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Der Liegestuhl muss noch warten

Burgwedel Der Liegestuhl muss noch warten

Am Donnerstag, 6. April, wird Burgwedels (einziger) Ehrenbürgermeister 80 Jahre alt. Sagenhafte 31 Jahre – von 1974 bis 2005 – war er Bürgermeister von Burgwedel, das auf seine Initiative hin 2003 die Stadtrechte erhielt.

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„Mein Tor zur Welt“, scherzt Karsten Hoppenstedt vor dem am östlichen Stadtrand gelegenen Fachwerkhaus, das er seit 1994 mit Ehefrau Karola bewohnt.

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Bis er 1989 ins Europaparlament wechselte, war Hoppenstedt neben dem ehrenamtlichen Bürgermeisterposten auch noch praktizierender Tierarzt mit eigener Tierklinik und Landrat. Und bis heute ist  er Vorsitzender des Großburgwedeler Handballvereins. Aus Anlass seines Geburtstages führte Redakteur Martin Lauber ein Gespräch mit Burgwedels Ehrenbürgermeister, der der Zukunft mehr zugewandt ist als seiner bewegten Vergangenheit.

Herzlichen Glückwunsch. Sie würden locker für ein paar Jahre jünger als 80 durchgehen. Wie machen Sie das?

Hoppenstedt (lacht bestätigend): Zwei- bis dreimal die Woche Sport im AktivCenter, 2000 Meter Schwimmen jeden Morgen um 6.15 Uhr im Freibad, das lohnt sich. Und es macht Spaß, gemeinsam mit meiner lieben Frau in diesem schönen Haus zu leben und den Garten zu pflegen. Wir geben uns gegenseitig viele Impulse.

Den Eindruck eines häuslichen Rentners machen Sie aber nicht gerade. Sie sind doch ziemlich viel auf Achse .. .

Sicher, ich könnte mich in den Liegestuhl legen und den Lokalteil der HAZ lesen. Aber soweit bin ich noch nicht. In letzter Zeit kümmere ich mich intensiv um das Thema Kommunen in der Entwicklungspolitik.

Das müssen Sie näher erklären.

Das BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, d. Red.) hat mich gebeten, meine Erfahrungen als früherer kommunalpolitischer Sprecher im Europaparlament und als Bürgermeister einzubringen und Kontakte zu vermitteln. 2016 war ich zum Beispiel in Ecuador und Kolumbien, in diesem Februar in Nairobi beim Afrika-Deutschland-Gipfel. Was ich dort zu sehen und zu hören bekommen habe, kann ich nicht ausblenden. Es geht um die Lebensgrundlagen, um Wasser, Ernährung, Verkehr.

Und was ist Ihre persönliche Mission dabei?

Ich will die Kommunen dazu bringen, dass sie solche globalen Zukunftsfragen in ihr lokales Handeln mit einbringen, das wird vom BMZ jetzt auch gefördert. Das liegt mir auch noch mit 80 viel näher als die Vergangenheit.

Können Sie praktische Beispiele nennen, was Städte und Gemeinden tun könnten?

Sie sollten sich international engagieren und sich fragen, wie sie mit ihrem Know-how weiterhelfen, wo sie sich als Partner anbieten können. Wie geht zum Beispiel Fair Trade für eine Stadt wie Burgwedel? Das bewegt mich. Wenn eine Milliarde Menschen ohne Wasser ist, sollte Großburgwedel nicht mit Wasser rumpladdern. Ein Brunnen auf dem Domfrontplatz bleibt aus meiner Sicht ein falsches Zeichen.

Acht Jahre nach Ihrem Abschied vom Europaparlament fahren Sie noch mit dem Autokennzeichen ein Bekenntnis zu Europa spazieren.

Stimmt. EU 1957, das steht für die Römischen Verträge, mit denen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft errichtet wurde. Ich habe 1989 den gemeinsamen Auftritt von Kohl und Mitterrand im Europaparlament kurz nach dem Mauerfall miterleben dürfen. Vor der Euro-Einführung habe ich im Währungsausschuss mitgearbeitet, ebenfalls im Programmbeirat von Arte. Zu Europa gibt es keine Alternative, da müssen Sie nur auf die Soldatenfriedhöfe gehen, um das zu verstehen. Das rate ich auch immer jungen Leuten. Aber die leben Europa ja zum Glück.

Haben Sie Ihrem erlernten Beruf eigentlich nie nachgetrauert?

Bis ich 1989 das erste Mal ins Europaparlament gewählt wurde, hatte ich eine ganz moderne Tierklinik in Großburgwedel. In 25 Jahren als Tierarzt habe ich Tausende Kaiserschnitte gemacht und hatte ich Kontakt mit unheimlich vielen Menschen. Darauf werde ich bis heute angesprochen. Ein halbes Jahr lang habe ich es ausprobiert – aber zwei Dinge halb machen, das kann ich nicht. Es war also nur konsequent, mich unabhängig zu machen. Und dann war das ja eine aufregende und interessante Zeit in Europa, in der ich weltweit unterwegs sein musste. Familienfreundlich war das nicht. Aber ich war nun mal (lacht verschmitzt) ein gefragter Mann.

Sitzen Sie heute noch täglich am Schreibtisch?

Vier bis fünf Stunden, auf jeden Fall zu lange, meint meine Frau. Ich habe ein Riesennetzwerk. Und ich versende auch noch regelmäßig zusammen mit einem Bekannten einen Informationsdienst über EU-Entscheidungen, die für die Kommunalpolitik wichtig werden können. Und dann gibt es ja auch noch meine Pflichtaufgabe.

 Sie meinen den Handball. Der neue Verein startet im zweiten Halbjahr losgelöst von der TSG als Handball Hannover-Burgwedel (HHB). Bleiben Sie Vorsitzender?

Wie lange noch, weiß ich nicht. Es ist aber klar, dass ich das beizeiten in jüngere Hände legen möchte. Gerade stellen wir uns breiter auf, und wir bilden super Talente aus.

Von der Stadt haben Sie sich in der Vergangenheit mehr Unterstützung gewünscht. Ist das noch immer so?

Die Mannschaft ist, überall wo wir spielen, Werbung für Burgwedel. Wenn wir Unternehmer, die uns unterstützen, zusammenbringen, ist auch das Marketing für die Stadt. Aber wo ist sie für uns? Sie müssen sich nur die Halle angucken, die ist seit Hannes Schönhoffs und meinen Zeiten nicht mehr angepinselt worden. Einen Internetanschluss gibt es da auch nicht.

Für den Sport in Großburgwedel hat sich auch Ihre Frau Karola stark engagiert. 2015 hatte sie es nach 26 Jahren als TSG-Vorsitzende dann mehr oder weniger überraschend mit einer ganz neuen Vorstandsmannschaft zu tun, die gegen sie angetreten ist und auch gewählt wurde. Hat das auch bei Ihnen Narben hinterlassen?

Meine Frau hat sehr viel positive Arbeit für das Gemeinwohl und für die TSG geleistet. Die Mitgliederzahl ist in ihrer Zeit als Vorsitzende von 1000 auf fast 3000 gestiegen. Der Bau des AktivCenters spricht für sich. Sie hat auch viele neue Impulse gesetzt, zum Beispiel in Sachen Demenzsport. Auch wenn ich jetzt beim Ü-80-Wettkampf im Kugelstoßen im TSG-Trikot angetreten bin, hält sich meine Begeisterungsfähigkeit für die TSG heute in Grenzen.

Haben Sie sich deshalb für einen eigenständigen Handballverein starkgemacht?

Nein. Die Gründung des HHB wurde nötig, weil die TSG keinen Leistungssport mitfinanzieren wollte oder konnte.

Die einstige CDU-Hochburg Burgwedel hat seit der Wahlniederlage ihres Neffen Björn, der auf Sie und Ihren anderen Neffen Hendrik folgen sollte, keinen CDU-, sondern einen SPD-Bürgermeister. Schmerzt Sie das?

Nach den Umständen, wie es dazu gekommen ist, fragen Sie mich bitte lieber nicht. Das Wahlergebnis zeigt, dass die Burgwedeler Bürger noch ein lebendiges Empfinden für Demokratie haben. Das finde ich gut.

Zum Nimbus der Stadt Burgwedel gehört, dass sie schuldenfrei ist. Aber das könnte bald passé sein angesichts anstehender hoher Investitionen in Schulen, Kanalisation und so weiter. Was meinen Sie: Lässt sich das vermeiden?

Als Hannes Schönhoff und ich 1974 als Gemeindedirektor und Bürgermeister angetreten sind, war jeder Burgwedeler mit rund 1000 D-Mark verschuldet. Als wir 2005 aufhörten, hatte jeder ein Guthaben von 1500 Euro. Dazu gehörte auch sehr viel Verhandlungsgeschick, zum Beispiel, um das Rathaus inklusive des heutigen Rewe-Parkplatzes für 800 000 Mark vom Landkreis kaufen zu können, Rossmann am Ort zu halten oder die Umgehungsstraße zu bekommen. Was heute am schlauesten wäre ...

 ... wäre, die Gewerbesteuern zu erhöhen?

Das ist immer das Einfachste. Erst mal müsste geklärt werden: Haben wir ein Ausgabenproblem? Oder nimmt man in der jetzigen Niedrigzinsphase schnellstmöglich Geld auf, um damit Sachen wie die Kanalsanierung, die Transportleitung und so weiter zu finanzieren. Dann hat man eben mal Schulden, kann sie aber auch bedienen – das Geld kommt über die Gebühren ja wieder rein. Das wäre besser als klein-klein zu sparen. Eine Stadt braucht doch Luft zum Atmen! Vielleicht kann man ja dann später, wenn es wieder höhere Zinsen gibt, das eigene Geld gewinnbringend anlegen.

Wie feiern Sie Ihren 80. Geburtstag?

Zu Ostern kommen unsere Kinder und Enkelkinder. Wir feiern hier bei uns zu Hause im Familienkreis.

 Bürgermeister, Landrat, Europaabgeordneter

Das Geburtstagskind ist gebürtiger Osnabrücker. Seinen Vater, studierter Forstwirt, hatte der Beruf Ende der Fünfzigerjahre nach Großburgwedel verschlagen. Karsten Hoppenstedt lässt sich nach dem Studium der Veterinärmedizin Mitte der Sechzigerjahre als Tierarzt in Großburgwedel nieder. 1974 beginnt seine politische Karriere in der CDU mit der Wahl zum Bürgermeister der soeben gegründeten Gemeinde Burgwedel.

Sieben Jahre später wird der Vater von vier Kindern Landrat (bis 1989), zeitweise sitzt er dem NDR-Rundfunkrat vor. Im Europaparlament, dem er 15 Jahre von 1989 bis 2009 angehört, bekleidet er unterschiedlichste Funktionen vom kommunalpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Gruppe bis zum Vorsitzenden der Task Force Raumfahrt.

Burgwedel und die Hoppenstedts – das ist ein festes Begriffspaar: Hendrik Hoppenstedt folgte 2005 seinem Onkel Karsten nach 31 Jahren in den Bürgermeistersessel, bis er 2014 in den Bundestag wechselte. Dass die Stadtpolitik 40 Jahre lang quasi in einer Familie blieb, erinnert schon an eine Dynastie.

Diese endete, als mit Hendriks Bruder Björn, der erst im zweiten Wahlgang nominiert worden war, ein dritter Hoppenstedt Bürgermeister werden wollte, 2014 aber dem SPD-Mann Axel Düker unterlag. Onkel Karsten hatte von der Kandidatur abgeraten.

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