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Richter: "In 250 Jahren wären Sie quitt"

Burgwedel Richter: "In 250 Jahren wären Sie quitt"

Mehr als 250 000 Euro hat ein 50-Jähriger im Laufe von drei Jahren veruntreut – die komplette Altersvorsorge einer Apothekerin aus Stade. Vor dem Amtsgericht Burgwedel ist er dafür jetzt zu 21 Monaten auf Bewährung und 500 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden.

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Zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung hat das Amtsgericht Burgwedel jetzt einen 50-Jährigen verurteilt, der 255 000 Euro veruntreut hatte.

Quelle: Symbolbild

Burgwedel. „Ich habe alles falsch gemacht, und es tut mir leid. Ich weiß, dass ich weder den finanziellen noch den emotionalen Schaden wieder gut machen kann. Ich erwarte kein Verständnis und keine Vergebung und werde jede Strafe annehmen, die ich hier heute bekomme“. Diese Ansprache richtete ein 50-jähriger Angeklagter jetzt im Amtsgericht Burgwedel an eine Apothekerin aus Stade. Innerhalb von drei Jahren hatte er mehr als 250 000 Euro, die er für die Frau anlegen sollte, veruntreut – ihre komplette Altersvorsorge.

Der gelernte Bankkaufmann hatte sich 2007 als Berater für Apotheken mit einem Franchise-Vertrag selbstständig gemacht. Doch die prognostizierten Vertragsabschlüsse und Provisionen blieben aus. Private Kredite erhöhten den finanziellen Druck – „und ich hatte einfach nicht den Mut, meiner Familie zu sagen, dass ich nicht erfolgreich bin, dass es einfach nicht klappt“, schilderte der 50-Jährige. Sein Opfer hatte er bei einer Beratung kennengelernt, „wir haben schnell ein gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut“, erzählte er.

Und eben dieses Vertrauen nutzte er aus: Als die heute 66-Jährige 2012 den Angeklagten nach einer Anlagemöglichkeit für ihr Geld fragte, avisierte er ihr, dieses erfolgreich und mit einer hohen Rendite für sie zu tun. Von März 2012 bis Februar 2015 überwies sie ihm insgesamt 255 000 Euro. „Ich habe immer gedacht, ich könnte es zurückzahlen, dass es schon klappen wird, wenn erst einmal die Verträge besser anlaufen“, sagte der 50-Jährige. Aber das passierte nicht: „Ihr Geld war irgendwann meine Haupteinnahmequelle. Das war mir nach anderthalb Jahren klar. Ich wusste, es fliegt auf.“ Das tat es – der zweifache Vater wurde nicht nur wegen Untreue und Urkundenfälschung angeklagt, sondern lebt inzwischen auch wieder im Kinderzimmer seiner Eltern, ist arbeitslos, seine Frau hat sich von ihm getrennt.

„Ich werde versuchen, soweit möglich, den Schaden auszugleichen“, betonte der Angeklagte. 100 Euro monatlich überweist er aktuell an sein Opfer. „Das ist alles, was sie gerade können, aber eine marginale Summe“, stellte Amtsrichter Michael Siebrecht in den Raum. „In 250 Jahren wären sie dann quitt.“

Dennoch: „Sie haben sich hier heute optimal präsentiert“, begründete der Richter, warum der Angeklagte, der zuvor unbestraft war, eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten erhielt. „Das war Spitz auf Knopf.“ Positiv wurde ihm neben seinem umfassenden Geständnis angerechnet, dass er im angehängten Zivilverfahren ohne jede Diskussion einem Vergleich zustimmte: Dieser sieht vor, dass der 50-Jährige zweimal im Jahr seine Einkommenssituation offen legen, jeden Monat mindestens 100 Euro zahlen und jeden Gewinn, jede Schenkung und ähnliches direkt an die Apothekerin weiterzuleiten hat.

Welchen immensen Schaden der Mann angerichtet hatte, wurde in der Vernehmung der Apothekerin deutlich: „Es war meine komplette Altersrücklage“, schilderte die 66-Jährige im Zeugenstand. Ihre Eigentumswohnung habe sie verkaufen müssen – „und ich gehe inzwischen wieder arbeiten, um wenigstens ein bisschen Geld auf die hohe Kante zu legen“. Der Stress habe ihr Bluthochdruck verschafft. Unter Tränen fand sie die Unterstützung ihrer Familie, die mit zum Prozess gekommen war.

Zu den 21 Monaten auf Bewährung muss der Mann 500 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. „Wir wollen Ihnen die Chance geben, schnellstmöglich eine Arbeit zu finden, um mehr Geld monatlich zu zahlen“, sagte Siebrecht. Diese Pflicht habe er auch seinen zwei unterhaltspflichtigen Kindern gegenüber. „Sie müssen jeden Job annehmen, der sich auftut. Sonst ist das die nächste Straftat, und Sie gehen doch ins Gefängnis.“ Warum der Angeklagte bisher noch keine Arbeit gesucht hat? „Ich habe gedacht, ich muss jetzt ins Gefängnis“, so der 50-Jährige.

Von Carina Bahl

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