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Der Blick unter die Aktendeckel

Großburgwedel Der Blick unter die Aktendeckel

Politische Sommertouren seien schön – "da wird das unter den Aktendeckeln lebendiger“, diktierte Bundesministerin Andrea Nahles (SPD) den Journalisten in den Block. Immerhin eine Stunde lang schaute sie sich gestern bei der Pestalozzi-Stiftung in Großburgwedel um.

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Bundesministerin Andrea Nahles schaut sich in den Pestalozzi-Werkstätten in Großburgwedel um.

Quelle: Frank Walter

Großburgwedel. Die Wirkung, die man bei solchen Besuchen erzielen könne, wollte Pestalozzi-Vorstand Claus Fitschen nicht überbewerten. Zuviel dürfe man nicht erwarten, so laufe das halt, sagte er auf Nachfrage. "Reden muss man aber miteinander. Und es ist gut, wenn Politiker mal in die Realität eintauchen.“

Dass ihr Besuch in Großburgwedel bei Nahles noch ein wenig nachklingen wird, dafür hatte Fitschen gemeinsam mit Nico Lauerwald, als Geschäftsführer zuständig für die Behindertenhilfe, gesorgt: Beide überreichten der Ministerin die Broschüre "Arbeit und Bildung für Menschen mit Behinderung“ der Diakonie in Niedersachsen, an der auch behinderte Mitarbeiter der Stiftung mitgewirkt hatten. "Da schaue ich gern rein“, versprach die Ministerin.

Der Rundgang durch die Werkstätten garantierte nicht nur den Journalisten ihre Motive. Vor allem erfuhr die Ministerin, wie breit die Pestalozzi-Stiftung aufgestellt ist, was die Zusammenarbeit mit Unternehmen angeht: In einer Werkstatt sprach sie mit Menschen mit Behinderung, die für Rossmann pro Tag 1000 Tütchen mit Warenproben füllen, in einer anderen erlebte sie, wie Komponenten für einen Eismaschinen-Hersteller gefertigt werden. Und auch die Pestalozzi-Großküche war Thema.

"Es ist nicht für jeden erzieltes Ziel, diese Werkstatt zu verlassen“, zeigte Lauerwald die Grenzen der Inklusion auf. Dem wollte sich Nahles gern anschließen, betonte aber zugleich die Wichtigkeit einer inklusiven Gesellschaft: "Die macht uns alle reicher. Wir sind ein gutes Stück vorangekommen, aber immer noch gibt es Schranken in den Köpfen.“

Vorsichtig vorgetragene Kritik an ihrem geplanten Bundesteilhabegesetz – "mancher hat Angst, dass er außen vor bleibt“ – wies die Bundessozialministerin freundlich, aber bestimmt zurück: Ihr sei kein einziger Fall bekannt, der nicht erfasst werde. "Kennen Sie einen Fall? Bitte schicken Sie ihn mir“, lud Nahles die Pestalozzi-Vertreter ein und ließ Visitenkarten verteilen. "Nur weil nicht alles 100-prozentig ist, ist nicht alles Mist. Das ist bei jedem Gesetz so“, verteidigte sie den Entwurf. Jetzt gelte es, den Einstieg zu finden, "dann werden wir das Gesetz weiterentwickeln“, sagte sie zu.

Während die gesetzliche Regelung zur Verbesserung der Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen erst 2017 in Kraft treten wird, soll sich Jan-Christian Redeker vom Werkstatt-Rat nicht so lange gedulden müssen, bis sein Wunsch in Erfüllung geht: Politiker sollten "auch mal öffentlich die Arbeit von Menschen mit Behinderung wertschätzen“, wandte sich der 23-Jährige direkt an die Ministerin. "Das ist was, was ich erfüllen kann“, sagte Nahles – in zwei Wochen, wenn ihre nächste Rede im Bundestag übertragen werde, solle Redeker mal den Fernseher einschalten. Das wird Redeker machen.

Von Frank Walter

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