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Mit Sternchen gegen Diskriminierung

Burgwedel Mit Sternchen gegen Diskriminierung

Nicht alle Menschen sind entweder männlich oder weiblich. Deshalb kommt in der soeben erschienenen Informationsbroschüre der Stadt Burgwedel das sogenannte Gender-Sternchen * für eine geschlechtergerechte Sprache zum Einsatz. Andere Kommunen planen Ähnliches.

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Das Bürgerbüro ist auch ein Bürger*innenbüro, auch wenn’s nicht dransteht.

Quelle: Martin Lauber

Burgwedel. Zwischen 60 verschiedenen Geschlechtsidentitäten können zum Beispiel Facebook-Nutzer wählen. Transweiblich, genderqueer, zweigeschlechtlich oder geschlechtslos – es gibt mehr als Mann und Frau. Das hat auch Burgwedels Stadtverwaltung erkannt und wendet nun das Gender-Sternchen an, um so kein Geschlecht und keine Identität zu diskriminieren.

Das sieht für manche erst einmal ungewohnt aus: Bürgermeister Axel Düker spricht im Grußwort der neuen Broschüre die lieben „Mitbürger*innen“, „Einwohner*innen“ und „Neubürger*innen“ an. Im Heft sind wichtige „Ansprechpartner*innen“ aufgelistet. Noch komplizierter wird es bei der „Anschrift des*der Halters*in“.

Diese geschlechterneutrale Schreibweise versuchen die Autoren zwar konsequent in der ganzen Broschüre durchzuhalten. Die Ärzte in Burgwedel scheinen aber durchweg männlich zu sein und Straßenanlieger ebenso. Auch in Pressemitteilungen, den Ratsdrucksachen und Tagesordnungen, in denen es nun für „Bürger*innen“ die „Einwohner*innenfragestunde“ gibt, werde seit Jahresbeginn die Sprachregelung „konsequent und sukzessive“ angewandt, erklärt Stadtsprecherin Michaela Seidel.

Eine entsprechende Handreichung der Gleichstellungsbeauftragten sei an alle Rathausmitarbeiter gegangen. „Wir haben bisher durchweg positive Reaktionen bekommen“, sagt Seidel. Und was ist mit dem Bürgerbüro? Eine Umbenennung in Bürger*innenbüro sei nicht in Arbeit, räumt sie ein.

Burgwedels Stadtverwaltung ist in Sachen Geschlechtergerechtigkeit Vorreiter, hat sogar ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren. Die Region Hannover benutzt bei der Sprache (noch) die sogenannte Paarform, also zum Beispiel „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“. Die Gleichstellungsbeauftragte Petra Mundt hält das „Gender-Sternchen für empfehlenswert“. Andere Schreibweisen, wie das Gender-Gap („Mitarbeiter_innen“) störten dagegen den Lesefluss.

Auch in anderen Verwaltungen ist die Paarschreibweise gängig. In der Wedemark zum Beispiel stößt das Sternchen bisher auf Skepsis. Christian Bruns, Fachbereichsleiter Interne Dienste, verkündet: „Bei uns kommt das definitiv nicht.“ Auch Sabine Mossig von der Stadt Langenhagen findet die Paarschreibweise am besten: „Damit sind beide Geschlechter gleichberechtigt.“

Kommentar - Pro: Besser als nichts

Mit Sprache dafür sorgen, dass sich niemand ausgeschlossen fühlt – das kann anstrengend sein. Vor allem, weil das jeder anders tut. Mal sind es die Bürgerinnen und Bürger, mal die BürgerInnen, Bürger_innen oder auch die Bürger*innen – was richtig oder falsch ist, weiß niemand so genau. „Haben die nichts Wichtigeres zu tun?“, fragen sich einige, wenn es um das sogenannte Gendern geht. Das lässt sich eben leicht dahinsagen, gehört man selbst nicht zu den Ausgeschlossenen. Diskriminierung fängt hier an: Denn wer schon in der Sprache unsichtbar ist, bleibt es auch im wirklichen Leben. Sternchen oder Ähnliches sind noch keine ideale Lösung. Doch Sprache ist zum Glück ständig im Wandel. Wichtig ist, dass überhaupt über Diskriminierung diskutiert wird. Und wenn es dazu Gender-Sternchen in einer Infobroschüre braucht, dann ist das besser als nichts. Sicher ist das manchmal nervig, wie vieles Nötige. Aber es lohnt sich.                                                                       

Von Elena Everding

Kommentar - Kontra: Dann lieber nichts!

Ein Sternchen soll nun der große Wurf der Stadt gegen Diskriminierung sein? Das kann doch nicht ernst gemeint sein. Wen integriert ein Sternchen schon? Was bringt ein willkürlich gesetztes Satzzeichen schon mehr, als es die Aufzählung „Bürger und Bürgerinnen“ bisher tat? Wer macht sich jetzt mehr Gedanken darüber als zuvor? Wahrscheinlich niemand. Da wird landauf, landab überlegt, wie eine geschlechtsneutrale Anrede aussehen kann, dabei hätte doch eine inhaltlich fundierte öffentliche Debatte weitaus mehr Sinn als diese druckfrische Antidiskriminierung. Es ist wichtig, Diskriminierung und Toleranz zum Thema zu machen. Jede Gender-Debatte sollte mit Leidenschaft geführt werden. Allein: Merkwürdige Schreibweisen, die regelmäßig geändert und nirgends einheitlich angewandt werden, bringen wirklich keinem etwas. Und überhaupt: Wie spricht man Bürger*innen denn laut aus?       

Von Carina Bahl

Die Broschüre: 94 Seiten Wissenswertes über Burgwedel

„Informationen“ steht nüchtern über den Farbfotografien von Amtshof, Rathaus und Spielplatz: Die neue Broschüre der Stadt Burgwedel ist in den vergangenen Tagen an alle Haushalte verteilt worden. Nicht nur für Neubürger ist sie als Alltagshelfer nützlich: Auf 94 Seiten gibt es Zahlen, Daten wie auch Historisches über die Stadt, einen Überblick über die Verwaltung und die politischen Gremien, über Vereine und Verbände, Schulen, Kitas und dazu jede Menge Adressen von Gesundheitsdienstleistern.

Das quadratische Format ist bei der mittlerweile 13. Auflage beibehalten worden. Der Großburgwedeler Fotograf Michael Plümer lieferte neue Bilder, die die Stadt nun wieder auf dem aktuellen Stand zeigen. Immerhin stammte der Vorgänger aus dem Jahr 2012 – inklusive einem Grußwort des früheren Bürgermeisters Hendrik Hoppenstedt. Geändert hat sich auch der Umfang: Die neue Broschüre hat 30 Seiten mehr. Das bietet Platz auch für Wissenswertes über häusliche Pflege, Pflegestufen, Betreuungs- und Entlastungsleistungen für Angehörige, dazu eine Liste von Pflegediensten und -heimen. Alle Ärzte samt Fachrichtung wie auch Therapeuten sind aufgeführt. Zudem sind mehr Vereine und Verbände als vorher berücksichtigt.

Stadtsprecherin Michaela Seidel und ein Kollege haben mehr als ein halbes Jahr lang alle Daten der Vorgängerausgabe überprüft, aktualisiert, neue hinzugefügt und viel Sorgfalt verwandt auf eine geschlechtsneutrale Schreibweise. Zur schnellen Orientierung ist ein Stadtplan beigefügt, das dazugehörige Straßenverzeichnis findet sich auf den letzten Seiten der Broschüre. „Auch diesmal kann das Infoheft im Internet eingesehen werden“, erklärt Seidel. Bis auf die Honorare für die Fotografien, die die Stadt auch für ihre Öffentlichkeitsarbeit brauche, werde die Broschüre des Ancos-Verlages komplett über Werbung finanziert.

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Fotostrecke Burgwedel: Mit Sternchen gegen Diskriminierung

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Von Elena Everding

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