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Tazim will endlich vor Gericht

Burgwedel Tazim will endlich vor Gericht

Seit fast viereinhalb Jahren wartet ein junger Großburgwedeler auf seinen Prozess vor dem Amtsgericht. Einen Teil seiner Zukunftspläne musste sich der 21-Jährige deshalb bereits aufgeben. 

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Tazim (Name geändert) steht vor dem Amtsgericht Burgwedel. Seit rund viereinhalb Jahren wartet er auf seinen Prozess.

Quelle: Frank Walter

Großburgwedel. An jenen Oktoberabend 2011 kann sich Tazim (Name geändert) heute kaum noch erinnern. Zwei Gruppen Jugendliche waren im Großburgwedeler Krankenhaus-Park aneinandergeraten. Für einen 14-Jährigen endete die Begegnung mit Prellungen und einem Schädel-Hirn-Trauma in der MHH. Angeklagt wegen gefährlicher Körperverletzung wurde im August 2012 auch der damals 17-jährige Tazim. Einer der Zeugen hatte ihn als Mittäter benannt. Doch Tazim beteuert, er habe keinesfalls zugetreten – „ich war es nicht“. Ganz im Gegenteil, er habe nur schlichten wollen.

Die Chance, dies auch vor Gericht auszusagen und sich so eventuell von den Vorwürfen reinwaschen zu können, hat der mittlerweile 21-Jährige jedoch bis heute nicht erhalten. Bereits vor einem Jahr hatte Tazims Verteidiger Herwig Matthes den Fall öffentlich gemacht. Doch zwölf Monate später ist der Prozess immer noch nicht terminiert.

„Das ist bald fünf Jahre her!“, ereifert sich der Verteidiger. „Woran sollen sich Zeugen denn jetzt noch erinnern können? Wie sollen sie noch dezidierte, fundierte Angaben machen?“ Und auch das Unmittelbarkeitsprinzip sieht Rechtsanwalt Matthes ad absurdum geführt – schließlich beinhaltet das Jugendstrafrecht den Erziehungsgedanken, dass durch zeitnahe Maßnahmen weitere Straftaten verhindert werden.

Wegen eben jenes Erziehungsgedankens findet es auch Amtsgerichtsdirektor Michael Siebrecht „problematisch“, dass so viel Zeit seit der Tat vergangen ist. Auch die Beweisaufnahme werde sich deshalb schwierig gestalten. „Es hat wirklich sehr lange gedauert“, räumt Siebrecht ein. Zwei bereits angesetzte Prozesstermine 2013 und 2014 sind wegen der Erkrankung eines Richters geplatzt. Dieser ist mittlerweile pensioniert, hat aber außer anderen Aktenbergen ein besonders dickes Bündel hinterlassen: Drei Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung führte er zusammen, weil es bei den Angeklagten teilweise Überschneidungen gibt. Wäre der Prozess so eröffnet worden, hätten sich sieben Angeklagte samt Verteidigern und allein vonseiten der Staatsanwaltschaft 33 Zeugen im Gerichtssaal gedrängt.

Jeder Richter entscheide so etwas selbst, betont Siebrecht – und die jetzt mit Jugendsachen befasste Richterin bewerte es als „nicht händelbar“, weswegen einer der drei Fälle wieder abgetrennt werde. Die Strafsache, wegen der Tazim angeklagt ist, soll spätestens im Juni verhandelt werden. Im Falle einer Verurteilung ist ein Strafrabatt wahrscheinlich, weil die Justiz die Gründe für die Verzögerung zu verantworten hat.

Tazim hofft einfach nur, dass er endlich als freier Mann einen Haken hinter diese Geschichte machen kann. Den Traum von einer Karriere im fliegerischen Dienst der Bundeswehr habe er aufgegeben, sagt der heute 21-Jährige – die deutsche Staatsangehörigkeit wird ihm wegen des ausstehenden Strafverfahrens verweigert. Obwohl in Großburgwedel geboren, hat der kurdischstämmige Tazim deshalb anders als Mutter und Geschwister immer noch einen türkischen Pass. „Ich fühle mich als Deutscher, die Türkei ist nur ein Urlaubsland“ – und mit einem deutschen Pass wäre er „endlich richtig angekommen“. Immerhin mit einem Ausbildungsplatz hat es mittlerweile geklappt – aber das offene Strafverfahren sei für ihn „immer präsent“.

Ein Kommentar von Frank Walter

Eine Zumutung für alle

Mehr als viereinhalb Jahre werden vergangen sein, wenn das Amtsgericht aufzuklären versucht, was damals tatsächlich passiert ist im Krankenhauspark. Das ist nicht nur eine Zumutung für die Angeklagten, denen so lange die Chance verwehrt wurde, ihre Unschuld zu beweisen. Auch das Opfer, damals gerade 14 Jahre alt, musste ewig warten, bis endlich der juristische Schlussstrich erfolgt. Die Verantwortung dafür nur im Amtsgericht Burgwedel zu suchen, wäre deutlich zu kurz gegriffen. Ein Staat, der bei der Justiz derart spart, dass Richter beim Eintritt in den Ruhestand ihren Nachfolgern regelmäßig Aktenberge hinterlassen, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er seiner Verantwortung noch gerecht wird.

 

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