, das der Hospizdienst in Burgwedel, Isernhagen und der Wedemark macht, wird gebraucht - das zeigt die große Nachfrage: „Wir mussten zum Glück noch niemanden ablehnen, aber wir geraten an die Grenzen unserer Kapazitäten“, berichtet Rodehorst. Immer mehr Menschen wünschten sich, daheim zu sterben. Viele Angehörige bräuchten einen Dritten, der sie in der letzten Zeit mit ihren Lieben auffängt. Und allein sterben? Nein, das soll niemand müssen.

Um Nachwuchs braucht sich der Hospizdienst aber nicht sorgen: „Wir haben jetzt schon sieben Namen auf der Warteliste für den nächsten Kurs in zwei Jahren“, freut sich Rodehorst. Ziel ist dabei eine fundierte Vorbereitung für die Betreuung. Das gelingt zweifelsfrei mit Blick auf Grit Lahmann, Uta Rot und Marianne Meier: Sie sind bereit.

Vortragsabend und Trauercafé beim Ambulanten Hospizdienst

Der Ambulante Hospizdienst für Burgwedel, Isernhagen und die Wedemark hat seinen Sitz in Großburgwedel, Im Mitteldorf 3. Jeden ersten Dienstag im Monat – das nächste Mal am 1. September – öffnet um 15.30 Uhr dort ein Trauercafé. Wer einen Menschen verloren hat, kann dann mit Gleichgesinnten und den geschulten Ehrenamtlichen des Hospizdienstes seine Trauer verarbeiten. Zudem bietet der Hospizdienst auch regelmäßig Veranstaltungen rund um das Thema Sterben und Tod an. Am Montag, 7.?September, kommt beispielsweise die Buchautorin Dorothee Döring zu einem Vortrag ins St.-Petri-Gemeindehaus am Küstergang in Großburgwedel. Ab 19 Uhr wird sie zum Thema „Späte Versöhnung“ referieren. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen über den Hospizdienst finden sich im Internet auf ambulanterhospiz?dienst.de. car

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