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"Nur wenn es uns gutgeht, können wir helfen"

Burgwedel "Nur wenn es uns gutgeht, können wir helfen"

Wer an Depressionen leidet, leidet oft allein, heißt es. Doch in den meisten Fällen gibt es Angehörige – und die leiden mit. Sie sind für den Erkrankten da, machen Mut – und müssen ihre Gefühlen oft allein bewältigen. In Burgwedel kommen Betroffene aus der Region zusammen. Sie helfen sich gegenseitig.

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Das Deutsche Bündnis gegen Depression spricht von bundesweit vier Millionen Erkrankten. Familie und Freunde sind oft der wichtigste Halt - und leiden oftmals mit.

Quelle: Fotolia

Großburgwedel. Traurig, müde, zermürbt, hilflos: Torsten und Karl wissen aus eigener Erfahrung, wie sich die meisten fühlen, die erstmals den Weg zur „Selbsthilfegruppe für Angehörige von depressiv Erkrankten“ finden. Beide sind selbst solche Angehörige – sie kümmern sich um ein psychisch erkranktes Mitglied in ihren Familien. Wer dort krank ist, woran er leidet und warum, all das spielt in ihrer Gruppe keine Rolle. Für ein paar Stunden alle zwei Wochen stehen nicht die Erkrankten im Mittelpunkt. „Hier geht es um uns selbst“, sagt Karl.

Was sie sich von dem Gang in eine Selbsthilfegruppe erhofft haben, wissen Karl und Torsten noch genau – auch, wenn es bei ihnen schon eineinhalb Jahre zurückliegt. „Einfach mal über die ganze Sache reden. Und auch mal aufgebaut werden“, erinnert sich Torsten. Solche Erfahrungen nutzen Karl mit Sicherheit auch – aber er hat, wie er es selbst nennt, einen dicken Schutzmantel um sich gelegt. Das Thema „Depression in der Familie“ begleitet ihn schon viele Jahre – und so zynisch es klingt, er hatte sich mit der Situation schon arrangiert, sagt er. „Mir ging es vor allem darum, anderen zu helfen.“

Torsten und Karl zählten zu den ersten, die im Januar 2015 zu dem wiederbelebten Angebot der Kibis-Gruppe des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Hannover kamen. Drei Monate übernahm eine Diplom-Sozialpädagogin die Leitung der Gruppe, dann überließ sie das damals halbe Dutzend Angehörige sich selbst. „So heißt es ja auch: Selbsthilfegruppe“, sagt Torsten. Aber leicht war das anfangs nicht, ergänzt Karl. „Es war schon ein Sprung ins kalte Wasser.“

Seitdem steuern die beiden Männer den Anfang und das Ende eines jeden Treffens behutsam. Damit wollen sie vor allem neuen Betroffenen helfen: erst mal ankommen, erst mal zuhören – die, die schon länger dabei sind, erzählen oft zuerst. Was sie erlebt haben, wie es ihnen gerade geht. Es geht darum, den „Neuen“ das Erzählen zu erleichtern. „Wir gehen in Vorleistung, zeigen, dass wir auch Probleme haben“, sagt Torsten. Denn noch immer, sagen beide, ist das Thema Depression mehr tabu als akzeptiert. Aus diesem Grund wollen Karl und Torsten ihren Nachnamen auch nicht nennen – wie in der Selbsthilfegruppe spielt er keine Rolle, auch dort sind diese nur bei den wenigsten bekannt. „Für mich wäre es nicht so schlimm. Aber dann weiß auch jeder aus meinem Umfeld, wer in meiner Familie krank ist. Und das geht nicht“, sagt einer der beiden und fügt hinzu: „Das mit Robert Enke ist schon sehr lange her.“

Seit Januar 2015 haben etwa 40  Menschen aus der ganzen Region die Burgwedeler Gruppe aufgesucht. Einige kommen unregelmäßig, andere sind jedes Mal dabei. Eines ist Torsten und Karl wichtig: Die Gruppe bietet keine Therapie, auch keine Heilungskonzepte. Dafür einen geschützten Raum – zum Reden, zum Entspannen. „Uns ist es wichtig, die Panik zu nehmen. Eine depressive Person ist nichts Schlimmes“, sagt Torsten und ergänzt: „Eine Depression ist wie ein gebrochenes Bein. Der Mensch kann nicht gut allein laufen, muss sich schonen. Und: Es geht meistens vorbei.“

Die Nachfrage ist groß: Zwei bis drei neue Gesichter pro Treffen, das sei schon normal, sagen die beiden Männer. Vom jungen Erwachsenen bis zum alten Menschen ist alles dabei. Und nur die wenigsten kommen aus Burgwedel – viele fahren viele Kilometer dorthin, um ihre Erfahrungen zu teilen, Trost zu bekommen, vielleicht sogar gute Laune. Denn das ist es, worauf es letztlich ankommt, sagt Torsten: „Nur wenn es uns gut geht, können wir helfen.“

Das nächste Treffen der Selbsthilfegruppe ist für Montag, 25. Juli, geplant. Interessierte kommen um 19 Uhr in die Cafeteria des Klinikums Großburgwedel, Fuhrberger Straße 8.

Experten in eigener Sache

Die Selbsthilfegruppe für Angehörige von depressiv Erkrankten in Burgwedel gibt es seit 2011. Sie ist ein Angebot der Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle im Selbsthilfebereich (KIBIS) des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Nach Auskunft von Diplom-Sozialpädagogin Claudia Walderbach von KIBIS gibt es in der Region neben der Gruppe in Burgwedel weitere Angebote in Langenhagen und in Groß Buchholz in Hannover.

Ziel der Treffen sei der Austausch unter Betroffenen. „Für KIBIS ist das zentrale Merkmal von Selbsthilfegruppen, dass die Teilnehmenden Experten in eigener Sache sind und jede Gruppe autonom und individuell ausgestaltet wird“, sagt sie. Eine Liste mit Selbsthilfegruppen gibt es online auf kibis-hannover.de

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