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Ein Stolperstein für Dr. David

Burgwedel Ein Stolperstein für Dr. David

Über das Schicksal der Burgwedeler Opfer des Nationalsozialismus wird man künftig sinnbildlich stolpern. Der erste sogenannte Stolperstein wird am nächsten Montag öffentlich verlegt: Er soll an den jüdischen Arzt Dr. Albert David erinnern, der 44 Jahre lang bis 1938 in Großburgwedel praktizierte.

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Dr. Albert David soll den ersten Stolperstein in Burgwedel bekommen.

Quelle: privat

Burgwedel. Es gibt nur dieses eine Bild aus der Griemsmann-Chronik und das auch nur als Reproduktion: Albert David mit gesenktem Kopf, der durch die Gläser seiner Nickelbrille sehr ernst ins Leere zu blicken scheint. Hatte man ihm da schon im Zuge des Reichsbürgergesetzes die Approbation als Arzt entzogen? „Wir glauben, das hat ihn sehr getroffen. Er war durch und durch Arzt“, sagt Historikerin Irmtraud Heike, die gemeinsam mit dem freien Journalisten Jürgen Zimmer für die Stadt Burgwedel im Rahmen des Stolperstein-Projekts über David und die Biografien weiterer NS-Opfer recherchiert.

1938, im Jahr des Berufsverbots, hatte der Fiskus dem jüdischen Arzt auch seine wertvolle Münzsammlung „entzogen“, deren größter Teil später im hannoverschen Kestner-Museum landen sollte. Und seinen Namen musste der Arzt nun unfreiwillig um „Israel“ ergänzen. Am 19. Mai 1940 um 14.30 Uhr ist Albert David tot: „Herzmuskelschwäche“ diagnostiziert Dr. Gleue. Doch etwas anderes als der Totenschein vermerkt das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland: „Freitod“. Auch auf dem Stolperstein für Albert David wird stehen: „Gedemütigt/entrechtet/ Flucht in den Tod“.

An seinem Todestag vor 75 Jahren hätten „zwei Männer mit Schlapphut und Staubmantel“, mutmaßlich Gestapo, vor der Tür von Albert David gestanden, so hatte es die damalige Nachbarin Edith Arnold 2010 dieser Zeitung berichtet. Doch die Männer seien in ihrem großen schwarzen Auto ohne den Doktor wieder „abgerauscht“. Der 73-Jährige soll sich, wie weitere Zeitzeugen aus der Erzählung anwesender Personen erfahren haben, im Beisein der offiziellen Besucher in einem Nebenraum seiner Praxis vergiftet haben.

Wollte er sich der Deportation entziehen? Albert David ging offenbar davon aus, dass ihm dieses Schicksal nicht erspart bleiben würde, auch wenn die Deportation der Juden aus Hannover und dem Umland dann erst 1941 begann. Seinem Praxisvertreter Wilhelm Klauhammer soll er, wie dieser Familienangehörigen später erzählte, anvertraut haben, dass er eine Giftkapsel griffbereit habe.

Auf der Homepage der Stadt Burgwedel, wo das Stolperstein-Projekt dokumentiert wird, ist am Ende einer kurzen Lebensbeschreibung nachzulesen, dass die Recherchen noch nicht abgeschlossen seien. Heike und Zimmer haben Archive durchforstet und ein Dreivierteljahrhundert nach Davids Tod noch Zeitzeugen gefunden wie auch Burgwedeler, die von Zeitzeugen Überliefertes berichten konnten. Alles in allem verfestige sich das Bild, das der Ort sich schon lange von David gemacht habe, erklären beide: Er sei nett und hilfsbereit gewesen, habe seine Patienten mit dem Fahrrad aufgesucht, selbst sparsam gelebt, und arme Menschen habe er bisweilen kostenlos behandelt. Seine Münzsammelleidenschaft indes wurde offenbar nicht zum Gegenstand des Stadtgesprächs.

Anno 1894 hatte sich der Sohn des Gleidinger Viehhändlers und Synagogenvorstehers Isaak David - nach seiner Promotion an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität - als selbstständiger Allgemeinmediziner in Großburgwedel niedergelassen.

Zunächst quartierte sich der junge Arzt im Gasthaus Rust ein, hielt dort zweimal täglich Sprechstunde, war sonst auf Hausbesuch. Danach blieb er 40 Jahre lang Mieter einer bescheidenen Praxiswohnung im Obergeschoss des Hauses Gode Nr. 157 an der Ecke Alter Postweg/Hannoversche Straße. So beliebt er als Arzt im Ort auch war, über das gesellschaftliche Leben von Albert David, des in den Dreißigerjahren einzigen Juden in Großburgwedel, ist bisher nicht viel bekannt.

Vereinsmitgliedschaften? Fehlanzeige. Zum Vorstand der Pestalozzi-Stiftung, Pastor Johannes Badenhop, und zu seinem Kollegen Klauhammer sollen freundschaftliche Beziehungen bestanden haben, haben die Rechercheure herausgefunden. Ein Licht auf seine Lesevorlieben wirft ein erst wenige Wochen zurückliegender Zufallsfund: Klauhammers Enkelin Erika Rust ist bei Räumarbeiten auf ein kleines Konvolut von 20 Bänden aus Davids Bibliothek gestoßen, darunter Tolstois „Tagebücher“ und Chamberlains „Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts“. Sie hat die Bände der Stadt zur Verwahrung überlassen, darunter ein ihrem Großvater „zur Erinnerung an treue Vertretung“ gewidmetes Buch.

Bestattet wurde Dr. Albert David auf dem jüdischen Friedhof in Bothfeld. Sein Bruder starb zwei Jahre später in Hannover im „Judenhaus“. Über das Schicksal seiner Schwester oder gegebenenfalls lebender Angehörigen ist nichts bekannt.

Bildhauer Demnig kommt für ersten Stolperstein nach Burgwedel

Mit mehr als 50.000 Exemplaren in fast 20 Ländern gelten die Stolpersteine als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Bei der Verlegung des ersten Stolpersteins in Großburgwedel ist die Öffentlichkeit am Montag, 29. Juni, um 15 Uhr an der Ecke Alter Postweg/Hannoversche Straße willkommen – dort, wo der letzte frei gewählte Wohnort von Dr. Albert David war. Dazu reist der Bildhauer und Erfinder des Stolperstein-Projekts, Gunter Demnig, eigens aus Köln an. Bürgermeister und Ortsbürgermeister werden kurze Ansprachen halten, Klarinettist Wolfram Wallrabenstein wird spielen und ein Kantor oder Rabbi der Jüdischen Gemeinde Hannover ein Seelengebet sprechen.

Im Amtshof geht es um 19 Uhr öffentlich weiter. Unter dem Titel „Spuren und Wege“ wird Demnig sein Projekt vorstellen und anschließend für eine Aussprache zur Verfügung stehen. Nach einer Pause steht Albert David, dem auch eine Ausstellung gewidmet wird, im Mittelpunkt. Unter anderem werden Schüler seine Biografie vortragen. Eine feierliche Note verleiht der Veranstaltung die Mitwirkung der bekannten Pianistin Prof. Erika Lux. Die Ehefrau des Leiters des Europäischen Zentrums für jüdische Musik, Andor Izsák, wird den Abend am Flügel musikalisch umrahmen. Immerhin geht es darum, auch in Burgwedel die Erinnerung an die Menschen, die dem NS-Regime zum Opfer gefallen sind, zurückzuholen. Auch für Euthanasie-Opfer, ermordete Sinti und Roma sowie die in der Großburgwedeler „Ausländerkinder-Pflegestätte“ umgekommenen Kinder von Zwangsarbeiterinnen sollen Stolpersteine verlegt werden. Wer mit einer Patenschaft das Projekt unterstützen möchte, findet auf der Stadt-Homepage burgwedel.de Ansprechpartner und Kontoverbindungen.

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