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Menschen laufen gegen das Vergessen

Burgwedel Menschen laufen gegen das Vergessen

20 Menschen haben am Wochenende vor Ostern bei einem 70 Kilometer langen Bußgang zwischen Hannover-Mühlenberg und Bergen-Belsen drei Tage lang der Todesmärsche von NS-Häftlingen im April 1945 gedacht. Sie machten auch in Fuhrberg Station - hier wurden die Häftlinge damals für eine Nacht eingesperrt.

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Gedenken in Fuhrberg: Die Gruppe umringt die Eichenholzstele auf dem Kirchhof. Diese erinnert in drei Sprachen an die Todesmärsche aus dem Jahr 1945.

Quelle: Zottl

Fuhrberg/Großburgwedel/Isernhagen. Es war ein berührender Moment, als sich die knapp zwei Dutzend Menschen an die Hände fassten. Sie umringten eine Eichenholz-Stele, zu deren Fuß im liebevoll bepflanzten Beet zwei Grablichter und ein Friedenslicht glimmen."Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?", steht auf dem Mahnmal auf dem Fuhrberger Kirchhof - auf hebräisch, lateinisch und deutsch. Während im Hintergrund ein Traktor vorbeilärmte, sprachen die Frauen und Männer das Vaterunser - und der 69-jährige Wanderprediger Wolfgang Schwenzer bat im Gebet laut um Beistand "für die, die damals nicht die Kraft hatten, menschlich zu bleiben". Noch einige Sekunden verharrte die Gruppe in Schweigen - und wechselte dann unverkrampft in die geplante Mittagspause im Haus der Fuhrberger Ludwig-Harms-Kirchengemeinde. Etwa 45 der circa 70 Kilometer ihres drei Tage dauernden Erinnerungsmarsches hatten die Frauen und Männer da bereits hinter sich gebracht.

72 Jahre ist es her, dass entkräftete und hungernde Häftlinge im April 1945 vom hannoverschen Außenlager des KZ Neuengamme zu Fuß nach Bergen-Belsen getrieben wurden - eine Strecke von ebenjenen 70 Kilometern. Sie passierten dabei auch Isernhagen, Großburgwedel und Fuhrberg - wenn sie denn so weit kamen und nicht zuvor brutal umgebracht wurden. Die Gründe, sie zu töten, waren vielschichtig - vom Diebstahl von Brot vom Proviantwagen, so geschehen auf Höhe der heutigen Pestalozzi-Scheune in Großburgwedel, bis hin zum einfachen Nicht-mehr-Können: Etliche Häftlinge fanden damals den Tod, oft durch Genickschuss.

Zum 36. Mal erinnerten an diesem Wochenende Menschen mittels der Bußgang-Aktion, die ein katholischer Pfarrer Anfang der Achtzigerjahre ins Leben rief, daran. Seit einigen Jahren organisiert der gebürtige Burgdorfer und heutige Hannoveraner Wolfgang Schwenzer die Unternehmung. Und so war am Freitag vor Palmsonntag eine etwa 15-köpfige Gruppe in Hannover-Mühlenberg gestartet. Nach einer Übernachtung in Isernhagen-Süd stoppte die Gruppe am Sonnabend zunächst an der Pestalozzi-Scheune in Großburgwedel. Auf 20 Teilnehmer angewachsen, ging es weiter nach Fuhrberg, durch das die Häftlinge 1945 ebenfalls liefen und dort sogar eine Nacht verbrachten.

2017 pausierten die Bußgänger hier eine gute Stunde, bevor sie die zweite von drei Etappen nach Wietze weiterführte. Fuhrbergs ehemaliger Pastor Rütger Scheffler, seine Frau Elisabeth und weitere Ehrenamtliche empfingen die Gruppe im Gemeindehaus und versorgten sie mit Pilgerbrötchen und Wasser - mehr ist nicht erwünscht. Denn viele der Bußgänger essen Schwenzer zufolge während der Tour auch büßergemäß: Wasser und Brot stehen auf dem Speiseplan.

Trotzdem, sagte der 69-jährige Schwenzer, sei die Stimmung nicht gedrückt - im Gegenteil: Auch wenn der Hintergrund bitterernst ist, sei die Atmosphäre meistens entspannt. "Es werden auch Späße gemacht", sagte er. Natürlich gebe er auf dem Weg Gedankenimpulse - zur Kontemplation, zur Meditation. Und dann werde eben auch mal eine Stunde geschwiegen. "Es kommt von mir auch christliches Gedankengut dazu", sagte er und ergänzte: "Aber wir haben hier auch Leute, die Atheisten sind."

Und Auswärtige - und auch die nicht zum ersten Mal: Seit sieben Jahren laufen Timm und Katharina Meiners mit. Die beiden kamen hierfür extra aus Schleswig nach Niedersachsen. In den letzten sechs Jahren mit zwei Söhnen, einer davon war in diesem Jahr aus beruflichen Gründen verhindert. Aber Sohn Arne, heute 20 Jahre, saß auch 2017 im Fuhrberger Gemeindehaus mit am Tisch - in Zimmermannstracht. Obwohl er sich als "Rechtschaffend Fremder Schieferdecker" - so seine momentane Bezeichnung auf der Walz, und darauf legt er auch Wert - vor wenigen Tagen noch in Karlsruhe befand, kam er für den Bußgang nach Hannover. Natürlich auch, um seine Eltern zu sehen. Aber auch, um das, was er seit Jugendtagen kennt, zu würdigen. "Für mich ist es nicht der christliche Aspekt - es ist das Laufen gegen das Vergessen", sagte er - und das glaubt man ihm. Auch wenn er zwischendrin mal herzhaft gähnte und einmal in der Pause in Fuhrberg sogar ein wenig wegnickte.

Menschen wie er sollten dem Burgwedeler Ratsherren Rudolf Gutte Mut machen - dieser beklagte am Sonnabend den fehlenden Nachwuchs beim Bußgang. "Die Jugend fehlt schmerzlich. Sie sind für die Nazibarbarei nicht verantwortlich - wohl aber dafür, was wir daraus machen", sagte er. Über fehlende Neuzugänge konnte die Gruppe dennoch nicht klagen - ein Lehrter beteiligte sich erstmalig an der Aktion. "Ich wusste von dem Bußgang bis vor Kurzem nichts. In der Gedenkstätte Ahlem bin ich darauf gestoßen", sagte er.

Ein Burgwedeler Bürger geht hingegen seit mehr als zehn Jahren jedes Jahr mit - wenn auch nur die Etappe von Großburgwedel nach Fuhrberg, und am Anfang vermutlich eher aus Anstand als aus echter Überzeugung. Aber das hat sich geändert. "Ich war Berufssoldat. Ich finde immer noch, dass man Soldaten ehren soll, die ihr Leben für ihr Land gaben", sagte er am Sonnabend im Eingang des Fuhrberger Gemeindehauses - und fügte dann hinzu: "Aber man darf nicht einfach nur Heldenverehrung betreiben. Man muss schon alle Seiten betrachten. Und das hier ist aus meiner Sicht sehr mitmachenswert."

70 Kilometer gegen das Vergessen

Seit Anfang der Achtzigerjahre laufen am Wochenende des Palmsonntags Menschen eine Route ab, die in Hannover-Mühlenberg beginnt. Ihr dreitägiger Marsch führt über den jüdischen Friedhof Bothfeld nach Isernhagen-Süd, Großburgwedel und Fuhrberg nach Wieckenberg und Wietze, bevor es über Winsen zum Kriegsgefangenenfriedhof Hörsten geht, auf dem zahlreiche Menschen in Massengräbern bestattet wurden. Die Bußgänger übernachten in Gemeindehäusern. Der Marsch geht auf eine Initiative des Pfarrers Albrecht Przyrembel zurück. Er hatte 1980 erstmalig hierzu aufgerufen - als Reaktion auf einen Prozess, der seinerzeit vor dem Landgericht Hannover gegen zwei frühere SS-Angehörige geführt wurde. Den Männern wurde vorgeworfen, Häftlinge durch die Heide getrieben und viele von ihnen ermordet zu haben.

Eichenholz vom Nachtlager der Häftlinge

Die Holzstele, die auf dem Kirchhof der Fuhrberger Ludwig-Harms-Kirchengemeinde steht und an die Gräuel der Todesmärsche erinnert, wurde im Jahr 1995 vom ortsansässigen Künstler Hansjörg Pfluger erschaffen. Dreieckig geformt trägt sie als Inschrift den Ausruf Jesu Christi "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" in drei Sprachen. Das Eichenholz, aus dem die Stele entstand, hatte ein Fuhrberger Landwirt gestiftet. Auf seinem Hof waren die Häftlinge 1945 im Zuge ihres Todesmarsches in einer Scheune eingesperrt gewesen.

Die Grab- und Friedenslichter am Fuße der Stele brennen seit Beginn der Flüchtlingswelle vor drei Jahren fast täglich. Etliche Gemeindemitglieder wechseln sich damit ab, diese dort als Symbol für den Frieden am Brennen zu halten.

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Fotostrecke Burgwedel: Menschen laufen gegen das Vergessen

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