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Burgwedel Biotech: Ebola-Team ist an Bord

Burgwedel Burgwedel Biotech: Ebola-Team ist an Bord

Unter Zeitdruck geht es voran im Langen Felde im Großburgwedeler Gewerbegebiet hinter Ikea, denn es geht um nicht weniger als um Leben oder Tod: Die künftig weltweit einzige Produktionsstätte für einen neuen, nach bisherigen Studien 100-prozentig wirksamen Impfstoff gegen das tödliche Ebola-Virus ist im Rohbau fertig.

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Das neue Bürogebäude (vorne) ist bezugsfertig, im Hintergrund ist der neue Erweiterungsbau für Produktion und Technik zu sehen.

Quelle: Martin Lauber

Großburgwedel. Auch das Gros des benötigten Fachpersonals hat die Burgwedel Biotech GmbH (MSD) schon rekrutiert. 2018 will das Werk bereit für die Produktion sein. Aber schon für August ist eine Feier geplant, bei der Burgwedeler Bürger sich über die Neuerungen informieren können.

Tödlicher Zyklus

Es kommt zyklisch: 1976 brach das tödliche Fieber zum ersten Mal aus, 1994 folgte eine nächste große Epidemie. 2014 löschte dann die bisher verheerendste Ebola-Krise in Westafrika mehr als 11 000 Menschenleben aus. „Das sagt uns, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es wiederkommen wird“, sagt Nkacheh Atenchong. Der junge Biologe, der an der Medizinischen Hochschule Hannover über Ebola promoviert hat, wird die Produktion des Impfstoffs unterstützen, der den tödlichen Zyklus unterbrechen soll. Insgesamt 45 neue Leute hat die Burgwedel Biotech, die seit 2009 zum amerikanischen Konzern Merck & Co. gehört, in den letzten Monaten für das Projekt eingestellt: Pharmakanten, Chemikanten, Laboranten, Techniker, Wissenschaftler. Einige Fachleute für das Ebola-Team werden noch gesucht, andere fliegen während der Aufbauphase immer wieder ein. „Wir sind ein guter Gast in Burgwedeler Hotels“, sagt Werksleiterin Christine Neudert.

Entscheidender Vorsprung

Tempo ist angesagt bei der Einführung des von Merck & Co. in den USA entwickelten Ebola-Wirkstoffs. Als der in 140 Ländern tätige US-Konzern, der außerhalb der Vereinigten Staaten unter den Namen MSD firmiert, 2016 für den neuen Wirkstoff einen Produktionsstandort suchte, hatte die Burgwedel Biotech den entscheidenden Vorsprung. Der Firmenstandort an der A 7, an dem seit 1967 Tierimpfstoffe hergestellt werden, war ohnehin auf Expansionskurs und hatte Erweiterungsbauten für Produktion und Büros bereits begonnen. Es musste nur umgeplant werden.

„Zeitgetriebenes Projekt“

Wahrscheinlich im dritten Quartal 2018 soll die Produktion starten. Das grüne Licht muss aber von den Zulassungsbehörden in Amerika und Europa FDA und EMA kommen, bei denen die Zulassung Ende 2017 eingereicht werden soll. Gegenüber der globalen Impfstoff-Allianz GAVI, die die Entwicklung des Wirkstoffs mit 5 Millionen Euro bezuschusst hat, hat MSD sich verpflichtet, den neuen Wirkstoff ab 2018 zu einem niedrigen Preis ohne Gewinn für die Firma in den ärmsten Ländern der Welt dauerhaft zugänglich zu machen. „An diesem Termin halten wir fest“, erklärt Neudert beim Rundgang über das Firmengelände in Großburgwedel, über dem seit einem Dreivierteljahr ein riesiger gelber Baukran thront. „Wir sind ein zeitgetriebenes Projekt.“

Verwaltung kann umziehen

Im August 2016 hat die promovierte Chemikerin die Werksleitung in Großburgwedel übernommen. Ihr Reich ist eine Baustelle, in die Merck & Co. 60 Millionen Euro investiert, davon rund 24 Millionen Euro allein für das Ebola-Projekt. Mehr als 215 000 Arbeitsstunden haben die Bauhandwerker bisher geleistet – ohne einen einzigen Arbeitsunfall. Sogar über Beinahe-Unfälle wird auf einer Tafel vor dem Haupteingang Buch geführt.

Gerade fertiggestellt worden ist der neue Bürokomplex. In den nächsten Tagen wird die Verwaltung, die noch ins frühere Perfekta-Gebäude an der Schulze-Delitzsch-Straße ausgelagert ist, dort einziehen. Das schafft Platz im alten MSD-Hauptgebäude, das Vorgänger Wellcome in den Sechzigerjahren errichtet hatte. Weitere neue Produktionskapazitäten entstehen im viergeschossigen Erweiterungsbau, der den Altbau mittlerweile überragt.

Lastwagen von Technikfirmen und Lieferanten stehen Schlange auf der Baustelle. „Die ersten Gerätschaften sind da“, berichtet Neudert. Das neue Personal arbeite auch bereits an ihnen. Vorschriften und Standards für die neue Produktlinie würden formuliert. Dossiers und Inspektionsergebnisse aus Großburgwedel sind Teil der Genehmigungsunterlagen für FDA und EMA. „Dass wir ein sauberes Produkt bekommen“, ist für Nkacheh Atenchong eine Sache des Gewissens. Der Biologe ist für die Qualitätssicherung zuständig.

Labors der Sicherheitsstufe 2

Der Ebola-Impfstoff wird in hochtechnisierten Reinräumen hergestellt werden – streng getrennt von den Bereichen für Tier-Impfstoffe. Aber im Prinzip gebe es bei den Filtersystemen, Schleusen und Hygienevorschriften gar keine grundsätzlichen Unterschiede, erklärt Neudert. Produziert würden Tier- wie auch Ebola-Impfstoffe in Laboren derselben Sicherheitsstufe 2, bei der laut Gentechnikgesetz „von einem geringen Risiko für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt“ auszugehen sei.

Kein Quantitätsproblem

Während in Großburgwedel gebaut wird, laufen bei der Konzernmutter in Amerika die klinischen Studien weiter: Bisher wirke die Immunisierung schon 90 Tage bei Erwachsenen. „Wir sind dabei zu sehen, ob wir auch Kinder impfen können“, schildert Neudert den aktuellen Stand. Die Wunschperspektive sei, dass Ebola dereinst komplett zurückgedrängt werden kann wie Polio oder die Pocken. Selbst flächendeckende Impfungen in den Risikoregionen wären für den Produktionsstandort Großburgwedel kein Quantitätsproblem, sagt Neudert: „Wir können den Impfstoff in Millionen-Dosen herstellen.“ Für Haus- und Nutztiere produziert das Werk jährlich für den weltweiten Vertrieb circa 120 Millionen Impfstoff-Dosen.

Öffentlichkeit wird eingeladen

Für August plant Christine Neudert eine Art Sommer- und Familienfest auf dem Biotech-Werksgelände. Außer der Belegschaft, die sich binnen weniger Jahre auf aktuell 210 Mitarbeiter verdoppelt hat, sollen auch Anlieger und Offizielle eingeladen werden. Die Reinräume, in denen der Ebola-Impfstoff hergestellt werden soll, könnten wegen verschärfter Sicherheitsvorschriften dann zwar nicht geöffnet werden.

Aber rüberkommen soll diese Botschaft: „Für Mensch und Tier besteht keinerlei Ansteckungsgefahr.“ Denn: Für die Impfstoffproduktion würden keine vollständigen Ebola-Viren verwendet. Nur ein Oberflächeneiweiß werde in ein anderes abgeschwächtes Virus als Träger eingebaut, gegen das das Immunsystem der Geimpften Antikörper bilde. Weil das für Laien schwer nachvollziehbar ist, haben Werksleiterin Neudert und Biologe Atenchong große Schaumstoffmodelle gebaut, die die gentechnologische Verwandlung des mikroskopisch kleinen Ebola-Erregers in einen ungefährlichen Impfstoff veranschaulichen sollen.

Hintergrund: Bisher gab es nur Mittel gegen einzelne Symptome

Ebola ist eine Infektionskrankheit, die durch das gleichnamige Virus hervorgerufen wird. Die Bezeichnung geht auf den Fluss Ebola im Kongo zurück – in dessen Nähe verursachten die Viren 1976 den ersten großen Ausbruch der Epidemie. Das Virus wird von Mensch zu Mensch durch Körperflüssigkeiten übertragen. Bisher verlief die Krankheit je nach Virusart in 25 bis 90 Prozent aller Fälle tödlich. Denn als Therapie standen bis zur Entwicklung des neuen Impfstoffs lediglich Arzneien zur Bekämpfung oder Linderung einzelner Symptome zur Verfügung.

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