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Geschlossene Türen? Nicht in der Kita Fuhrberg!

Burgwedel Geschlossene Türen? Nicht in der Kita Fuhrberg!

Was in der St.-Petri-Kindertagesstätte in Großburgwedel erst kürzlich eingeführt wurde und manch ein Elternteil noch verunsichert, ist in der Kita in Fuhrberg seit Jahrzehnten gängige Praxis: das „Offene Konzept“. Ein Besuch Kindergarten-Alltag.

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Die Türen stehen in der Kindertagesstätte Fuhrberg stets offen. Die 75 Kindergartenkinder dürfen sich täglich selbst entscheiden, wo und was sie spielen möchten.

Quelle: Carina Bahl

Fuhrberg. So offen ist das Konzept auf den ersten Blick dann scheinbar doch nicht: Die Tür zum Außengelände ist abgesperrt – es braucht „Erwachsenentricks“, um das urige ehemalige Pfarrhaus, in dem sich 75 Kindergarten- und 15 Krippenkinder tummeln, zu erreichen. Im quietschbunten Flur angekommen, erfüllen sich aber die Erwartungen: Alle Türen stehen offen. Die Kinder wuseln gut gelaunt durch die Räume und bahnen sich ihre eigenen Wege.

„Im offenen Konzept gibt es vielleicht mehr Regeln als in den Standard-Kindergärten“, überlegt Kita-Leiterin Martina Hinterthür und kann skeptische Eltern beruhigen: „An Halt fehlt es den Kindern bei uns bestimmt nicht.“
Der Rundgang birgt manch eine Überraschung: Klassische Gruppenräume? Fehlanzeige! Auf den durchnummerierten Holzstufen geht es an einem Rückzug-Balkonzimmer vorbei in die obere Etage, wo der Rollenspielraum und das Sternenzimmer warten. In einem ist mit Kostümen Fantasie Trumpf – im anderen darf im Zelt auf Kuschelkissen geträumt werden.

Im Erdgeschoss locken Bewegungs- und Kreativraum sowie die Küche. Sport, Basteln und Kochen stehen hier obenan. Was es mit diesen liebevoll beschrifteten Räumen auf sich hat? „Das ist Teil des Konzeptes“, erklärt Hinter-
thür. In jedem Raum gebe es wechselnde Angebote – natürlich offen für alle.

Punkt 9.30 Uhr wird es voll im Bewegungsraum: Der Morgenkreis beginnt. Jede Erzieherin stellt das Programm vor, das sie heute in einem der Räume den Kindern anbietet – Sportliches mit dem Springseil sowie Stopp-Tanz, Apfelkuchen-Backen, Musik mit dem Akkordeon und Kronen-Basteln sind heute mit dabei.

Aber nicht nur die Erzieherinnen haben etwas anzukündigen: „Ich möchte Euch heute eine Geschichte erzählen“, verrät die fünfjährige Lara und hält dabei selbstbewusst ihr Lieblingsbilderbuch hoch – und zwar „im Sternenzimmer“. Mit kleinen Filz-Sternen darf sie Freunde aus der Runde dazu einladen. „Aber ich mach’ das auch ein zweites Mal“, verspricht sie allen, die sie nicht mehr einladen konnte. Per Fingerzeig melden sich die Kinder für „ihr“ Lieblingsprogramm an – und sammeln motiviert die passenden Filz-Kreise dazu ein. An den Türen der Zimmer finden sie diese später in Groß wieder – zur Orientierung.

„Es braucht viel Organisation“, sagt Hinterthür. Täglich stimmten die Erzieherinnen morgens ab, welche Angebote in welchen Räumen auf dem Programm stehen und welche Kinder ein eigenes Angebot machen wollen. Auf einer Liste wird dokumentiert, dass jedes Kind sich eine Aktion ausgesucht hat – und auch im Laufe des Jahres ab und zu einmal den Raum wechselt. Maximal 20 Minuten dauert das Tagesangebot – „und danach dürfen alle spielen, wo sie wollen. Die Türen stehen offen“, erklärt die Kita-Leiterin den Tagesablauf.

Wann gefrühstückt wird, das kann jeder für sich entscheiden. Das Bärenzimmer für den „Bärenhunger“ steht allen offen – Tisch decken, Brotdose auspacken, das ist für die jungen Besucher eine Kleinigkeit. „Um 11 Uhr gibt es einen Gong. Der erinnert alle daran, dass jetzt die letzte Chance fürs Frühstück ist“, erklärt Hinterthür.

Wer glaubt, dass ein offenes Konzept auch die Auflösung der traditionellen Gruppen bedeutet, liegt falsch. „Wir haben drei Stammgruppen mit festen Erzieherinnen“, erklärt Hinterthür. Die Gruppen treffen sich täglich um 11.30 Uhr zur Mittagsrunde. Dann sind die Türen zu – aber nur dann. „Grundsätzlich erfordert das Konzept viel Flexibilität von den Erziehern“, lobt Hinterthür ihr Team. Denn jeder müsse für alle ansprechbar sein, ganzheitlich denken – und nicht nur für eine kleine Gruppe mit festem Tagesablauf.

Überall in den Fluren lässt sich erkennen, dass das in Fuhrberg gelebt wird: Der Geburtstagskalender kennt ebenso wenig Gruppen wie die Angebotstafel und das „Werkstatt-Diplom“, das Kinder ab vier Jahren ablegen können, um eigenständig in der Werkstatt spielen zu dürfen. Übergreifend ist auch die Rabengruppe zu verstehen, die frei nach dem schlauen Bilderbuch-Raben „Socke“ alle Kinder, die in die Schule kommen, zu besonderen Projekten vereint.

Den Fuhrberger Kindern ist das Konzept längst ins Blut übergegangen: Sie bewegen sich frei im Haus, haben ihre Lieblingsräume für sich entdeckt und ignorieren einfach, wer eigentlich zur Giraffen-, Elefanten- und Bärengruppe gehört. Alle spielen miteinander. „Und aus der Krippe gibt es immer wieder Besucher“, erzählt Hinterthür. Denn nur bei den ganz Kleinen gilt das offene Konzept nicht – „die brauchen einfach noch ihren Schutzraum“. Wer klopft und fragt, darf aber aus dem Kindergarten gern auch dort zum Spielen vorbeischauen.
Die Unsicherheit mancher Eltern kennt Hinterthür – „aber die gibt sich schnell“. Die Eingewöhnung erfolge stets sehr behutsam und langsam. Bezugserzieherinnnen, feste Ansprechpartner für Eltern sowie regelmäßige Reflexionsgespräche gibt es auch in Fuhrberg. Das schafft Sicherheit – vor allem bei den Erwachsenen.

Und schon schließt sich die Fuhrberger Kita-Tür wieder – und die Kinder bleiben in ihrer kunterbunten, offenen Welt zurück.
Einfach so.

Pädagogisches Konzept verbreitet sich seit den Siebziger Jahren

Das „Offene Konzept“ basiert auf der Annahme, dass Erwachsene auf die Entwicklungspotenziale der Kinder vertrauen können und die optimale Lernvoraussetzung besteht, wenn Kinder selbstinitiiert an Aktionen teilnehmen. Die Erzieher werden dabei zum Begleiter und Berater. Seit den Siebzigerjahren erfreut sich das Konzept in Norddeutschland wachsender Beliebtheit. In Burgwedel wird dieses nicht nur in Fuhrberg, sondern mittlerweile auch in der St.-Petri-Kindertagesstätte in Großburgwedel praktiziert. Ein Zwischenmodell ist die „teiloffene Arbeit“. Diese wird beispielsweise im St.-Marien-Kindergarten in Isernhagen angeboten – Ankunft und Frühstück erfolgen dort noch in den Stammgruppen, im Anschluss beginnt das offene Spielen.

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Fotostrecke Burgwedel: Geschlossene Türen? Nicht in der Kita Fuhrberg!

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Von Carina Bahl

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