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Es geht nicht ums Rechthaben

Burgwedel Es geht nicht ums Rechthaben

„Nicht ums Rechthaben geht es, sondern ums Miteinander-Auskommen“, weiß Andreas Seifert. Dem früheren Vorstand der Pestalozzi-Stiftung hat Burgwedels Rat just das Vertrauen für eine zweite fünfjährige Amtszeit als Schiedsmann ausgesprochen.

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In Burgwedel werden die Schiedsverfahren in aller Regel im Privathaus von Andreas Seifert geführt, überwiegend mit positvem Ergebnis.

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Das Landeswappen hat Seifert nicht von ungefähr neben seiner Haustür angebracht. Amtlichkeit soll es ausstrahlen. Denn: "Ich schreibe nicht nette Briefe. Was hier vereinbart wird, sind Titel, die für 30 Jahre Gültigkeit haben", erklärt der 71-Jährige.

Bisher 55-mal seit seiner Verpflichtung durch das Amtsgericht Burgwedel im Juli 2011 ist Seiferts Esszimmertisch Schauplatz von Schlichtungsverhandlungen gewesen. Obwohl jeder Verfahrensschritt streng formal geregelt ist, scheint diese private Atmosphäre ohne Zeugen der Kompromisswilligkeit der Streitparteien nicht abträglich gewesen zu sein, zumal Seifert der geladenen Seite des Antragsgegners stets versichert: "Ich bin auch Ihr Schiedsmann." 36-mal hat er ein positives Ergebnis festhalten können und höchst akribisch protokolliert – immerhin sind die Titel auch noch gegenüber Erben oder Käufer von Grundstücken vollstreckbar.

Generell werden bei kleineren Rechtsstreitigkeiten die Gerichte häufig zu rasch in Anspruch genommen. Das Niedersächsische Schlichtungsgesetz schreibt deshalb für Bagatellfälle vor dem Gang zum Gericht die Konsultation eines Schiedsmanns vor. Auch der ist zur Verschwiegenheit und Unparteilichkeit verpflichtet. Bäume, die unerwünschten Schatten werfen, Äste, die aus Nachbars Garten herüber ragen und Obst abwerfen, bisweilen auch Ehrverletzendes über den Gartenzaun – Grenzstreitigkeiten sind wie überall die Klassiker auch in den zweimonatlichen Sprechstunden im Großburgwedeler Amtshof, die Seifert im November 2012 eingeführt hat, ebenso in den rund 100 mehr oder weniger intensiven Beratungsgesprächen.

"Dass ich als Pfarrer ausgebildet bin, wissen ja die wenigsten", schmunzelt der Mann, der als jahrzehntelanger Vorstand der Pestalozzi-Stiftung zugleich Manager und Personalverantwortlicher für Hunderte Beschäftigte war. Als langjähriges Mitglied im Rechtsausschuss verschiedener Synoden juristisch zwawr nicht unbewandert, hat er in sein Amt als Schiedsmann zehn Fortbildungen investiert. Ohne die anfängliche Unterstützung von Isernhagens Schiedsmanns Kurt Nolte allerdings "wäre es sehr eng geworden".

Auch wenn es aus dem Mund eines Schlichters eigentümlich anmutet: Seifert plädiert dafür, schwelende Konflikte nicht beiseite zu schieben, sondern sie auszutragen, bevor sie explodieren. Erstens, weil man bessere Chancen habe, sein Recht wahrzunehmen – ewa, bevor ein störender Baum auf der Grundstücksgrenze schon 15 Meter hoch ist. Außerdem sei ein offener Konflit für beide Seiten eine belastende Situation. Noch immer schmerzt es den 71-Jährigen, miterleben zu müssen, wenn sogar Mutter und Sohn sich als Streitparteien nicht die Hand geben. Umso schöner, wenn sie das nach einer Verhandlung an seinem Esstisch nachholen.

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